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Christine Gerbich, Museumswissenschaftlerin

"Nachhaltige Strukturen allein führen noch nicht zum Ziel."

Redaktion Kubinaut: In dem neu erschienenen Buch „NeuZugänge – Museen, Sammlungen und Migration“* schreibst Du über aktive Beteiligung von Publikum an Museumsarbeit. Was verstehst Du unter Partizipation im Museumkontext?

Christine Gerbich: Partizipation im musealen Kontext bedeutet, den gesellschaftspolitischen Auftrag von Museen ernst zu nehmen, Transparenz zu schaffen, Diskussionen zu ermöglichen, unterschiedlichen Standpunkten Raum zu geben und für Veränderungen offen zu sein.
Partizipation ist ja ein Grundprinzip demokratischer Gesellschaften. Sie dient der Meinungs- und Willensbildung, durch sie werden Entscheidungen legitimiert. An etwas teilzuhaben, mitgestalten zu können, beinhaltet die Chance, sich über eigene Standpunkte klar zu werden, Argumente auszutauschen, Konflikte konstruktiv auszuhandeln. Diese Teilhabe kann nur freiwillig geschehen. Letzteres hört sich trivial an, ist es aber nicht: Zu einer eigenen Meinung zu kommen, diese gegenüber anderen verständlich zu artikulieren und sich trauen, sie in die Diskussion einzubringen fällt dem einen leichter als dem anderen. Partizipation muss man üben. Dafür braucht es Räume und Strukturen, die für alle zugänglich sind. Die Diskussion, ob Museen solche Räume sein sollen und können ist keineswegs neu. Insbesondere im Bereich musealer Vermittlung hat man sich hierzu schon früh Gedanken gemacht.
An den Vermittlungsbereich denken viele als erstes, wenn es um Teilhabe im Museum geht. Mittels partizipativer Vermittlungsstrategien möchte man das Publikum zum Nachdenken anregen, neue Horizonte erschließbar machen, zur kritischen Auseinandersetzung mit einem bestimmten Thema motivieren. Es gibt da auch in Berlin bereits sehr viele gute Ansätze, zum Beispiel die Ausstellung „Was glaubst du denn?“ über Muslime in Deutschland oder die Aktion „Wünsch Dir Was“ der Staatlichen Museen, bei der Jugendliche dazu eingeladen wurden, sich kritisch mit Kunst, Kultur und der Institution Museum auseinanderzusetzen. Im Rahmen der Ausstellung „NeuZugänge“ wurde das Publikum aufgefordert, sich aktiv mit der Frage zu beschäftigen, was Museen sammeln sollten, um die kulturelle Vielfalt Berlins für zukünftige Generationen zu dokumentieren.
Die Vermittlungsarbeit im Rahmen bestehender Ausstellungen ist jedoch nur eine Facette partizipativer Museumsarbeit. In dem Projekt Experimentierfeld Museologie haben Susan Kamel und ich uns damit beschäftigt, wie Ausstellungen entstehen. Dabei geht es auch um Fragen der Repräsentation: Wer setzt welches Thema auf die Agenda? Wer bestimmt, welche Objekte wie präsentiert werden? Welche Inhalte werden ausgeklammert? An wen richtet sich die Ausstellung – und an wen nicht? Partizipation bedeutet hier, Inhalte zur Diskussion zu stellen, Deutungshoheiten in Frage zu stellen. Dieser Aushandlungsprozess kann ganz unterschiedlich aussehen: Von einmaligen Diskussionsrunden über kollaborative Projekte mit Mitgliedern bestimmter sozialer Gruppen bis hin zu Ausstellungen, bei denen die Kuratoren nur noch unterstützende Strukturen übernehmen, ist da alles möglich.
Diese Formen der Auseinandersetzung sind auch in anderen musealen Bereichen denkbar. Die Aufgabe von Museen besteht ja nicht nur darin Ausstellungen zu realisieren, sondern auch in der Sammlung, Bewahrung und Erforschung von materiellen und immateriellen Zeugnissen. In jedem dieser Aufgabenbereiche werden Entscheidungen getroffen, die später unser Bild der Welt bestimmen. Deshalb ist es wichtig zu fragen: Wer sammelt und wessen Sammlungen werden öffentlich gemacht? Was wird nicht gesammelt? Was wird aus welchem Grund als erhaltenswertes Kulturgut eingestuft und was nicht? Welche Objekte werden unter welcher Perspektive von wem beforscht?
Für manche mag es abwegig klingen, diese Fragen in einem öffentlichen Rahmen zu diskutieren. Schließlich gibt es ja das wissenschaftliche Personal. Es geht hier aber keineswegs darum, die Expertise der Kolleginnen und Kollegen abzuwerten, sondern sie zu befruchten, zu erweitern und auch anderen Perspektiven und Denkanstößen Raum zu geben. Das Sammeln, Forschen, Bewahren und Vermitteln geschieht ja auf der Grundlage bestimmter wissenschaftlicher Traditionen und ist auch nicht unabhängig von der persönlichen Biographie der Museumsprofis. Beides sind wichtige Punkte: Wissenschaftliche Theorien und Methoden entstehen ja nicht im luftleeren Raum. Und auch die Scientific Community ist nicht für alle sozialen Gruppen gleichermaßen zugänglich: Menschen mit Migrationsgeschichte, Behinderte, Menschen aus bildungsfernen Elternhäusern sind unter den wissenschaftlichen MitarbeiterInnen vieler Museen vergleichsweise selten anzutreffen. Sie bringen aber möglicherweise neue, interessante, kritische Sichtweisen, Expertisen und Fragen mit, weil sie in anderen Berufen tätig sind, Erfahrungen mit anderen Lebenswirklichkeiten haben usw. Das gilt selbstverständlich für alle Leute, die von außen kommen. Und um eine gängige Kritik gleich vorneweg zu nehmen: Es geht bei solchen Prozessen nicht darum, alle zu allem einzuladen, in alles einzubeziehen und dann unreflektiert irgendwelche Meinungen zu übernehmen. Sondern sich konstruktiv auseinanderzusetzen, zu reflektieren, sich gegenseitig zu inspirieren, vielleicht auch neue Akzente zu setzen.

Ein Ergebnis des Museumsdiwans:  Ausschnitt aus der Medienstation zur Ausstellung Samarra - Zentrum der Welt.", alle Filme abrufbar unter http://bit.ly/17EB7RL
Ein Ergebnis des Museumsdiwans: Ausschnitt aus der Medienstation zur Ausstellung Samarra - Zentrum der Welt.", alle Filme abrufbar unter http://bit.ly/17EB7RL

Wo siehst Du besonderen Bedarf?

Partizipation ist zurzeit in vielen gesellschaftlichen Bereichen ein wichtiges Thema. Damit es nicht zu einem Schlagwort verkommt, sollte man sich zu Beginn jeder Diskussion zunächst klar werden, worum es eigentlich genau geht: Museen unterscheiden sich in Bezug auf die sozialräumlichen Kontexte, in die sie eingebettet sind, aber auch in Bezug auf ihre Größe, ihre thematische Ausrichtung, ihre finanziellen Spielräume, ihr Verhältnis zu unterschiedlichen Öffentlichkeiten, ihre Entstehungsgeschichte. Partizipative Strukturen und Prozesse können ebenfalls sehr unterschiedlich aussehen. Und auch die KooperationspartnerInnen können sehr unterschiedlich sein: Es gibt da eine sehr große Bandbreite.
Dem entsprechend sehe ich auch in Bezug auf die Einbettung oder Optimierung partizipativer Strukturen für jedes einzelne Museum zunächst Klärungsbedarf: Was genau ist eigentlich unser Ziel? Wo können und sollen Einflussmöglichkeiten geschaffen werden? Die Erfahrungen viele Häuser zeigen, dass es für die zukünftige Arbeit hilfreich ist, diese Fragen im Team zu diskutieren und in einem Leitbild zu verankern. Darin kann konkretisiert werden, warum, auf welche Weise und wie nachhaltig bestimmte Strukturen sein sollen, wie offen sie für unterschiedliche Kooperationspartner sind und inwiefern hier Nachhaltigkeit angestrebt wird, was genau mit den Ergebnissen partizipativer Prozesse geschehen soll und kann. Auch Zielgruppen können in so einem Leitbild benannt werden. Dafür ist es hilfreich, Informationen über Besucherstrukturen zu haben und über die Meinungen und Wünsche von Besucherinnen und Nichtbesuchern Bescheid zu wissen. Von Berufs wegen muss ich an dieser Stelle davor warnen, einfach Fragebögen an der Kasse auszulegen. Professionelle, systematische Besucherforschung lohnt sich!
Zudem wissen wir bereits aus vielen Praxisberichten, dass Partizipation zwar schön ist, aber viel Arbeit macht: Wir brauchen qualifiziertes Personal, das in der Lage ist, langfristig nachhaltige Netzwerke aufzubauen und zu pflegen. Dies gilt nicht nur, aber vor allem, wenn es um Kooperationen mit sozial Benachteiligten geht. Vertrauen entsteht nicht von heute auf morgen. Diese Form der Nachhaltigkeit ist jedoch mit Mitarbeiterinnen, die in temporären und teilweise prekären Verhältnissen arbeiten nicht leicht realisierbar. Hier muss langfristig ein Umdenken stattfinden – etwa wenn es um die Beantragung von Mitteln und die Schaffung neuer Stellen geht.
Nachhaltige Strukturen allein führen aber noch nicht zum Ziel. Es ist notwendig, immer wieder unsere Sichtweisen und Vorurteile in Bezug auf die jeweiligen Partnerinnen und Partner zu reflektieren. Und wir müssen uns klar machen, dass es auch von Seiten potentieller Kooperationspartner in Bezug auf Museen Vorurteile oder Ängste gibt. Eine wichtige Erfahrung im Projekt Experimentierfeld Museologie war der große Respekt, den einige unserer Workshopteilnehmerinnen vor Museen hatten. Sie haben sich zunächst nicht getraut, Kritik zu äußern. Es ist auch nicht immer leicht, zur Teilhabe zu motivieren. Hier gilt es nach wie vor, Schwellenängste abzubauen und eine für alle Seiten angenehme Atmosphäre zu schaffen. Ein in sozialer und kultureller Hinsicht vielfältiges Team erleichtert diesen Dialog.
Im Übrigen ist mir bewusst, dass sich partizipative Strukturen nicht von heute auf morgen implementieren lassen. Ich bin Sozialwissenschaftlerin, keine Sozialromantikerin. Man muss da Schritt für Schritt gehen. Sowas braucht viel Zeit, Geld, Selbstreflexion, Geduld, Mut und Kooperationsbereitschaft unterschiedlichster Akteure. Ich sehe das aber ganz positiv: Weder Menschen noch Organisationen verändern sich von heute auf morgen. Wichtig ist, dass wir in der Diskussion bleiben und uns über das austauschen, was gut gelungen ist und – was ich fast noch wichtiger finde – wo es hakt.

Ausstellungsbesuch mit den Teilnehmerinnen des Museumsdiwans
Ausstellungsbesuch mit den Teilnehmerinnen des Museumsdiwans

Inwiefern profitieren die Museen und das Publikum von solchen Beteiligungsprozessen?

Laut der Definition des Internationalen Museumsrats ICOM sind Museen Einrichtungen, die im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung stehen und die für die Öffentlichkeit zugänglich sein sollen. Partizipative Strukturen helfen dabei, diese Aufgabe zu bewerkstelligen und auch museumsferne Gruppen einzuladen. Solche Prozesse sind auch eine gute Chance, die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit in die Hand zu nehmen, zu erleichtern und Wissenschaftsförderung zu legitimieren. Es ist ja für manche Menschen nicht einfach zu verstehen, warum zum Beispiel Geld in die Erforschung von Scherben gesteckt wird. Im Verlauf des Experimentierfelds Museologie haben Susan Kamel und ich mit vielen Leuten gesprochen, die uns ganz unterschiedliche Aspekte nannten, warum sie an Workshops oder Diskussionsrunden teilgenommen haben: das Gefühl, als Mitglied einer bestimmten Gruppe ernst genommen zu werden; Denkanstöße zu bekommen; sich mit anderen Menschen auszutauschen, mit denen man sonst nicht in Kontakt gekommen wäre, durch die Sammlungen den eigenen Horizont zu erweitern, über sich selbst zu reflektieren, Fragen formulieren zu können, etwas darüber zu lernen, wie Ausstellungen gemacht werden.
Die Frage war ja, inwiefern Museen und das Publikum von solchen Beteiligungsprozessen profitieren können. Man könnte auch umgekehrt fragen: Was verlieren Museen, die diese partizipativen Strukturen nicht implementieren?

Christine Gerbich studierte Soziologie, Germanistik und Medien- und Kommunikationswissenschaften in Mannheim und den USA und arbeitete anschließend für unterschiedliche Institutionen im Bildungs-, Kultur- und Gesundheitssektor als Evaluatorin. Bis Januar 2013 war sie im Projekt "Experimentierfeld Museologie" für den Bereich Besucherforschung und Ausstellungsevaluation zuständig. Seit November 2012 ist sie Doctoral Fellow an der Berlin Graduate School of Ancient Studies und erforscht partizipative Strategien zur Vermittlung archäologischer Objekte im Museum.

NeuZugänge. Museen, Sammlungen und Migration. Eine Laborausstellung.
(gemeinsam mit Lorraine Bluche, Susan Kamel, Susanne Lanwerd und Frauke Miera), erschien im Frühjahr 2013; im Herbst veröffentlicht sie gemeinsam mit Susan Kamel den Band "Experimentierfeld Museum. Internationale Perspektiven auf Museum, Islam, Inklusion." Beide Bände erscheinen im transcript-Verlag.

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