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Interview mit Stefan Horn - Stadtkunstverein urban dialogues

Das Stadtkunstprojekt urban dialogues widmet sich seit 1998 der künstlerischen Erforschung des sozialen und urbanen Raumes der Großstadt. Der Verein zeichnet sich durch seine vielfältige Erfahrung mit partizipativen Jugendprojekten aus. Die Kubinaut-Redaktion hatte die Gelegenheit, den künstlerischen Leiter und Mitbegründer des Vereins, Stefan Horn, zu seiner Arbeit zu befragen.

Interview: Alexandra Giebel

Urban dialogues

Kannst du einen Einblick geben, was eure Mission ist und wie urban dialogues entstanden ist?

Der Hintergrund ist, dass wir vor bald 20 Jahren die Veranstaltung »urban dialogues outside« gemacht haben. Damals versuchte eine Gruppe junger Theatermacher*innen dem schwarzen Kasten des Theaters zu entfliehen und unmittelbar auf unser Publikum zuzugehen. Wir haben uns mit den damals noch existierenden Brachen in Berlin-Mitte beschäftigt, vor dem Hintergrund, dass diese bald verschwinden würden und haben versucht, diesen Zeitgeist irgendwie einzufangen. Zum Beispiel bespielten wir die Brachen mit Licht- und Soundinstallationen oder Tanzperformances. Es war eine Art »Unsichtbares Theater« und ein Ansatz für ortsspezifische Interventionen. Wir haben uns immer wieder damit beschäftigt, was ein Ort zu erzählen hat, was da für Geschichten schlummern und das dann konsequent weiterbetrieben.

Also ihr nehmt die Stadt künstlerisch unter die Lupe, sozusagen.

Genau. Wir nennen es künstlerische Forschung. Bis vor ein paar Jahren war das schwierig zu vermitteln. Aber inzwischen dämmert es den Leuten, dass es diese Multidisziplinarität im Forschen gibt. Als Künstler*innen können wir ganz anders mit bestimmten Fragestellungen umgehen, als die »klassische« Forschung. Wir wenden Methoden an, mit denen wir über die Sinne bestimmte Dinge wahrnehmen. Das sind Methoden, mit denen man auch ganz speziell mit Jugendlichen arbeiten kann, die man relativ schnell einsetzen kann, ohne dass man einen großen Verständnishintergrund voraussetzen muss.

Wie kann man sich das konkret vorstellen? Was für Projekte habt ihr im Bereich der Kulturellen Bildung gemacht?

Ein Beispiel ist »Archiv der Zeichen - Inventur einer Großstadt«, ein Projekt, das auch die Entwicklung von urban dialogues verdeutlicht. In diesem Fotografie-Recherche-Projekt haben wir mit sozial benachteiligten Jugendlichen eine Art fotografische Schnitzeljagd durch Berlin gemacht, die Ergebnisse haben wir anschließend über mehrere Wochen auf großen Billboards im U-Bahnhof Jannowitzbrücke ausgestellt.

Was genau passierte bei dieser fotografischen Schnitzeljagd?

Es ging darum, unter bestimmten Themen wie Graffiti oder Sicherheit die Stadt zu beobachten, zu fotografieren, die Fotos dann zu kategorisieren und ins Netz zu stellen. Wir haben dabei versucht, die Jugendlichen darauf zu fokussieren, eine Bildbeschreibung zu machen. Am Anfang kam da nicht viel mehr raus als »Ick find dit Bild jut, weil dit is cool«. Aber man konnte ihnen dann relativ schnell klarmachen, was eine Bildbeschreibung ist: beschreib’ mal, was ist vorne, was ist im Hintergrund, was ist links und rechts. Scheinbar stupides aber genaues Beschreiben. Und erst danach probier’ mir zu erzählen, warum du dieses Bild interessant findest.

Das Verblüffende war, dass diese logische Herangehensweise relativ schnell greift bei Jugendlichen. Sie bringt sie dazu, Inhalte sehr präzise beschreiben und zunächst einleiten zu können, um was es geht, bevor sie in eine Interpretation gehen. Sie kommen über die Bilder wieder zur Sprache zurück. Das können sie auch übertragen, wenn sie zum Beispiel beim Jobcenter der/m Fallmanager*in erstmal genau den Sachverhalt erklären, um dann Wünsche zu äußern. Aus diesem Projekt ist eine umfassende Methode entstanden, die sich von Ort zu Ort wiederholen lässt. Wir wollten dann aber nicht mehr nur auf Berlin ausgerichtet sein, sondern das Urbane verstehen, indem wir Städte miteinander vergleichen.

Was habt ihr dann gemacht?

Daraus ist dann das große Projekt »Signs of the City  - Metropolis Speaking« entstanden, wo wir diese Methode in vier europäischen Städten - Berlin, London, Sofia und Barcelona - angewandt haben. Die entstandenen Bilder flossen alle auf eine Datenbank, wo sie über Schlagworte abrufbar gemacht wurden. Wenn du zum Beispiel alle Graffitis in rot sehen willst, dann bekommst du alle roten Graffitis aus den vier Städten angezeigt und die jeweiligen Autor*innen der Bilder werden darüber benachrichtigt. Darüber entsteht also eine Form der Kommunikation ausschließlich über Bilder. Im Grunde ist die Herangehensweise die, die Instagram später professionalisiert hat.

Es entsteht also eine Form der Kommunikation durch konkrete Erfahrungen?

Genau. Aber die konkrete Erfahrung ist bereits eingebunden in ein Bild. Sie ist künstlerisch zum Ausdruck gebracht. Man hat dann wirklich auch über diese verschiedenen Workshops im Projekt das Prinzip des Empowerments angewandt, also Künstler*innen arbeiten über Fotografie mit Jugendlichen.

Was genau bedeutet für euch Empowerment von Jugendlichen?

Das heißt für uns, sie dort abzuholen, wo ihre Interessen sind, sich aber nicht nur von ihren Interessen leiten zu lassen, sondern ihnen darüber hinaus noch eine andere Perspektive zukommen zu lassen. Ihnen die Möglichkeit zu geben, hinter die »Kulissen« zu schauen. Wenn Bilder heutzutage in nicht geringem Masse unser Leben bestimmen, dann muss ich verstehen, wie Bilder gemacht werden, wie sie funktionieren und einen auch manipulieren können. Erst mit Hilfe dieser neuen Reflexionsebene bin ich bemächtigt, mit diesen Bildern den nächsten Schritt zu tun. Auf der Gegenseite geben wir den Jugendlichen aber nicht nur »Werkzeuge« in die Hand, sondern erhalten auch Einblicke darin, wie sie Stadt wahrnehmen.

In welchen Projekten habt ihr das noch umgesetzt?

Vor Kurzem haben wir das Projekt »Die Vermessung der Stadt« gemacht. Dort haben wir versucht, über verschiedenste Methoden des Messens mit Jugendlichen die Stadt Berlin zu erkunden. Das war sowohl tonbasiert, d.h. es wurden Geräuschkulissen aufgenommen, wir haben unter anderem aber auch mit GPS-Graffiti gearbeitet. Also du malst dich selbst über Bewegung und ein GPS-Gerät in die Stadt ein. Anstatt den Namen deiner Freundin oder deines Freundes in die U-Bahn-Scheibe zu ritzen, läufst du ihn durch die Stadt. Das Interessante ist, dass das ein Akt ist, der nur physisch machbar ist, danach wird aber aus dem Ganzen eine Digitaldatei. Die ist dann wiederum nur auf einem Bildschirm zu sehen. Solche digital-analogen Schnittstellen beschäftigen uns im Augenblick am meisten.

Und wieso genau dieser Fokus?

Der Hintergrund ist, dass es im Zeitalter dieser immer weiter greifenden Digitalisierung eine große Sorge gibt, dass wir uns im Digitalen auflösen. Wenn wir aber genau hinschauen, dann ist es so, dass Jugendliche ein viel besseres Verständnis dafür entwickelt haben, wann sie im Digitalen und wann sie im Analogen sind und diese zwei Ebenen miteinander verbinden können. Hier sollte der Lerneffekt umgedreht werden: Wir müssen von diesen »Digital Natives« lernen, anstatt sie zu belehren über etwas, was wir selber gar nicht verstehen. Natürlich gibt es auch Gefahren, aber die sind nicht größer als bei jeder anderen Technologie. Wir haben zum Beispiel letztes Jahr zusammen mit Jugendlichen ein Projekt zur Entwicklung eines filmisches Konzepts für die Prävention von sexuellem Missbrauch gemacht. Dabei haben wir uns u.a. mit aktuellen Studien zum Mediennutzungsverhalten Jugendlicher beschäftigt. Da wird all diese so volkstümlich ausgeplauderte Skepsis widerlegt. Jugendliche wissen, wie sie sich im Digitalen schützen und was besser nicht zu machen ist. Ein Beispiel, das das gut verdeutlicht: Jugendliche haben heutzutage sehr leichten Zugriff zu harter Pornografie, und das würde ja heißen, dass sie die dort gezeigten Rollenmodelle permanent praktizieren. Das ist aber nicht der Fall. Sie können zwischen dem, was dort flimmert und ihren eigenen Werten unterscheiden. Wenn sie also wirklich mitgenommen werden sollen in der Art und Weise, wie so eine Präventions-Film-Kampagne funktioniert, dann muss ich sie ernst nehmen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Nur so können wir von innen kennenlernen, wie dieses heikle Thema unter Jugendlichen kommuniziert wird.

Daran anknüpfend würde ich gerne fragen: Wie macht ihr das mit dem partizipativen Arbeiten? Welche Ebenen spannt ihr ein? Beginnt das schon bei der Konzeption?

Es hat sich als schwierig erwiesen, diese unterste Ebene der Partizipation zu machen, nach dem Motto: »Wir fangen mit einem leeren Blatt Papier an und treffen alle Entscheidungen zusammen«. Jugendlichen fällt es leichter, wenn man ihnen einen Rahmen für die ersten Schritte bietet, um ihnen dann Freiraum zu lassen und die Herangehensweise im Projektverlauf an ihre Bedürfnisse anzupassen. Deshalb haben wir immer eine Prozessbegleitung dabei, die uns beobachtet und entsprechend eingreifen kann.

Und wie geht es jetzt weiter?

Wir gehen im Augenblick in unserem Projekt LABOURGAMES der Frage nach, wie wir mit Spielentwicklung als Lernmethode Dinge vorantreiben können. Ein anderer Schwerpunkt wird sein, angelehnt an den Abschlussbericht zum Kurzfilmprojekt für die Prävention sexuellen Missbrauchs in Zusammenarbeit mit Jugendlichen einen Film-Prototypen zu entwickeln.

Herzlichen Dank für diese spannenden Einblicke in eure Projektarbeit!

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