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Manuela Elsaßer, Bezirksamt Lichtenberg

Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Stadtentwicklung Gestaltung des Freiaplatzes in Lichtenberg

„Ich wünsche mir, dass auf dem Freiaplatz ältere Menschen, Kinder und Jugendliche Platz finden“ Alexander, 12 Jahre

Redaktion Kubinaut: Frau Elsaßer, Sie arbeiten seit 2008 als Leiterin der Kinder- und Jugendbeteiligung in Berlin Lichtenberg, laut Webseite, „eine Anlaufstelle für alle Kinder und Jugendliche im Bezirk Lichtenberg, die sich einmischen und mit gestalten wollen.“ Seit 2010 haben Sie eine Umgestaltung bzw. Neugestaltung von zehn Spielplätzen und Freiflächen, darunter ein Landschaftspark in Berlin Lichtenberg, mit der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen koordiniert.
Wie werden Kinder und Jugendliche zur Teilnahme an solchen Projekten angesprochen? Wer ist der Initiator von solchen Beteiligungsprojekten und welche Akteure nehmen an dem Prozess teil? Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Manuela Elsaßer: Nehmen wir doch dafür das Beispiel der Neugestaltung des Freiaplatzes: Der Spielplatz auf dem Freiaplatz sollte saniert werden, die Grünanlage behutsam unter Erhalt des alten, wertvollen Baumbestandes und der Hauptwegebeziehungen überarbeitet und neu erlebbar gemacht werden.
In einigen Gesprächen und einem Kiezspaziergang mit den Klassensprecher_innen der Grundschule „Auf dem lichten Berg“ und dem Jugendstadtrat von Lichtenberg wurde deutlich, dass die Kinder und Lehrer_innen dieser Grundschule ein besonderes Interesse haben, ihr Umfeld, ihren Kiez mit gestalten zu wollen. Deshalb wurde diese Schule eingeladen, sich am Beteiligungsprozess zur Neugestaltung des Stadtplatzes einzubringen.

Umgestaltung des Freiaplatzes, Foto: Planungsbüro gruppe F
Umgestaltung des Freiaplatzes, Foto: Planungsbüro gruppe F

RK: Wie werden Kinder und Jugendliche in ein planerisches Konzept einbezogen und wann endet ihr „Einsatz“?

ME: In einem altersentsprechenden Beteiligungsworkshop in der Jugendbegegnungsstätte „Plexus“ wurden mit viel Spaß und Kreativität die Ideen der Jungen und Mädchen gesammelt und ein Modell gebaut, welches „ihren“ Freiaplatz darstellte. Dabei zeigte sich eine besondere Fähigkeit von Kindern und Jugendlichen, auch die Interessen und Bedürfnisse anderer Nutzer_innen zu sehen und zu bedenken: Wichtig war den Kindern neben interessanten Spielangeboten auch ein Platz zur Erholung für ältere Menschen und eine von Hunden möglichst verschonte Wiesenfläche zum Toben und Ausruhen. Auch über den derzeit kaum genutzten Kiosk wurde viel diskutiert.

Nach einem Aushandlungsprozess mit dem Planungsbüro und dem Bezirksamt stellten die Kinder ihr Planungsergebnis auf einer Bürgerversammlung vor. Das vom Amt für Umwelt und Naturschutz beauftragte Planungsbüro „Gruppe F“ griff die Anregungen der Schüler_innen und Anwohner_innen auf und erläuterte verschiedene Gestaltungsvarianten. Vor Beginn der endgültigen Ausführungsplanung gab es im Jahr 2012 eine weitere Informationsveranstaltung des Bezirksamtes zu den geplanten Maßnahmen, die sich auch an die Kinder und Jugendlichen richtete.

Während der Bauphase wurde sich einige Male über den Entwicklungsstand mit den Kindern verständigt und im August 2013 konnte der Freiaplatz wieder eröffnet werden.

Viele Menschen aus Politik, Verwaltung und aus der Bürgerschaft stellten anerkennend fest, dass die Umgestaltung ein gelungenes Projekt war. Auch Alexander ist dabei gewesen und hat mit stolzer Stimme erklärt, welche Ideen er und seine Mitgestalter_innen eingebracht hatten.

RK: Welche ist Ihre Aufgabe in diesem Prozess als Koordinatorin für Kinder- und Jugendbeteiligung?

ME: Wenn Baumaßnahmen durch das Bezirksamt geplant werden, die sich auf Spielplätze, Straßenüberquerungen, Stadtplätze oder andere Baumaßnahmen beziehen, welche Kinder und Jugendliche betreffen, schaue ich, welche Institutionen sich im Umfeld befinden. Dann komme ich mit Lehrer_innen, Erzieher_innen oder Sozialarbeiter_innen ins Gespräch und stelle mein Anliegen vor. In den besten Fällen haben die Erwachsenen eine partizipative Haltung und anschließend sprechen wir die Kinder und Jugendlichen an und entwickeln mit ihnen einen Fahrplan (siehe Beispiel Freiaplatz).

Umgestaltung des Freiaplatzes, Foto: Planungsbüro gruppe F
Umgestaltung des Freiaplatzes, Foto: Planungsbüro gruppe F

RK: Was können Kinder und Jugendliche - Ihrer Erfahrung nach - im Kontext der Stadtentwicklung, was die Erwachsenen nicht können?

ME: Es ist nun mal so, dass wir uns als Erwachsene natürlich noch an unsere Kindheit erinnern können, aber meistens ist bei den Verantwortlichen seitdem doch schon eine gewisse Zeit vergangen. Kinder wissen am besten, was ihnen gefällt, warum also fragen wir nicht die, die es betrifft? Wenn wir z. B. einen Spielplatz neu gestalten wollen, wissen Kinder am besten, was sie von einer tollen Spielfläche erwarten. Wichtig ist hierbei auch, dass von Anfang an klar gemacht werden muss, dass es sich um einen Prozess handelt, in dem auch Abstriche und Kompromisse gemacht werden müssen – das Demokratieverständnis muss je nach Altersgruppe begreifbar gemacht werden.

Der gesamte Beteiligungsprozess umfasst mehrere Schritte. Die Kinder und Jugendlichen müssen am gesamten Prozess beteiligt werden und es müssen kontinuierlich Rückmeldungen gegeben werden. Der Umgang mit Planungsbüros zeigt, dass es auch dort unterschiedliche Haltungen zur Partizipation gibt. Aus meiner Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Planer_innen muss ich aber sagen, dass die meisten Büros eine Zuarbeit von den jungen Experten_innen – schätzten und offen waren für Beteiligungsworkshops. Ich habe sehr wertschätzenden Umgang zwischen Kindern, Jugendlichen und Planer_innen erlebt.

In den meisten Fällen habe ich sehr beeindruckte Lichtenberger_innen erlebt, die überrascht waren, wie genau junge Menschen ihre Wünsche, Vorstellungen und Ideen einbringen können. Darüber hinaus ist es für mich immer wieder erstaunlich, dass Kinder und Jugendliche nicht nur an ihre Altersgruppe denken, sondern sehr solidarisch auch an ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen und an Familien.

Umgestaltung des Freiaplatzes, Foto: Planungsbüro gruppe F
Umgestaltung des Freiaplatzes, Foto: Planungsbüro gruppe F

RK: Was kann man aus Ihrer Sicht noch verbessern?

ME: Was können wir besser machen? Ich denke, dass Kinder- und Jugendbeteiligung in allen Bereichen, die Kinder und Jugendliche betreffen, als Querschnittaufgabe verstanden werden muss.

Insbesondere wenn wir auf das 25. Jahr der UN-Kinderrechtskonvention schauen. Die UN-Kinderrechtskonvention wurde am 20. November 1989 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen angenommen. Am 5. April 1992 ist die UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland in Kraft getreten. Nach dem Übereinkommen haben Kinder einen Anspruch auf besondere Fürsorge und Unterstützung, auf Förderung und Schutz, eine gewaltfreie und sie schützende Erziehung, auf Bildung und Ausbildung, auf eine Erziehung zu demokratischen Einwohnerinnen und Einwohnern sowie auf ihre angemessene Beteiligung am politischen und gesellschaftlichen Leben.

In diesem Sinne brauchen wir Erwachsene, die Rahmenbedingungen schaffen, in denen sich Kinder und Jugendliche an den sie umgebenden Prozessen gut beteiligen können.

Für das Jahr 2014 ist, neben vielen kleinen Beteiligungsprojekten, die Spielleitplanung für die Frankfurter Allee Nord (FAN) geplant, welches ein noch junges Instrument für Kinder- und Jugendbeteiligung in der Stadtentwicklung ist.

RK: Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Manuela Elsaßer arbeitet seit 6 Jahren als Koordinatorin für Kinder- und Jugendbeteiligung im Bezirksamt Lichtenberg. Sie ist gelernte Erzieherin und war sowohl im Kindertagesstättenbereich, als auch in mehreren Jugendfreizeiteinrichtungen tätig. Zurzeit studiert sie Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule in Berlin Karlshorst. Sie lebt in Berlin und ist Mutter einer 12jährigen Tochter.

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