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Künstler-Duo Eva Hertzsch und Adam Page und Schulleiter Georg Krapp

Redaktion Kubinaut: Ihr arbeitet seit über fünf Jahren in der Albert-Schweitzer-Schule und beschäftigt euch mit dem Thema Stadtentwicklung, bzw. Kiezentwicklung. Wo liegt der Schwerpunkt Eurer Projekte?

Eva Hertzsch: Wir wollen in den Schüler_innen ein Bewusstsein wecken, dass die Ideen und Wünsche von Anwohner_innen wichtig für ihren Stadtteil sind und im Sinn einer Identifizierbarkeit und nachhaltigen Nutzung umgesetzt werden sollen. Unsere Projekte sind langfristig angelegt, um den ganzen Weg mit den Schülerinnen zu gehen – von der politischen Bildung am Anfang über Kommunikationsstrategien bis zur dauerhaften Gestaltung im Kiez am Ende. Unsere persönliche Motivation ist, die Standardisierung und Regulierung des öffentlichen Raumes punktuell zu durchbrechen.

c/o Zeinab, 2014
c/o Zeinab, 2014

RK: Der Wunsch nach Schul- und Kiezgestaltung ist offensichtlich bei den Schüler_innen da. Was ist nötig, um diesen Wunsch zu erfüllen?

Adam Page: Um genug Zeit dafür zu haben, müsste das Thema Teil des Lehrplans sein. So hätten Lehrer_innen und Projektpartner genug Zeit, eine theoretische Grundlage im Unterricht zu schaffen. Die Theorie könnte mit Projekttagen und Bildungsreisen ergänzt werden und dazu kämen Praktika in Planungsbüros und Ämtern. Abschlussarbeiten könnten z.B. Beteiligungen bei Berliner Planungswettbewerben sein oder konkrete Gestaltungsaufgaben im Kiez. Hierfür müssten die Bezirksämter für Bauen und für Schulen, die Schulleitungen und die Projektpartner „offiziell“ zusammenkommen und ein gemeinsames Konzept entwickeln.

Georg Krapp: Wichtig dafür sind personelle, sachliche und finanzielle Ressourcen. Um ein nachhaltiges Arbeitsklima zu ermöglichen, müssen außerschulische qualifizierte Partner über einen längeren Zeitraum zusammenkommen können. Dafür muss eine Arbeitsatmosphäre geschaffen werden. Für die finanzielle Absicherung solcher Vorhaben brauchen wir Kooperationen mit staatlichen Institutionen wie den Bezirksämtern oder der Senatsverwaltung. Zudem muss Partizipation noch viel stärker in den Unterricht integriert werden.

RK: Herr Krapp, wie kam das, dass die Künstler_innen sich in der Schule seit Jahren mit dem Thema Kiezentwicklung engagieren? Was bedeutet das für Ihre Schule und was macht das Projekt mit Ihren Schüler_innen? Ist Ihre Schule schon Vorbild geworden?

Georg Krapp: Es war Wunsch der Schule, die Jugendpartizipation zu stärken und die Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung in das schulische Leben zu integrieren. In Kontakt mit Künstler_innen kamen wir durch die Kooperation mit dem Kulturamt Neukölln im Rahmen des Jugendpartizipationsprojekts "Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße".

Das Thema hat zur Stärkung des Schulprofils als Bildungs- und Integrationszentrum an einem sozialen Brennpunkt beigetragen. Ob wir zu einem Vorbild für andere geworden sind, kann ich dabei nicht beantworten. Aber es ist offensichtlich, dass die Schüler_innen ihr Selbstbewusstsein stärken, Verantwortung übernehmen und teamfähiger werden. Sie lernen Abstimmungs- und Durchsetzungsprozesse im politisch-gesellschaftlichen Feld kennen und sammeln Erfahrungen in der Organisation der administrativen Ebenen und bei komplexen Entscheidungsfindungen.

Foto: Eva Hertzsch und Adam Page
Foto: Eva Hertzsch und Adam Page

RK: Gerade läuft in der Schule das Projekt PIICE?, welches im Rahmen des Stadtforums 2030 stattfindet. Beim Stadtforum 2030 sollen Visionen für Berlin im Jahr 2030 erarbeitet werden. Welche Visionen und Wünsche haben Schüler_innen in dem Projekt erarbeitet?

Adam Page: Uli Hoeneß soll der Nachwuchsarbeit des Berliner Fußballverbands viel Geld spenden. Reisen, Nebenjobs und sinnvolle Praktika sollen als „Lernmaterial“ offiziell anerkannt werden. Die BSR soll Recyclingmülltonnen wie in den S-Bahnhöfen aufstellen. Jeder Mensch soll in Berlin willkommen sein. Mehr Battles, mehr Brandwände, mehr Aufträge für bezahlte Graffitimaler. Mehr Parks wie das Tempelhofer Feld. Die Familienväter sollen sparen, anstatt ein neues Auto zu kaufen.

RK: Wie begleitet ihr die Jugendlichen dabei?

Eva Hertzsch: Für das Projekt haben wir über das gesamte Schuljahr eine Nachmittags-AG angeboten, das heißt jede Woche 90 Minuten mit sechzehn Schüler_innen des 8. und 10. Jahrgangs. Ziel der AG ist, neue Bilder für den von Schüler_innen 1983 gestalteten „Friedensturm“ auf dem Albert-Schweitzer-Platz herzustellen. So bleiben ihre 2030-Aufforderungen dauerhaft im öffentlichen Raum zu sehen. Am Anfang der AG haben wir gemeinsam über Arbeit, Schule, Familie, Kiez gesprochen und ihre Wirkungsfelder im städtischen Raum. Seit November mündet dies zeichnerisch in die individuellen Ideen der Schüler_innen und wir helfen ihnen bei der grafischen Umsetzung.

Projekt PIICE? Albert-Schweizer-Schule, Foto: Philip Metz
Projekt PIICE? Albert-Schweizer-Schule, Foto: Philip Metz

RK: Mit welchen (künstlerischen) Ausdrucksmitteln arbeitet ihr in dem Projekt? Wie verschaffen sich Jugendliche heutzutage Gehör?

Eva Hertzsch: Die Schüler_innen stellen 70 x 70 cm große Schablonen her für die Darstellung ihrer Ideen. Die Ideen bzw. Aufforderungen werden auf Holzplatten schabloniert und am Friedensturm vor der Schule angebracht. Sie sind vervielfältigbar an Wänden in der ganzen Stadt.

RK: Wie unterscheiden sich die Visionen der Jugendlichen heute von Ihren vor 30 Jahren?

Georg Krapp: Für einen Vergleich meiner Visionen als Jugendlicher und den Jugendlichen von heute muss ich nicht 30, sondern 45 Jahre zurückgehen. Meine Generation in der Endphase der "68er" war im Unterschied zu Jugendlichen der Gegenwart ganz stark geprägt von politischen und gesellschaftlichen Visionen: Friedenspolitik, Abrüstung, Ostpolitik, Stärkung demokratischer, freiheitlicher Prozesse gegenüber der Elterngeneration, die in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus sozialisiert wurden. Wir entwickelten damals erste ökologische Visionen, die vor allem durch "Global 2000" und den Club of Rome ausgelöst wurden.

RK: Und welche Wünsche haben Sie selbst?

Adam Page: Ich hoffe, Berlin lernt von der unerträglichen Wohnmarktsituation in fast allen anderen europäischen Hauptstädten, bevor es zu spät ist. Berlin soll die Leute fragen, die aus London, Madrid, Paris oder Rom hierher gezogen sind, wie es ist, dort jeden Tag neunzig Minuten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren zu müssen, um von zu Hause in die Stadt zu gelangen. Es hilft nur konsequentes Mietkapping.

Georg Krapp: Mein Wunsch ist, die Schüler_innen zu befähigen, realistische Pläne für die Zukunft Berlins zu entwickeln – unter Einbeziehung politisch-gesellschaftlicher, demographischer, ökologischer und finanzieller Prognosen.

RK: Vielen Dank für das Gespräch!

Adam Page und Eva Herztsch
Die Projekte des Künstlerteams Eva Hertzsch und Adam Page reflektieren die Strategien und Hierarchien, die der urbane Lebensraum prägen. Sie beschäftigen sich mit der Umwandlung des öffentlichen Raums vom Allgemeingut zum Produkt, die Entwertung des Sozialen zugunsten einer Aufwertung des Ökonomischen und die Eventisierung der Stadt. Sie arbeiten mit einer gemeinschaftsorientierten Praxis, die die Kunst als ein Mittel des Austausches und des Teilens versteht. Anhand der entstehenden Kooperationen mit Bürgergruppen ist ihr Ziel, die Teilhabe an künstlerisch-kulturellen Prozessen in neuen sozialen Zusammenhängen zu erweitern. Seit 2008 arbeiten sie mit Schüler_innen des Albert-Schweitzer-Gymnasiums zum Thema Stadtentwicklung in Neukölln. Sie leben mit zwei Kindern in Berlin. www.dieadresse.wordpress.com und www.piice2030.wordpress.com

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