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Isabel Feifel - TUKI Projektleiterin

Im Rahmen der TUKI-Festtage haben wir mit der Projektleiterin von TUKI Isabel Feifel* über die Möglichkeiten der theaterpädagogischen Praxis in Kitas, Kooperationskulturen und die Bedeutung der frühkindlichen kulturellen Bildung gesprochen.

Interview: Christine van Haaren

Isabel, bist du eigentlich Theaterpädagogin?

Ich habe Kulturwissenschaften in Hildesheim studiert und innerhalb dieses Studiengangs den Schwerpunkt Theater gewählt und deshalb auch viel in diesem Bereich gemacht. 

Und hast du zuvor schon einmal mit ganz kleinen Kindern gearbeitet?

Nein, ich habe vorher nur mit Kindern im Grundschulalter gearbeitet – und zwar Projekte innerhalb und außerhalb der Schule. Die Arbeit mit Kitakindern war für mich neu.

Grundsätzlich ist die Kita ja ein Ort, wo viel gesungen und gebastelt wird, also schon ein Ort der Kulturellen Bildung. Was bringt TUKI noch Besonderes ein, was dort nicht sowieso schon passiert?

Meiner Erfahrung nach stimmt es, dass Kulturelle Bildung in Kitas ein sehr selbstverständlicher Teil des Alltags ist. Es wird viel mit den Händen gemacht, viel gemalt und auch Musik ist ein fester Bestandteil in der Elementarpädagogik. Ich glaube auch, dass die Erzieher_innen bereits sehr kreative Kompetenzen mitbringen. Das, was TUKI zusätzlich und explizit  hineinträgt, sind die langfristig angelegten Kooperationen mit professionellen Theatern und deren Kunstschaffen. Bei TUKI arbeiten Künstler und Theaterpädagogen, die einen anderen Blickwinkel und andere ästhetische-künstlerische Herangehensweisen mitbringen, die über die pädagogische Perspektive hinausgehen. Darin liegt der Mehrwert für die Erzieher: Am Anfang reiben sie sich oft an dem Theaterbegriff, aber nach einer Weile entwickeln sie  einen neuen, viel weiteren Begriff von Kunst und Kultur.

Die Kinder erleben durch TUKI besondere Theaterproduktionen, die über das tradierte klassische Puppentheater hinausreichen. Und dass zusätzlich Künstler mit den Kindern regelmäßig Theater spielen, das unterscheidet sehr stark die Arbeit von dem, was sonst in der Kita passiert. Der Theaterkünstler wirbelt den Kitaalltag kreativ-lebendig auf. Es macht einen großen Unterschied, dass eine andere Person in den Alltag der Kita kommt, die vielleicht auch eingefahrene Grenzen aufbricht und andere Räume und neue Rituale schafft. Das ist für die Kinder und die Erzieher eine große Bereicherung.

Wie läuft die Arbeit im TUKI-Programm ab?

Das unterscheidet sich stark von Kooperation zu Kooperation. Je nach dem persönlichen und professionellen Hintergrund ist das künstlerische Format sehr unterschiedlich. Es gibt Theaterpädagogen, aber auch ausgebildete Schauspieler und Puppenspieler. Manchmal zielt das Projekt auf eine Stückerarbeitung hin, manchmal aber wird auch ergebnisoffen gearbeitet. Dann entsteht keine klassische Aufführung, sondern zum Beispiel ein Stationen-Theater mit Mitspielaktion. Oder in andern Fällen werden Einblicke in die Arbeitsweisen gewährt. Es ist nicht das Wichtigste in dieser Altersgruppe, etwas zu produzieren. Deshalb legen wir großen Wert darauf, dass offene Prozesse und andere Ergebnisformate gezeigt werden können, denn mit den Kitakindern muss man sehr flexibel bleiben und ganz den Fokus auf deren Bedürfnisse legen.

Wie werden die Erzieher_innen eingebunden?

Zum Konzept gehört, dass es pro Kita mindestens zwei verantwortliche Erzieherinnen oder Erzieher gibt, die auch die Theaterstunden begleiten. Manche sind von Anfang an sehr aktiv involviert und andere bleiben eher in der Beobachterposition und dokumentieren den Prozess. Die Pädagogen tragen mit ihrer entwicklungspsychologischen Kompetenz ganz stark zum Gelingen bei, denn sie kennen die Kinder ja viel besser und unterstützen die Theaterschaffenden, die häufig zum ersten Mal mit dieser Altersgruppe arbeiten. 

Die enge Zusammenarbeit mit TUKI dauert drei Jahre und es stellt sich immer die Frage, was danach passiert. Wie nachhaltig kann so ein Projekt sein? Deshalb findet im dritten Jahr eine intensive Qualifizierung („KontextKita“) statt, die die Erzieher_innen ermuntern und befähigen soll, eigenständig das Theaterprofil fortzuführen. Deswegen liegt der Schwerpunkt im dritten Projektjahr ganz klar darauf, dass die Theaterschaffenden sich zurücknehmen und die Anleitung in den Kitas sukzessive abgeben. Wir erhoffen uns, dass der Funke überspringt und die Kontakte mit den Partnertheatern selbstständig fortgesetzt werden. Parallel dazu gibt es ein Werkstattprogramm: Jedes Partnertheater bietet einmal pro Monat eine praktische Theaterwerkstatt an und so können die Erzieher viele praktische Ansätze aus  unterschiedlichen künstlerischen Handschriften mitnehmen.

Macht Theaterspielen allen Kindern per se Spaß?  

Natürlich kann und darf man nicht voraussetzen, dass es allen Kindern Spaß machen muss. Es gibt etliche Faktoren, warum einige Kinder sich für Theater interessieren und andere lieber andere kreative Zugänge wie Musik, Malen, Bauen etc. vorziehen. Generell streben wir eine Kontinuität an, aber eigentlich versuchen alle Kooperationen, keinen Zwang auszuüben. Das heißt, es entwickeln sich feste Gruppenstrukturen, aber interessanterweise haben gerade die, die auf Freiwilligkeit bauen, am wenigsten Probleme mit der Kontinuität.

Den Kindern werden häufig auch andere Mitwirkungsformen angeboten, als nur auf der Bühne zu stehen. Ich glaube, das ist ein gutes Mittel, denn es muss nicht jedes Kind ein Akteur auf einer wie auch immer gearteten Bühne sein. Es gibt Kinder, die die Kulissen und Requisiten basteln, mit Geräuschen und Klanginstrumenten das Geschehen begleiten oder auch kleine technische Hilfsdienste leisten - es ist sehr wichtig, dass all das auch genauso wertgeschätzt wird. Das ist auch eine Möglichkeit, Kinder einzubeziehen, die sich nicht so wohl auf der Bühne fühlen oder nicht sprechen wollen. Wenn man eher schüchterne Kinder ganz behutsam mitnimmt und ihnen verschiedene Wege der Mitwirkung aufzeigt, dann können ganz unverhoffte Dinge passieren. Genau dafür ist es so wertvoll, dass TUKI einen so langen Projektzeitraum bietet, in dem Kinder in ganz kleinen Schritten etwas Neues auftun können.

Wie wirkt sich das auf den TUKI-Festtag aus?

Der TUKI-Festtag findet in diesem Jahr ganz ohne Kinder statt und ist eher eine Veranstaltung für interessierte Erwachsene. In den letzten beiden Jahren waren Kinder dabei und die beteiligten Kitas haben uns anschließend rückgemeldet, dass es viel Stress bedeutet hatte, mit den Kindern ins Podewil zu einer verhältnismäßig kurzen Präsentation zu kommen. Mit ganz kleinen Kindern vor fremdem Publikum läuft man auch schnell Gefahr, dass der Niedlichkeitsfaktor alles überdeckt und das ungute Gefühl entsteht, die Kinder auszustellen. Deshalb haben wir jetzt bewusst davon Abstand genommen, die Kinder in diesen Festtag zu involvieren.

Natürlich stellte sich uns die Frage, wie man ein Projekt präsentiert, in dem Kinder im Mittelpunkt stehen, ohne bei der Projektpräsentation dabei zu sein. So haben wir verschiedene Formate entwickelt: Zum einen eine Audioinstallation. Wir haben in verschiedenen Einrichtungen die Theaterarbeit mitgeschnitten und Interviews mit den Kindern geführt. Zum anderen gibt es sog. TUKI-Kisten. Jede der 17 Partnerschaften hat eine Kiste gestaltet, die die vielfältige Arbeit der Zusammenarbeit sinnlich zugänglich macht. Und schließlich zeigen wir eine Fotoausstellung. Eine wunderbare Fotografin hat jede Kooperation fotografiert. Auf diese Weise werden die Kinder trotzdem sichtbar.

Ansonsten geht es beim Festtag auch um die Öffentlichkeitsarbeit und inhaltliche Reflexion. Wir werden eine Podiumsdiskussion mit Kitaleitungen machen, wollen Ausblicke geben und unsere Baustellen erklären. Wo stehen wir nach drei Jahren? Wie soll es weitergehen? In den Kitas finden dann noch separate Abschlussfeste mit den Kindern, den Kooperationen, Eltern und Mitarbeitern statt.

Ihr wart mit dem Projekt für den BKM-Preis nominiert. Könnt ihr inzwischen eine erhöhte Aufmerksamkeit für frühkindliche kulturelle Bildung feststellen?

Ich glaube, dass der Fokus auf die frühkindliche kulturelle Bildung zunimmt und stärker in der Bildungsdiskussion Eingang findet – insbesondere aber auch in Hinblick auf die große Bildungsbenachteiligung in Deutschland. Zum Glück wird die Kita immer stärker als Bildungseinrichtung und nicht mehr als Betreuungseinrichtung aufgefasst – und dazu gehört natürlich die kulturelle oder ästhetische Bildung. Das BKM macht mit seiner Wertschätzung für TUKI darauf aufmerksam, wie wichtig es schon in der frühsten Kindheit ist, dass mit Kunst Freiräume geschaffen und Prozesse initiiert werden können, die nichts mit Verzweckung zu tun haben. Dennoch braucht die kulturelle frühkindliche Erziehung noch viele weitere Initiativen und öffentliche Diskurse.  

Wie begegnen euch die Kitas und die Theater?

Wir haben im Frühjahr 2013 schon viel mehr Bewerbungen erhalten, als wir Kooperationen bilden konnten. Das zeigt, dass es von Seiten der Kitas ein großes Interesse gibt. Auch im Projektverlauf gibt es immer wieder Anfragen zur Teilnahme. Wir würden gerne noch mehr Kooperationen stiften, aber unsere finanziellen, organisatorischen und personellen Ressourcen sind begrenzt. Auch würde das ein wichtiges Grundprinzip TUKI einschränken, nämlich den persönlichen, engen Austausch zwischen allen Projektteilnehmern zu pflegen. Grundsätzlich ist es unser Anliegen, mit den Kitas einen intensiven Kontakt herzustellen, neue Theaterbegriffe zu erproben und auch die Zusammenarbeit mit den Eltern voran zu treiben.  

Und von Seiten der Theater?

Für die Theater ist es – neben der Begeisterung an der nahen Zusammenarbeit mit ihrer Zielgruppe – auch ein Weg, sich diese Sparte „Theater von Anfang an“ zu erschließen. Wir arbeiten mit Kinder- und Jugendtheatern, die auch schon ein Programm für Kinder ab 2, 3 oder 4 Jahren anbieten. Seit 2013 ist zum Beispiel auch die Deutsche Oper dabei, die außer Babykonzerten bisher noch nichts in ihrem Repertoire für Kinder unserer Altersgruppe zu bieten hatte. Die Deutsche Oper sieht das – wie andere auch – als Chance, neue Formate zu entwickeln. Wir arbeiten aber nicht nur Theaterhäusern, sondern auch mit der freien Szene zusammen, z.B. mit einer freischaffenden Puppenspielerin, die immer wieder davon erzählt, wie sehr sie von dem direkten Kontakt mit den Kindern profitiert. 

Vielen Dank, wir wünschen TUKI viel Erfolg für die weitere Kooperationsarbeit!

 

*Seit Ende der Sommerferien befindet sich Isabel Feifel in Elternzeit. Ihre Nachfolgerin ist Aline Menz.

 

Fotos: Franziska Hauser

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