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Livia Patrizi, Künstlerische Leitung TanzZeit

Redaktion Kubinaut: Livia, sag uns in zwei Sätzen: was ist TanzZeit?

Livia Patrizi: TanzZeit steht dafür, zeitgenössischen Tanz in die Gesellschaft zu tragen – in der Überzeugung, dass Kunstformen vertraut sein müssen, um entscheiden zu können, ob man eine Leidenschaft dafür hat oder nicht. Das gilt für Tanz umso mehr, da er als Kunstform noch nicht so bekannt ist.

Bisher hat TanzZeit hauptsächlich in Schulen bzw. mit Schulklassen gearbeitet. Seit über einem Jahr werdet ihr aktiver im Podewil. Was macht ihr dort? Was passiert im Podewil?

Das Kernprojekt arbeitet überwiegend in Schulen – das stimmt. Aber zum Kernprojekt gehört auch die Jugendcompany, die schon 2008 entstanden ist, also drei Jahre nach der Gründung von TanzZeit. Sie arbeitet auch in Verbindung mit Schulklassen, aber hauptsächlich außerschulisch. Daher haben wir auch im außerschulischen Bereich eine breite Erfahrung. Im Podewil sind wir seit 2007. Hier ist unser Büro, unser Hauptquartier, von dem wir die Schulen und die TanzZeit-Jugendcompany in allen Bezirken Berlins koordinieren. Seit letztem Jahr veranstalten wir hier unser jährliches Festival, die Werkstattpräsentationen. Vor einem Jahr haben wir angefangen im Haus erstmals mit den verschiedenen Partnern wie Kulturprojekte Berlin oder dem GRIPS Theater zu kooperieren. Wir haben gemeinsam das „Wilde Palais“ als eine Reihe entwickelt, die jeden Donnerstag im Foyer des Hauses stattfindet. Außerdem haben wir hier das Tanzstudio übernommen. Damit haben wir im Podewil eine Art Zuhause gefunden, im Sinne eines Raums, in dem unsere künstlerischen Aktivitäten entstehen. Aber auch ein Raum, in den die Schulklassen kommen können.

TanzZeit-Unterrricht an der Comenius Schule Berlin
TanzZeit-Unterrricht an der Comenius Schule Berlin

Was erwartet die Zuschauer_innen bei den Werkstattpräsentationen?

Es gibt mehrere unterschiedliche Aufführungsformate: Zum Beispiel die Vorstellungen der einjährigen Masterprojekte unserer Kernschulen. Das sind 500 bis 600 Kinder von der ersten Klasse bis zu den weiterführenden Schulen. Darunter sind auch Klassen, die schon seit drei bis vier Jahren tanzen. Das ist nochmal eine ganz andere Arbeit, die sichtbar wird. Und es gibt die Aufführungen der sogenannten Hand in Hand-Klassen, mit denen wir längerfristig kooperieren.
Dann haben wir die Jugendcompany im Programm, die hat dieses Jahr das Projekt „Empört euch!“ nach dem gleichnamigen Buch von Stéphane Hessel initiiert. Das ist ein kurzes Pamphlet, in dem es um die Notwendigkeit geht, dass junge Menschen sich engagieren. Es geht darum die Fähigkeit zu entwickeln, sich zu empören und nicht alles einfach hinzunehmen. Jetzt wird der zweite Teil aufgeführt. Dafür haben wir einige der TanzZeit-Künstler gefragt, zu dem Thema Stücke zu choreographieren. Das Projekt mündet im November in das Empört euch!-Festival, das auch im Podewil stattfindet. Dort wird nicht nur Tanz zu sehen sein, sondern es werden auch Diskussionen mit Politikwissenschaftlern und Aktivisten stattfinden.

Die dritte Ebene sind unsere sogenannten Miniaturen. Das sind kurze Stücke mit einer Länge von einer bis drei Minuten und mit maximal ein bis drei Tänzerinnen und Tänzern. Dabei ist es den TanzZeit-Künstlern freigestellt, zu entscheiden, mit wem sie tanzen wollen. Manchmal sind das Stücke nur mit professionellen Tänzern. Ein andermal ist es ein TanzZeit-Künstler mit einem Kind. Da sind die unterschiedlichsten Konstellationen möglich. Die Idee dahinter ist, die Vielfalt von Alter, von Können sowie von Erfahrung zu zeigen.

Gibt es ein Highlight bei den Werkstattpräsentationen, das man nicht verpassen sollte?

Es gibt viele Highlights. Natürlich gibt es besonders gut und weniger gut choreographierte Stücke. Die guten überwiegen, weil unser Qualitätssicherungsprogramm sehr umfangreich ist, auch bezüglich Choreographie. Und trotzdem ist es auch Geschmackssache. Es wird spannend sein zu sehen, welche Highlights es für die oder den einzelnen gab.

Wir müssen also selbst herausfinden, was die Highlights sind?

Genau!

Die Werkstattpräsentationen sind Teil der Kubinale, einem Zusammenschluss von acht Festivals der Kulturellen Bildung. Was bedeutet das für das Programm TanzZeit? Welche Ziele sind damit verbunden?

Die Tatsache, dass sich die Kubinale gegründet hat, ist für uns Resultat eines Prozesses, den wir mit dem Haus angefangen haben. Dahinter steht die Idee, dass ein Austausch der Akteure aus den verschiedenen Sparten und mit zum Teil unterschiedlichen Zielen wichtig ist. Hinzu kommt, dass die Projekte nicht nur durch die erhöhte Aufmerksamkeit gestärkt werden, sondern auch dass das Feld der Kulturellen Bildung durch gezielte Kooperationen reicher wird. Bestimmte Kooperationen haben sich für uns in der Vergangenheit als bereichernd erwiesen, auch um mal über die eigene Sparte hinaus zu schauen. Es gibt auch intern mehr Aufmerksamkeit für die jeweiligen Festivals. Das ist nochmal eine Gelegenheit, sich zu fokussieren und mehr mitzubekommen. Nach außen wird ein Zeichen von Zusammenarbeit gesetzt, dass man trotz der Unterschiede an bestimmten Zielen gemeinsam arbeiten kann. Das Podewil betreffend unterstütze ich es sehr, dass das, was viele Leute im Haus tun, auch sichtbar wird. Ich finde diesen Ort sehr speziell, gerade weil es nicht nur ein Theater ist. Ich finde es spannend, dass man die Gelegenheit nutzt, diesen Ort zum Leben zu erwecken, unterschiedliche Schwerpunkte und auch Formate zu zeigen.

TanzZeit-Unterrricht an der Comenius Schule Berlin
TanzZeit-Unterrricht an der Comenius Schule Berlin

Das Podewil als eine Art Zentrum für Kulturelle Bildung in Berlin: wie findest Du das?

Ich finde, dass Kulturelle Bildung eigentlich überall stattfinden soll. Gerade in Berlin sollte man nicht die Idee eines einzigen Orts verfolgen. Es braucht aber einen Ort, an dem man Kulturelle Bildung gesammelt sehen kann. Besonders aufgrund der unterschiedlichen Problematiken mit knapper Zeit und der Unübersichtlichkeit von Aktivitäten. Dabei geht es ja nicht nur um das Haus. Es gibt mehrere Versuche, sich auch bundesweit  besser zu vernetzen. Die Kulturprojekte Berlin sind da auch mit der Online-Plattform Kubinaut eingestiegen. Ich finde es wichtig, dass man voneinander weiß und einen Raum hat, wo man die Ergebnisse sehen, aber auch reflektieren und diskutieren kann –  meinetwegen auch kontrovers. Ein Zentrum, in dem man die Realitäten, die überall in der Stadt sind, auch mal gesammelt zu sehen bekommt, in dem Wissen, dass viel hinter den Kulissen passiert. Natürlich gibt es in den einzelnen Bezirken eigene Orte und Rahmen. Trotzdem wünsche ich mir einen Begegnungsort, wie eine Art Agora: Nicht nur ein Theater, als ein Ort, an dem man was zeigt, sondern einen Ort, an dem man auch spricht und reflektiert.

TanzZeit wird nächstes Jahr schon 10 Jahre alt, was wirklich toll ist. Wie fällt das Resümee der letzten fünf Jahre aus? Gibt es Pläne, Visionen für die Zukunft? Wie geht es weiter?

In den ersten fünf Jahren haben wir um unsere Existenz gekämpft. Und in den letzten fünf Jahren konnten wir, auch Dank der Förderung vom Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung und der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, viele unserer Ideen umsetzen und auch vertiefen. Vieles hat sich verstetigt.
Ich glaube, dass TanzZeit im Moment eigentlich in der gleichen Situation steht wie die Kulturelle Bildung im Allgemeinen in Deutschland. Es gab Pioniere, die Kulturelle Bildung schon immer umgesetzt haben. Vor zehn Jahren gab es diesen Boom durch das Projekt der Philharmoniker und den Film „Rhythm is it!“. Das Thema war in aller Munde und mit der Zeit Konsens. Jetzt gibt es den Konsens, dass Kulturelle Bildung gut ist. Aber in diesen zehn Jahren gab es unheimlich viele Initiativen und Projekte, die aus dem nichts geboren wurden und teilweise schnell wieder aufhörten. Es gab auch Großprojekte, die gescheitert sind, da sie zu groß, zu unüberlegt angelegt waren. Im Moment gibt es einen Bedarf zu reflektieren. Eine wichtige Frage ist, was Kulturelle Bildung überhaupt ist. Zudem ist sowohl eine Analyse von geglückten sowie von gescheiterten Projekten sehr wichtig, bevor neue Ansätze entwickelt werden.
TanzZeit ist jetzt an einem Punkt, an dem wir für uns sagen können, was sich bewährt hat und was sich ändern soll. Wir haben dieses Jahr eine Klausur gehabt, in der wir die Ziele für die nächsten zehn Jahre festgelegt haben. Wir haben einige, ganz neue Projekte  entwickelt. Aber wir wollen auch bereits bestehende Ansätze vertiefen. Es gibt allgemein, bundesweit, ein Problem der Verstetigung. Vieles von dem, was wir gemacht haben, hat sich verstetigt. Unser Rahmen und auch unser Budget sind aber gleich geblieben. Da gibt es ein Spannungsfeld, das wir so in dieser Form nicht tragen können. Es ist eine politische Entscheidung. Investiert man immer in etwas Neues oder in das, was sich bewährt hat? Wir haben nie nur das gemacht haben, was sich bewährt hat. Wir haben immer neue Sachen initiiert, die dann Teil des Projekts geworden sind. Jetzt ist ein guter Moment, um zu sagen, was wir wollen und was unsere Möglichkeiten sind. Das wird für uns eine Frage sein, die sich an Berlin, unsere Kooperationspartner und die Politik richtet. Ich finde es immer ein wenig bedenkenswert, wenn so etwas wie Kulturelle Bildung Konsens wird. Das heißt dann, dass jeder ein bisschen Geld bekommt und alle sind zufrieden und etwas tun. Diese Betriebsamkeit ist gefährlich. Dann sind alle beschäftigt, aber niemand schaut mehr genau hin. Das ist etwas, was politisch oft funktioniert hat. Ich persönlich passe immer auf, dass man nicht in diese Falle tappt. Es muss einfach noch ein bisschen weh tun.

Schönes Schlusswort. Wir sagen toi, toi, toi für das Festival und freuen uns auf die Werkstattpräsentationen.

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11 Chorkonzerte à 20 min im Rahmen der Fête de la Musique

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9. Klubszene – Festival der Jugendtheaterclubs der Berliner Bühnen

Neben einem zentralen Austauschforum und Workshop-Wochenende vom 13. bis 15. Juni 2014 im Podewil werden rund 180 theateraktive Kinder und Jugendliche vom 7. Juni bis 8. Juli in 6 Doppelaufführungen den Blick über den Tellerrand wagen und die Vielfalt der Theaterkunst kennenlernen.

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9. TanzZeit-Werkstattpräsentationen

Vom 03.-06. Juni zeigen rund 500 Berliner Schülerinnen und Schüler aus rund 25 TanzZeit-Klassen ihre Choreografien, die sie gemeinsam mit professionellen TänzerInnen und ChoreografInnen in einem Schuljahr entwickelt haben.

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"Ich finde es immer ein wenig bedenkenswert, wenn so etwas wie Kulturelle Bildung Konsens wird."

Die Kubinale startet mit den TanzZeit Werkstattpräsentationen vom 3. bis 6. Juni 2014. Wir sprachen mit Livia Patrizi, künstlerische Leiterin und verantwortlich für die Gesamtkonzeption des Berliner Projektes „TanzZeit – Zeit für Tanz in Schulen“, im Foyer des Podewil.

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"Es geht nicht darum, was jemand schon kann, sondern darum etwas gemeinsam zu machen."

Wir sprechen mit den Tänzern und langjährigen TanzZeit-Pädagogen Ulrich Huhn und Francisco Cuervo über die tänzerische Arbeit an Schulen.

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TanzZeit hat als Ziel, Kindern aller Schichten und Kulturen unabhängig von deren Herkunft, Alter oder Geschlecht zeitgenössischen Tanz als Kunstform näher zu bringen und Tanz im Bildungswesen zu etablieren.

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