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Dr. Christine Regus, Berliner Senatskulturverwaltung

Redaktion Kubinaut: Frau Dr. Regus, als Leiterin des Referats Einrichtungsförderung für Museen, Gedenkstätten, Bibliotheken und Einrichtungen Bildender Kunst in der Berliner Senatskanzlei - Kulturelle Angelegenheiten liegt Ihnen daran, die Vermittlungsarbeit an Berliner Museen zu verbessern. Was macht für Sie gute Kulturelle Bildung im Museum aus?

Dr. Christine Regus: Museen haben ja per se einen Vermittlungs- und Bildungsauftrag und den nehmen die Berliner Museen auch wahr. Gerade in den letzten Jahren hat sich da viel getan. Während man früher manchmal dachte, dass es den Museumsleuten nur um die eigene Publikationsliste und die jeweilige Fachszene geht, ist deutlich zu spüren, dass die Häuser sich für andere und junge Leute öffnen und teilweise wirklich sehr attraktive Vermittlungs- und Bildungsangebote schaffen. Aber es geht natürlich immer noch mehr. Wenn man bedenkt, dass man bis 18 Jahre in den öffentlich geförderten Berliner Museen freien Eintritt hat, könnten schon noch mehr junge Leute ins Museum gehen, finde ich.

Und das ist es, was für mich gute kulturelle Bildung im Museum ausmacht: Junge Leute begeistern und ihnen vermitteln, dass die Museen auch ihre Häuser und die Sammlungen auch ihre Schätze sind! Es geht also um größtmögliche Offenheit – alle sollen da abgeholt werden, wo sie stehen, und die Hemmschwellen, ins Museum zu gehen, müssen endlich abgebaut werden. Außerdem geht es nicht ohne Orientierung an den Interessen der Zielgruppe. Es soll lustvoll und leidenschaftlich zugehen, wenn man sich mit Kultur befasst. Das schließt Ernsthaftigkeit nicht aus. Gerade Kinder und Jugendliche sind nicht einfach zu packen und schon gar nicht nachhaltig zu begeistern, wenn man ihnen etwas anbietet, was sie nicht interessiert.

RK: Können Sie uns das an einem Beispiel verdeutlichen?

CR: Ich finde, die Berlinische Galerie hat sich in den letzten Jahren sehr bemerkenswert entwickelt. Da gab es beim Direktor, Dr. Thomas Köhler, den starken Willen, im Bereich Kulturelle Bildung was zu bewegen. Es fehlten wie immer die Ressourcen. Aber er hat sich sehr intelligent mit Partnern zusammengetan, und so hat sich seit 2004 das Atelier Bunter Jakob. in Zusammenarbeit mit dem Verein Jugend im Museum Jugend im Museum entwickelt. Das Museum stellt einen Werkraum zur Verfügung, Kinder können sich in den Ausstellungsräumen frei bewegen. Es gibt ein festes Künstler-Team im Atelier, das frühzeitig in die Ausstellungsplanung und -inhalte einbezogen wird. Die Angebote bestehen aus einer klugen Mischung von bewährten Formaten und Experimenten, die auch mal schiefgehen können, aber wichtig sind. Aktuelle Programme werden den Interessen der Kinder und Jugendlichen entsprechend entwickelt; spontane Änderungen sind möglich. Und, was ich ganz zentral finde: es gibt eine starke Orientierung am direkten Umfeld und der Nachbarschaft des Museums. So haben sie es im Atelier Bunter Jakob geschafft, dass von den über 3000 Kindern und Jugendlichen, die 2013 das offene Atelier nutzten oder auch an den Freizeit- und Ferienkursen, Familiensonntagen oder Projekttagen teilnahmen, 60 % einen Migrationshintergrund haben.

 

Tagung mit Dr. Christine Regus. Foto: Kulturprojekte Berlin
Tagung mit Dr. Christine Regus. Foto: Kulturprojekte Berlin

RK: Bei der Tagung „Zwischen Anspruch und Möglichkeit!? Kulturelle Bildung an Berliner Museen“ im November 2012 haben Sie betont, dass Kulturelle Bildung in den Strukturen der Museen besser verankert werden muss. Was genau heißt das?

CR: Kulturelle Bildung muss Chefsache sein. Für das Gelingen Kultureller Bildung in Museen ist meines Erachtens unabdingbar, dass ein Museum sich tatsächlich öffnen will − und das von der Direktion bis zum Aufsichtspersonal. Kulturelle Bildung soll als integraler Bestandteil der Arbeit mitgedacht werden und nicht als etwas, das man sich zum Beispiel bei einer Ausstellungskonzeption erst ganz am Ende überlegt und im Budget vielleicht auch noch vergisst.

RK: Inwiefern fördert die Senatskanzlei - Kulturelle Angelegenheiten eine Verbesserung der strukturellen Voraussetzungen von Kultureller Bildung an Museen? Wie begegnen Sie der sehr diversen und heterogenen Landschaft der Berliner Museen?

CR: Abgesehen von der finanziellen Förderung z.B. über den Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung oder die institutionelle Förderung verfügt die Kulturverwaltung über bewährte Instrumente wie die regelmäßigen Gespräche mit den Leiterinnen und Leitern der Museen, die Mitwirkung in den Gremien der Einrichtungen sowie die Verabredung von Zielen mit den Einrichtungsleitungen. So wird beispielsweise in Stiftungsratssitzungen mittlerweile systematisch zu dem Thema berichtet. Grundsätzlich geht es weiterhin um einen Bewusstseinswandel dahingehend, dass zur Gesamtkonzeption eines Berliner Museums die Kulturelle Bildung essentiell dazugehört. Dass jedes Konzept auf das jeweilige Haus passen muss, ist ja klar.

RK: In den kleineren Museen ist die Vermittlungsarbeit oft ausgelagert und wird von Organisationen wie dem Museumsdienst Berlin oder Jugend im Museum in Teilen übernommen. Halten Sie dieses Modell für sinnvoll oder braucht jedes Museum eine eigene Abteilung für Bildung und Vermittlung?

CR: Die Museen sind ja alle sehr unterschiedlich strukturiert. In allen Häusern eigene Abteilungen für Kulturelle Bildung gründen zu wollen, ist meiner Einschätzung nach unrealistisch, auch wenn ich nicht bestreiten will, dass mehr festes Personal in dem Bereich wünschenswert und sinnvoll wäre. Einige Museen haben sehr gute Erfahrungen mit Kooperationen gemacht und deshalb glaube ich, dass es sich gerade für kleinere Häuser lohnt, mit Organisationen wie Jugend im Museum oder dem Museumsdienst zusammen zu arbeiten.

Deshalb unterstützen wir auch Jugend im Museum e.V. dabei, sich weiter zu einem Partner der Museen zu entwickeln, der passgenau Dienstleistungen und Programme im Bereich der Kulturellen Bildung entwickeln, umsetzen und abwickeln kann. Seit 40 Jahren ergänzt der Verein die Vermittlungsarbeit der Museumspädagogik zu Ausstellungs- und Sammlungsinhalten durch die künstlerische und (kunst-)handwerkliche Auseinandersetzung. Da sind eine außerordentliche Expertise, ein riesiges Netzwerk und viel Engagement vorhanden. Ich glaube, dass gerade auch kleinere Häuser davon profitieren können, wenn Kompetenzen und Netzwerke gebündelt werden – nicht nur um mangelnde Ressourcen auszugleichen, sondern auch, um Qualitätssteigerungen zu erzielen.

Podiumsdiskussion "Kulturelle Bildung in Berliner Museen" mit Prof. Carmen Mörsch, StS Mark Rackles, Dr. Christine Regus, Dr. Stefan Weber, Monika Zessnik und Leonie Baumann
Podiumsdiskussion "Kulturelle Bildung in Berliner Museen" mit Prof. Carmen Mörsch, StS Mark Rackles, Dr. Christine Regus, Dr. Stefan Weber, Monika Zessnik und Leonie Baumann

RK: Was halten Sie davon, die öffentliche Mittelvergabe an Auflagen für Vermittlung und Kulturelle Bildung am Museum zu knüpfen, wie es beispielsweise in England zum Teil der Fall ist oder für Kunstvereine in Niedersachsen gilt?

CR: Das ist ein interessanter Vorschlag, wobei die Entwicklung und Erprobung neuer Vermittlungsformate weiterhin den weitgehend selbständigen Einrichtungen überlassen bleiben sollte. Im Falle der Förderung von Projekten kann ich mir gut vorstellen, dass in Förderrichtlinien entsprechende Bedingungen formuliert werden. Eine „Direktive“ der öffentlichen Hand im Rahmen der institutionellen Förderung sehe ich grundsätzlich eher kritisch – weil ich Zurückhaltung als Zuwendungsgeberin wichtig finde, wenn es um die Definition von Inhalten geht. Ich setze auf die Kraft der Überzeugung. Insgesamt glaube ich ohnehin, dass der Bewusstseinswandel durch Erfolge und das natürliche Interesse der Museen, auch künftig noch Besucher zu haben, entsteht. Nur wenn es gelingt, lebendige Anknüpfungen an kinder- und jugendkulturelle Interessen, Daseinsfragen und Ausdrucksformen zu finden, wird das Museum als frei gewählte Experimentier- und Lernort, als Kommunikationsplattform auch in Zukunft erhöhtes Interesse finden.

RK: Frau Dr. Regus, wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

Dr. Christine Regus, Theaterwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin, leitet das Referat Museen, Gedenkstätten, Archive, Bibliotheken und Einrichtungen Bildender Kunst in der Berliner Senatskulturverwaltung. Davor hat sie u. a. beim Goethe-Institut und im Haus der Kulturen der Welt gearbeitet.

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