Navigation Kulturelle Bildung

Seraphina Lenz, Künstlerin

Redaktion Kubinaut: Mit dem Konzept Die Werkstatt für Veränderung (2003 bis 2010) hast Du ein Kunst-am-Bau Wettbewerb für die Gestaltung des Carl-Weder-Park in Berlin-Neukölln gewonnen. Es war das erste Mal in Berlin, dass die Jury ein Konzept ausgewählt hat, welches langfristig angelegt war und die lokale Bevölkerung aktiv in die Gestaltungsprozesse einbezogen hat. Über die Jahre wurde der Park zu einer Pferdekoppel, Eintopfküche, Balkon für alle, nächtlicher Lesesaal, Filmset, Festplatz, usw. Was war Deine Motivation?

Seraphina Lenz: Die künstlerische Motivation hatte mehrere Aspekte. Zum einen war es die Herausforderung mit der, für einen Park, schwierigen Fläche von 30 mal 300 Metern umzugehen. Als ein weißes Pferd in dieser Fläche seinen Bewegungs- und Lebensraum erhielt, konnte man beobachten, wie sich das lange, schmale Rechteck neu strukturierte. Die Bewegungen des Tieres, die Vertikalen der Zaunpfähle, die Verknappung von Raum für die Besucher und Besucherinnen. Folge war eine soziale Verdichtung – es gab weniger Platz und so etwas wie eine „Erste Reihe“ am Gatter.

Die zweite Motivation bestand darin, mit allen Konsequenzen über eine lange Zeitpanne mit einem Stück Stadtraum umgehen zu dürfen. Ich habe versucht, auf spielerische Art an der Aufgabe zu arbeiten und mit den Anwohner/innen darüber ins Gespräch zu kommen, was dieser Park ist und was er sein kann.

RK: Der Park befindet sich in einer Gegend, die zu den sozial Schwächeren gehört und zum Großteil von Mitbürgern mit unterschiedlichen kulturellen Herkünften bewohnt ist. Wie bist Du in Kontakt mit der Nachbarschaft gekommen? Wie hast Du die Menschen vor Ort zur Beteiligung eingeladen? Wie haben sie auf die Einladung reagiert? Hat sich der Kontakt über die Jahre verändert und was hat die Zusammenarbeit mit den Beteiligten gemacht?

SL: In einer Großstadt darf man grundsätzlich von heterogenen Lebensweisen ausgehen. Ich glaube nicht, dass die soziale Struktur eines Kiezes wesentlichen Einfluss darauf hat, wie Leute gerne eingeladen werden möchten. Wir haben alle unmittelbaren Anwohner_innen mit Einladungskarten informiert, haben Handzettel verteilt und zwei Wochen vor Projektbeginn stand mein Container im Park, mit einem großen Banner bespannt.

Es war nie ein Problem, mit den Leuten in Kontakt zu kommen, die sowieso schon draußen waren, denn ich war einige Wochen lang täglich dort. Der direkte Kontakt hat sich über die Jahre entwickelt und war für meine Planungen und die Bekanntheit des Projekts im Kiez entscheidend. Eine ganze Reihe von Protagonisten hat das gesamte Projekt begleitet. Sie wählten sich Aufgaben aus, definierten ihre eigene und teilweise auch meine Rolle. Diese Gruppe ist bis zum Ende des Projekts stetig gewachsen.

Die Werkstatt für Veränderung (2003-2010), Projekt von Seraphina Lenz, Carl-Weder-Park in Berlin-Neukölln, Foto: Lothar M. Peter
Die Werkstatt für Veränderung (2003-2010), Projekt von Seraphina Lenz, Carl-Weder-Park in Berlin-Neukölln, Foto: Lothar M. Peter
Die Werkstatt für Veränderung (2003-2010), Projekt von Seraphina Lenz, Carl-Weder-Park in Berlin-Neukölln, Foto: Lothar M. Peter
Die Werkstatt für Veränderung (2003-2010), Projekt von Seraphina Lenz, Carl-Weder-Park in Berlin-Neukölln, Foto: Lothar M. Peter
Die Werkstatt für Veränderung (2003-2010), Projekt von Seraphina Lenz, Carl-Weder-Park in Berlin-Neukölln, Foto: Lothar M. Peter
Die Werkstatt für Veränderung (2003-2010), Projekt von Seraphina Lenz, Carl-Weder-Park in Berlin-Neukölln, Foto: Lothar M. Peter

RK: Das Projekt ist inzwischen abgeschlossen. Was passiert jetzt mit dem Park ohne Seraphina Lenz? Sind 7 Jahre ausreichend, damit die Nachbarschaft die Verantwortung und Fortführung Deiner Idee selbst übernimmt?

SL: Der Anspruch, dass irgendwer meine Idee fortführt ist unangemessen. Im Unterschied zu den Anwohner_innen hatte ich Ressourcen zur Verfügung um das Projekt zu realisieren. Ich habe meine Arbeit so definiert, dass die Situationen, die ich initiiere, geeignet sind, andere, manchmal besondere Erlebnisse im Park zu erzeugen. Man konnte die Erfahrung machen, dass Veränderung möglich ist – dass es auch ganz anders geht. Das kann vielleicht den einen oder die andere anregen, mit einer Situation kreativ umzugehen und etwas Neues zu probieren. Das kann, muss aber nicht zwangsläufig im Carl-Weder-Park sein.

RK: Die Werkstatt für Veränderung ist nun vorbei, aber das Thema bleibt für Dich aktuell. Unter anderem realisierst Du gerade das Projekt Was formt die Stadt? - ein Alphabet in Zusammenarbeit mit der Sekundarschule Skalitzer Straße und der Reinhold-Burger-Schule als eines der drei Projekte der kulturellen Bildung, die im Rahmen des Stadtforums 2030 stattfinden. Womit beschäftigen sich Jugendliche bei dem Projekt? Was möchtest Du Ihnen vermitteln?

SL: Ich arbeite mit fünf siebten Klassen. Mich interessiert, was 13-jährige über die Stadt wissen, in der sie leben und was für sie relevant ist. Danach frage ich sie. Wir unternehmen Ausflüge, arbeiten mit Fotografie, Pappe und Knete. In der aktuellen Projektphase geht es darum, den Themen auf die Spur zu kommen.

Vermitteln möchte ich, dass Berlin sich in einem permanenten Veränderungsprozess befindet und dass hinter den Veränderungen Konzepte und Entscheidungen stehen, die zu gestalterischen Ergebnissen führen. Wenn sich heute Kinder fliegende Autos wünschen oder Obdachlose verbieten möchten, ist es interessant darüber zu reden, welche konkreten Konsequenzen Wünsche haben können. Diese Perspektive kann es den beteiligten Kindern und Jugendlichen ermöglichen, eigene Einflussmöglichkeiten zu entdecken und die Stadt als einen Prozess zu begreifen, an dem sie beteiligt sind, ob sie wollen oder nicht.

RK: Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Mindmap Burger, Stadtforum 2030, (c) Seraphina Lenz
Mindmap Burger, Stadtforum 2030, (c) Seraphina Lenz
Worte finden, Stadtforum 2030, (c) Seraphina Lenz
Worte finden, Stadtforum 2030, (c) Seraphina Lenz
Freiplastik Kevin, Stadtforum 2030, (c) Seraphina Lenz
Freiplastik Kevin, Stadtforum 2030, (c) Seraphina Lenz
Fernsehtürme, Stadtforum 2030, (c) Seraphina Lenz
Fernsehtürme, Stadtforum 2030, (c) Seraphina Lenz

Seraphina Lenz 
Ihre künstlerische Praxis beinhaltet Interventionen im Öffentlichen Raum, Partizipationskunst, Konzeptkunst.
Langzeitprojekt: Die Werkstatt für Veränderung (2003 bis 2010) war Teil eines städtischen Wandlungsprozesses in einem Gebiet in Berlin Neukölln, das Ende der 1990er Jahre durch den Bau der A100 durchschnitten wurde. Als Überdeckelung der Autobahn wurde der Carl-Weder-Park angelegt, für dessen künstlerische Gestaltung das Bezirksamt einen Wettbewerb auslobte. Die für Kunst-am-Bau-Verfahren ungewöhnliche Aufgabe bestand darin, einen auf zehn Jahre angelegten Prozess zu entwickeln. Jedes Jahr wurde eine Ortsverwandlung eingeplant, die eine andere mögliche Nutzung implizierte, jenseits vordergründiger Nützlichkeit. Der Park wurde Pferdekoppel, Eintopfküche, Balkon für alle, nächtlicher Lesesaal, Filmset, Festplatz. Über die Jahre bildete sich eine wachsende Gruppe von Besuchern und ein wachsender Schatz gemeinsamer Erinnerungen an neue und andere Möglichkeiten, an denen die Anwohner einen eigenen Anteil hatten und die dadurch Realität wurden.

"Kunst und kulturelle Bildung bereichern Berlin als Metropole, sie bereichern auch Stadtentwicklung und Planung."

Elke Plate ist Projektleiterin für das Stadtentwicklungskonzept Berlin 2030, welches unter der Federführung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt erarbeitet wird.

Mehr…
"Kinder wissen am besten, was ihnen gefällt, warum also fragen wir nicht die, die es betrifft?"

Manuela Elsaßer arbeitet seit 6 Jahren als Koordinatorin für Kinder- und Jugendbeteiligung im Bezirksamt Lichtenberg.

Mehr…
"Mehr Battles, mehr Brandwände, mehr Aufträge für bezahlte Graffitimaler."

Im Gespräch mit dem Künstler-Duo Adam Page und Eva Hertzsch und dem Leiter der Albert-Schweitzer-Schule Georg Krapp über ein langjährige Kooperation.

Mehr…
"Erst einmal bin ich Künstlerin und keine Politikerin."

Mit ihren subtilen, kritischen und komplexen Bauten und Strukturen arbeiten Köbberling/Kaltwasser an einer Ästhetik des Widerstands gegen unsere eindimensional ausgerichtete Lebensumwelt.

Mehr…
"Mich interessiert, was 13-jährige über die Stadt wissen, in der sie leben und was für sie relevant ist."

Von 2003 bis 2010 führte Seraphina Lenz das Projekt Die Werkstatt für Veränderung im Neuköllner Carl-Weder-Park durch.

Mehr…
"Ich glaube, es ist nicht so gut durchmischt in Berlin."

Anne Paffenholz über 19 Interviewer im Alter zwischen 15 und 28 Jahren, die von Juli bis Oktober 2013 in allen zwölf Berliner Bezirken, um Gleichaltrige zum Thema „Wohnen in Berlin“ zu befragen.

Mehr…
SAVE THE DATE! KulturBilder Vol. 13 ALLES BERLIN?!

Die nächste Klubreihe zur kulturellen Bildung fragt: Braucht die Stadtentwicklung künstlerisch-partizipative Perspektiven?

Mehr…
Linkliste

Hier haben wir eine umfangreiche Linksammlung zu interessanten Berliner Initiativen, Institutionen, Netzwerken und Projekten zusammengefasst, die sich mit dem Zustand und der Zukunft der Stadt befassen.

Mehr…