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"Die Schulkooperationen spiegeln unser Leitbild in Hinblick auf Diversität wider."

In der Bildungsabteilung des Jüdischen Museums Berlin

9. Oktober 2014


Vom 13. bis 14. Oktober findet im Jüdischen Museum Berlin die Abschlusstagung des Projektes „Vielfalt in Schulen“ statt. Die Kubinaut-Redaktion hat diese interessante Veranstaltung zum Anlass genommen und mit Diana Dressel (Leitung Bildungsprojekte) und Rosa Fava (Projektleiterin „Vielfalt in Schulen“) über die Bildungs- und Vermittlungsarbeit des Museums und Schulkooperationen gesprochen.

Wo setzt das Jüdische Museum Schwerpunkte in der Bildungs- und Vermittlungsarbeit?

Diana Dressel: Es gibt zwei thematische Schwerpunkte: Zum einen deutsch-jüdische Geschichte und Judentum im Vergleich zu anderen Religionen, zum anderen die Vielfalt unserer heutigen Migrationsgesellschaft. Dieser Schwerpunkt war zunächst begründet auf den Minderheitenstatus des Judentums in Deutschland und wird auf religiöser, ethnischer und kultureller Ebene betrachtet. Die Gründung der Akademie und des neuen Bereiches Akademieprogramme Migration und Diversität stärken diesen neuen Schwerpunkt. Dabei richten sich die Akademieprogramme an Forscher, Wissenschaftler sowie interessierte Erwachsene. Die Bildungsabteilung wendet sich vor allem an Schüler, Lehrkräfte und Multiplikatoren. Leitbild für unsere Bildungsarbeit ist die Vision des Museums, aktiv am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen. Unseren Fokus haben wir dabei ganz klar auf Schulen gelegt, weil hier ein großer Bedarf vorhanden ist. Von Anfang an haben vor allem Berliner Gymnasien das Bildungsprogramm intensiv genutzt. Grundschulen nutzen vor allem die Feiertagsprogramme. Seit drei Jahren bemühen wir uns verstärkt um Integrierte Sekundarschulen. Unsere Projekttage passen wir an die jeweiligen Bedürfnisse der Schulen an.

Was muss sich der interessierte Besucher unter der neu eröffneten Akademie des Jüdischen Museums vorstellen?

Diana Dressel: Die Akademie liegt vis-á-vis vom Haupteingang des Museums und vereint Akademieprogramme, Archiv, Bibliothek und die Bildungsabteilung unter einem Dach. Neu sind  Seminarräume, eine Werkstatt und der Garten der Diaspora.

Ihre Webseite besticht durch ein großes Angebot. Wie können sich Schulen am besten einen Überblick über Ihr Programm verschaffen?

Diana Dressel: 70 Prozent unserer Gruppenbesuche sind Schulklassen oder Lehrer. Deutschlandweit erhalten Schulen daher halbjährlich einen Bildungsnewsletter mit einer Programmauswahl. Zusätzlich übernimmt das Buchungsbüro eine wichtige beratende Funktion. Alle Veranstaltungen sind auch online auf der Seite für Kinder, Schüler und Lehrer zu finden.

Uns interessiert ganz besonders die Kooperationskultur des Jüdischen Museums mit Schulen. Kommen wir auf die Kooperation mit der Kreuzberger Refik-Veseli-Schule zu sprechen, die Sie seit 2012 führen. Haben Sie noch andere Kooperationen oder ist das die erste große langfristige Kooperation mit einer Schule, die das Jüdische Museum Berlin eingegangen ist?

Diana Dressel: Unsere erste Partnerschule war das Albrecht-Dürer-Gymnasium in Neukölln. Die Refik-Veseli-Schule ist unsere zweite Kooperationsschule. Das Programm ist auf vier Jahre angelegt. Bis Ende des Jahres wird evaluiert. Hinzu kommen die Kooperationen mit den drei Partnerschulen des Projekts „Vielfalt in Schulen“. Seit 2014 haben wir mit der Galilei-Schule die erste Grundschule im Programm.

Im besten Falle spiegeln die Schulkooperationen unser Leitbild in Hinblick auf Diversität wider. Wir möchten neben Gymnasien auch andere Formen weiterführender Schulen ansprechen. Die Patenschule sollte in Kreuzberg liegen, da wir uns um Besucher_innen aus der unmittelbaren Nachbarschaft bemühen.

Die Kooperationen haben zwei Ziele: Die Schulklassen erhalten Vergünstigungen und evaluieren für uns im Gegenzug die Programme. Ihr Feedback wird in die Entwicklung neuer Programme integriert. Dies hat den schönen Effekt, dass die Schüler_innen auch merken, dass ihre Meinung zählt. Unser zweites Ziel und auch das der Schulleitung ist es, dass die Lehrer_innen die Kooperation innerhalb des Curriculums nutzen. Gemeinsam mit einer Kerngruppe von Lehrkräften haben wir einen Plan ausgearbeitet, bei dem sich die Angebote des Jüdischen Museums mit den Anforderungen des Schulcurriculums überlappen. Ein positives Beispiel ist die Geschichtswerkstatt an der Refik-Veseli-Schule. Dabei handelt es sich um eine Schülergruppe, die im Rahmen eines Wahlpflichtfaches einmal pro Woche mit Museumspädagogen_innen und Lehrer_innen gemeinsam im Jüdischen Museum arbeitet.

Die Namenswahl der Schule Refik Veseli geht übrigens auf die Kooperation zurück. Refik Veseli war ein albanischer Moslem, der die Juden vor der Verfolgung versteckt hat. Die Schüler kamen auf den Namen im Rahmen eines Schüleraustauschs mit Israel und einem Besuch von Yad Vashem. Der Schulname wurde demokratisch gewählt. Das war ein ganz besonderes Ereignis für die Schüler.

Die Zusammenarbeit mit den Kooperationsschulen ist für uns sehr aufwändig, weil wir partizipativ arbeiten und uns auf die Wünsche der Schüler_innen einlassen. Die Refik-Veseli-Schule hat uns zum Beispiel im letzten Jahr um Unterstützung bei der Jahrgangsstufenfahrt in die Türkei gebeten. Eine Museumspädagogin war bei der Fahrt dabei. Die Schüler_innen haben zu jüdischem und muslimischem Leben in der Türkei gearbeitet und anschließend eine Fotoausstellung zu Synagogen und Moscheen in der Türkei in der Akademie des Jüdischen Museums gezeigt.

Was muss eine Schule tun, wenn sie an einer Zusammenarbeit interessiert ist?

Diana Dressel: Für Anfragen sind wir immer offen. Manchmal kommt die Initiative von den Lehrkräften, manchmal von Eltern, wie im Falle der Galilei-Grundschule hier nebenan. Im letzten Schuljahr war die Galilei-Schule bei Projekttagen hier und wir haben eine Schülerbefragung darüber durchgeführt, welche Themen die Schüler an unserem Museum besonders interessieren. Im September war das gesamte Lehrerkollegium zu einem Studientag im Museum. Bereits im zweiten Jahr besteht eine Kooperation mit dem Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Pankow – mit den Schnelllernern der Klassenstufe 8. Die Schule hat sich für außerschulischen Lernunterricht entschieden und war letztes Jahr mehrfach im Jüdischen Museum. Wir sind natürlich sehr froh, wenn wir drei oder vier Wochen im Rahmen des Unterrichts mit den gleichen Schülern arbeiten können. Das ist die Richtung, in die wir gerne gehen möchten, länger mit Gruppen zu arbeiten und nicht nur Kurzzeitpädagogik zu machen.

Fotoausstellung „Türkei. Tag + Nacht“ der Patenschule des Jüdischen Museums Berlin, © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Nadja Rentzsch
Fotoausstellung „Türkei. Tag + Nacht“ der Patenschule des Jüdischen Museums Berlin, © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Nadja Rentzsch


Kommen wir auf das Projekt „Vielfalt in Schulen“ und die Tagung im Oktober zu sprechen: wie kam es zu diesem anspruchsvollen Projekt, das sie in Kooperation mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und mit Unterstützung der Stiftung Mercator durchführen?

Rosa Fava: Es gab auf ganz vielen Ebenen Interesse, etwas anders zu machen. Die Idee war intensiver und länger mit Schulen zusammenarbeiten und auf der Ebene der Schulentwicklung mit tätig zu werden. Mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung fanden wir eine Institution, die mit einzelnen Lehrern und der Schule als System sehr viel zu tun hat und so kam die Zusammenarbeit zustande.

Das Projekt hat zwei Besonderheiten, einerseits der Realität der Migrationsgesellschaft Impulse zu geben und Schulen besser auf die migrationsbedingte Heterogenität einzustellen und andererseits gibt es den Anspruch mit Lehrerinnen und Lehrern über einen festgelegten Zeitraum ganz intensiv zusammenzuarbeiten. Viele Projekte fokussieren sich ja eher auf Schüler_innen und deswegen nimmt das Projekt alle, die an Schulen wirken, mit in den Blick. Natürlich ist Schulentwicklung nicht per se etwas, was Museen grundsätzlich leisten können oder auch sollen. Wir haben also ein Experiment gewagt, aus dem wir Erfahrungen gewonnen haben, welche unsere Bildungsarbeit insgesamt bereichert haben. Wir haben aber auch bemerkt, dass wir unsere hohen Ansprüche hier und da etwas zurückschrauben mussten.

Wie verlief das Projekt?

Rosa Fava: Wir haben mit drei Partnerschulen über drei Jahre kooperiert: einer Gemeinschaftsschule in Spandau, einer Integrierten Sekundarschule in Wedding und einem Gymnasium in Kreuzberg. Aus dem Kollegium haben sich jeweils drei bis sieben Lehrer_innen beteiligt. Im Prozess haben die Lehrer_innen schnell begriffen, dass es sich bei dem Projekt um ein Lehrerbildungsprojekt und vor allem um ihre eigene Rolle im Schulsystem handelt.

Das Modul „Diversity Training“ spielte eine sehr wichtige Rolle, weil es dort um die Frage ging, was die Migrationsgesellschaft überhaupt ist. Wir haben uns auf den diskriminierungsorientierten Ansatz fokussiert, der die Benachteiligung als Ausgangspunkt nimmt, die stark mit sozialer Herkunft oder der Migrationsgeschichte in der Familie zusammenhängt. Diese Diskriminierung findet auch im Schulsystem und Bildungssystem insgesamt statt, u.a. wenn an den Übergängen zwischen Grundschule und weiterführender Schule ein in der Regel un- oder halbbewusstes Aussieben nach den genannten Kriterien stattfindet. Viele Lehrkräfte befassten sich zum ersten Mal mit dem Thema. Bei den ein bis zwei Tage dauernden Diversity Trainings befassten sie sich mit gesellschaftlichen Fragen, auch die Hinwendung zu den Schüler_innen war wichtig. Ein Lehrer hat formuliert: „Hier in der Schule sind wir weißen Lehrer eigentlich die Minderheit und eigentlich müssen wir uns kulturell anpassen…“ Es ging uns darum zu spiegeln, dass es eine Hierarchie zum Beispiel zwischen dem Lehrer- und Schülerdasein gibt und dass Schüler_innen Elternteile haben, die eingewandert sind, dass aber Lehrer und Lehrerinnen das Leben in der Migration meist nicht kennen. Unser größter Erfolg in dem Projekt ist, dass wir es bei allen Beteiligten der drei Schulen geschafft haben, ein Verständnis dafür zu entwickeln.

Die anderen Module schlossen sich daran an und hatten immer einen Doppelcharakter – nämlich eigene Kompetenzen weiterzuentwickeln und Wege zu finden Erkenntnisse an Schüler_innen oder das Kollegium weiterzutragen. Unterrichtsplanung oder methodische Aspekte waren Bestandteile der Workshops. Wir haben zum Beispiel zu Diversität in Jugendliteratur mit konkreten Buchempfehlungen gearbeitet.

Diana Dressel: Für die Buchempfehlungen zum Thema Diversität hat das Museumskollegium ein Jahr lang Kinder- und Jugendbücher gelesen. Diskriminierende Sprache in den Klassikern der Schulliteratur wurde Anfang 2013 stark diskutiert. Wir wollten dem positive Beispiele entgegensetzen. Die Liste lesenswerter Bücher ist ein Ergebnis davon. Der Leseclub setzt sich fort und unser Kollegium aus unterschiedlichen Abteilungen lesen jetzt Jugendliteratur zum Thema Nationalsozialismus, weil das die Schulen am häufigsten nachfragen. Unser Ziel ist es, dass Schüler_innen Judentum nicht nur als die exotische Religion im Religionsunterricht kennengelernt oder sich im Geschichtsunterricht allein mit der Opferrolle der Juden im Nationalsozialismus auseinandergesetzt haben. Gerade beim Thema Nationalsozialismus sollen Juden als handelnde Akteure in den Mittelpunkt gerückt werden. Deshalb empfehlen wir auch Bücher, die aus dem jüdischen Blickwinkel geschrieben sind.

Kommen wir noch einmal zurück zu „Vielfalt in Schulen“. Es ging um die Herausbildung von Diversitätskompetenzen. Wie genau lassen Sie das in die Tagung einfließen?

Rosa Fava: Im Mittelpunkt stehen die Bedeutung der Migrationsgesellschaft und wie wir darüber ins Gespräch kommen können. Es gibt Handreichungen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung – zum Beispiel zur Begleitung von Veränderungsprozessen oder zur Organisation von Dialogtagen an Schulen. Wir stellen Beispiele aus der Theaterpädagogik, aus der Ausstellungsarbeit oder Literatur vor. So zeigen wir an der Graphic Novel „Ein neues Land‘“ von Shaun Tan, wie eine Schule nach Wegen gesucht hat, Schüler_innen, die ganz neu eingewandert sind, mit den anderen zusammenzubringen.

Wir haben diese Tagung als praxisorientierte Fachtagung organisiert. Es wird viele Workshops geben, die sich mit konkreten Beispielen im Schulalltag auseinandersetzen: Lehrkräfte der beteiligten Projektschulen, unserer Kooperationsschulen und auch andere Schulen berichten über ihre Erfahrungen. Hier kann man mit anderen über Herangehensweisen ins Gespräch kommen, ganz konkrete Hinweise erhalten und neue Kontakte knüpfen. Gleichzeitig stehen Diversity Trainings auf dem Programm. Zudem werden Prozesse verdeutlicht, wie man einen Dialogprozess anstoßen kann und wie man diesen im gesamten Kollegium kommuniziert. Für genau solche Dinge brauchen Schulen Unterstützung, denn die passieren nicht von allein. Dieser Aspekt von Schulentwicklung und Schulbegleitung ist sehr wichtig für die Schulen. Diversität ist in Schulkonferenzen neben Drogenprävention oder Berufsorientierung normalerweise eines von 30 Themen, das dann ganz schnell abgehakt wird. Deswegen begreifen wir Diversität als Querschnittsthema, weil es sich in allen Bereichen wiederfinden lässt.

Zielgruppen unserer Tagung sind aber nicht nur Lehrkräfte oder andere Pädagogen an Schulen, sondern auch Museumspädagogen oder Personen anderer Bildungsträger. Wir haben das Projekt mit wichtigen strategischen Partner_innen durchgeführt. Und uns weitere Kompetenzen dazu geholt – sei es die Universität der Künste Berlin, bei welcher der Vielfaltsgedanke im Vordergrund steht oder die freien Träger des Bildungsbereichs, bei denen die Expertise zu den Themen Benachteiligung und Antidiskriminierungspädagogik vorhanden ist. Deswegen soll auf der Tagung auch vermittelt werden, wie die Perspektiven Schule, Museum und Kooperationen zusammengedacht werden können.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch. Wir wünschen eine anregende und produktive Tagung mit vielen Teilnehmer_innen!

Das Interview führte Dominik Rauchfuß.

"Die Schulkooperationen spiegeln unser Leitbild in Hinblick auf Diversität wider."

Schüler der Patenschule des Jüdischen Museums Berlin, © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Nadja Rentzsch

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