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Andrea Leue, marcel-breuer-schule

Mir fehlen Vorschläge, wie jede Schule ganz individuell ein Konzept und einen Weg zur kulturellen Bildung entwickeln kann.

Andrea Leue ist Fachlehrerin für Produktdesign und Beauftragte für Kulturmanagement an der marcel-breuer-schule, Oberstufenzentrum für Holztechnik, Glastechnik und Design.

Die vielfältigen Überlegungen, Initiativen und Anstrengungen, die derzeit von vielen Personen aus den unterschiedlichsten Institutionen und Gremien unternommen werden, um Kulturelle Bildung breiter in Kindergärten, Schulen usw. fest zu etablieren, bewerte ich zunächst einmal sehr positiv. Initiativen wie die durchgeführte Denkwerkstatt tragen dazu bei, dass das Thema „Kulturelle Bildung“ mehr Aufmerksamkeit erlangt und es werden verschiedene Lösungsansätze dazu entwickelt, wie möglichst viele Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, aber auch Menschen aller anderen Generationen für sich neue Wege erschließen und neue Kompetenzen entwickeln können (oder auch erstmals bei sich entdecken).

Besonders wichtig und gut finde ich den Ansatz, Projekte zur Kulturellen Bildung einerseits schon mit ganz kleinen Kindern durchzuführen und andererseits die kulturelle Arbeit kontinuierlich durch alle Schultypen unter Einbeziehung der Eltern (oder auch der Großeltern?) sowie darüber hinaus in Aus- und Weiterbildung fortzuführen. Durch die Einbeziehung aller Altersstufen und Generationen kann ein viel größerer Mehrwert erzielt werden, da alle Beteiligten ganz unterschiedliche (kulturelle) Erfahrungen und Lebenshintergründe einbringen, neue und andere Ideen sowie ein größeres gegenseitiges Verständnis füreinander und für die jeweiligen Lebensumstände entstehen können. Damit dies gelingen kann, ist es hilfreich und wichtig, qualitativ hochwertige Aus- und Fortbildungen für Erzieher/-innen, Lehrer/-innen, aber auch für Kita- und Schulleitungen, Kulturvermittler/-innen, Künstler/-innen sowie alle weiteren Personen zu schaffen, die kulturelle Bildungsarbeit leisten. Weiterhin sollten zur Umsetzung dieses Ansatzes alle Schulen und Schultypen gefördert werden. Bei einer Fokussierung auf Schulen mit einem hohen Anteil von Schüler/-innen nicht-deutscher Herkunftssprache oder Lehrmittelbefreiung (diese Schulen sollten auf jeden Fall noch zusätzliche Mittel erhalten) hätten es einige Schulen/Schultypen schwer, in den Genuss von Fördergeldern zu gelangen.

In dem Positionspapier finden sich jedoch auch Aspekte, die ich eher kritisch beurteile. Eine langfristige Etablierung von Kultureller Bildung in/mit den Schulen wird vermutlich nicht erreicht werden, wenn diese quasi „von außen vorgeschrieben“ wird und wenn die bürokratischen Hürden für Finanzierung und Durchführung von Projekten weiterhin hoch sind bzw. noch verstärkt werden. Die kulturelle Bildungsarbeit wird durch die angedachten, neuen Stellen auf Bezirksebene immer stärker verwaltet. Die Gelder sollten besser direkt in die Arbeit der Kulturvermittler (Kulturinstitution, Künstler, Schulen) fließen, statt in neue Verwaltungs- oder Koordinationsstellen. In den Kulturinstitutionen gibt es viele Personen, die schon lange und sehr engagiert kulturelle Bildungsarbeit leisten, sich aber von Honorarvertrag zu Honorarvertrag hangeln und kaum eine Chance auf Festanstellung haben, weil die Institutionen die Stellen aus ihrem Haushalt nicht finanzieren können. In Schulen und Kulturinstitutionen gibt es gleichermaßen die Situation, dass die Personen, die im Bereich Kultureller Bildung tätig sind, dies zusätzlich zu ihrer eigentlichen Arbeit übernehmen. Diese Arbeit wird ohne oder mit einem sehr geringen Stundenausgleich geleistet, der in keinem Verhältnis zu dem tatsächlichen Arbeitsaufwand steht. Diese Umstände erschweren eine kontinuierliche und längerfristige (Zusammen-)Arbeit im Bereich Kultureller Bildung, da auch bei sehr hoher Motivation irgendwann einfach nicht mehr genug Kraft und Zeit vorhanden sind. Dieser Umstand verhindert, dass sich weitere Kolleg/-innen in dem Feld engagieren (wollen), da die Arbeitsbelastungen sowohl in den Schulen als auch in den Kulturinstitutionen bereits sehr hoch sind.

Damit Kulturelle Bildung in/mit einer Schule erfolgreich durchgeführt werden kann, sind meiner Meinung nach zunächst bestimmte Rahmenbedingungen notwendig, die man nicht unbedingt „von außen erzwingen“ kann, indem bspw. ein externes Curriculum, eine Pflicht zum interdisziplinären Arbeiten in der Schule oder zu Fortbildungen im Bereich Kultureller Bildung vorgeschrieben werden. Solche Maßnahmen sollten vielmehr als eine Art Anstoß dienen. Deshalb fehlen mir in dem Positionspapier Vorschläge, wie jede Schule ganz individuell für sich und quasi „von innen heraus“ ein Konzept und einen Weg zur kulturellen Bildung entwickeln kann. Denn Kulturelle Bildung ist, neben dem Zugewinn den die Beteiligten erlangen, auch sehr gut geeignet das Profil einer Schule zu stärken, wodurch sie z.B. attraktiver für zukünftige Schüler/-innen werden kann – heutzutage ein nicht unwichtiges Argument im Schulsektor.

Deshalb ist es auch sehr wichtig, die Schulleitungen für ein solches Vorhaben zu gewinnen. Denn nur wenn die Idee, an einer Schule verstärkt kulturelle Bildungsarbeit zu leisten, von der Schulleitung und dem Kollegium unterstützt wird, kann diese längerfristig erfolgreich durchgeführt werden. Denn projektorientierte und interdisziplinäre Arbeit benötigt viele Freiräume (die im Schulalltag erst einmal geschaffen werden müssen) sowie personelle, zeitliche, finanzielle und räumliche Ressourcen, die überwiegend durch die Schulleitung in die Wege geleitet und anschließend vom gesamten Kollegium getragen werden müssen. Dies ist einfacher zu erreichen, wenn der Weg zur Kulturellen Bildung, Projektideen und -möglichkeiten innerhalb eines Kollegiums entwickelt werden.

Für den Einstieg in die kulturelle Bildungsarbeit und um erste Erfahrungen zu sammeln, ist die Durchführung von einem oder mehreren kleineren, ergebnisoffenen Projekten gut geeignet. Für die Startphase ist eine Unterstützung oder Beratung von außen durch erfahrene Kulturvermittler/-innen sicherlich hilfreich. Allerdings ist fraglich, ob dies unbedingt Kulturagent/-innen sein müssen, da dieses Modell auch nicht an allen Schulen gleichermaßen gut funktioniert. Vielleicht wäre der Austausch mit bereits in dem Bereich agierenden Vermittler/-innen aus  Kulturinstitutionen, Schulen o.ä. besser geeignet.

Zunächst sollte gemeinsam überlegt werden, welches Projekt für die jeweilige Schule passend bzw. durchführbar ist und ob bzw. wie man fächerübergreifend arbeiten kann (die beteiligten Lehrenden müssen dann an verschiedenen Stellen entlastet werden, da Projektarbeit meistens viel aufwendiger ist als regulärer Unterricht). Möglichst sollte eine Zusammenarbeit mit einer oder mehreren Kulturinstitutionen angedacht werden, um dann gemeinsam zu entscheiden, welche Künstler/-innen man einbezieht (dieses Modell hat bei uns sehr gut funktioniert und bildet eine Grundlage für unsere seit über sieben Jahre andauernde Zusammenarbeit). Die Finanzierung und Durchführung der Projekte sollte möglichst unbürokratisch und ohne viel Aufwand möglich sein, da das Schreiben von Anträgen, Verfassen von Protokollen, Führen von Teilnehmerlisten, komplizierte Abrechnungsverfahren usw. aufgrund der bereits bestehenden hohen Arbeitsbelastung eher abschreckende Wirkung besitzen.

Damit Projekte im Schulalltag längerfristig wirken können, sind Mittel wie Evaluation und Reflektion unter Einbeziehung aller Beteiligten  und gerne auch mit Hilfe von neutralen Außenstehenden wünschenswert. Hierdurch können die jeweiligen Projekterfahrungen bewusster gemacht, Anknüpfungspunkte für Folgeprojekte geschaffen und  – im besten Fall – erste positive strukturelle Veränderungen im Schulalltag bewirkt werden.

Leider werden in dem Positionspapier so gut wie keine Vorschläge gemacht, wie bereits bestehende Kooperationen im Bereich der Kulturellen Bildung zukünftig besser gefördert und unterstützt werden können, damit eine langfristige und nachhaltige Zusammenarbeit gewährleistet ist oder ausgebaut werden kann. Eine stetige, gesicherte Finanzierung über die Haushalte der Kulturinstitutionen und der Schulen ist nur ein Teil, der dazu beitragen kann. Doch auch hier müssten weiterführende Ideen entwickelt werden, um die personellen, räumlichen und strukturellen Voraussetzungen für eine kontinuierliche und erfolgreiche Fortführung sowie den Ausbau der kulturellen Bildungsarbeit zu schaffen. Exemplarisch seien hier zwei Beispiele von einer Vielzahl von Problematiken genannt, mit denen Kulturvermittler/-innen täglich umgehen müssen. So kann sich die Bildung und Zusammenarbeit von interdisziplinären Teams sehr schwierig gestalten, wenn die Kulturelle Bildung nur von dem/der Kulturbeauftragten des Faches Kunst oder Musik abhängig ist. Vor allem, wenn diese Fächer an einer Schule eher ein geringes Ansehen genießen. Die Durchführung von Projekten kann auch erschwert sein, wenn es weder in den Kulturinstitutionen noch in den Schulen geeignete Räumlichkeiten gibt, in denen auch über einen längeren Zeitraum gearbeitet werden kann und nicht alles gleich wieder für den Folgeunterricht oder die nächste Veranstaltung weggeräumt werden muss.

Für die Schaffung einer konstanten, gesellschaftlichen, politischen und finanziellen Basis für Kulturelle Bildung ist es wichtig, wenig bürokratische Hürden in den Weg zu legen, mehr Freiräume für Planung und Durchführung sowie mehr Entlastungen für die in der Bildungsarbeit Tätigen zu schaffen. Frei nach dem Motto „Weniger reden, mehr tun“.

Seit über sieben Jahren arbeiten wir eng mit dem Werkbundarchiv - Museum der Dinge zusammen. Bei unserem aktuellen Projekt „Das Museum – eine Schule der Dinge IV“, bilden die Themen „Sammeln und Ausstellen“ die Schwerpunkte. An dem Projekt, das, wie die Vorgängerprojekte auch, über das gesamte Schuljahr in Abstimmung mit dem Ausbildungsrahmenplan durchgeführt wird, sind momentan ca. 90 Auszubildende aus drei Klassen der Produktdesign-Assistenten beteiligt.

Fotos:
„Das mobile Museum“ – Präsentationen an verschiedenen Schulen und Orten im Juni/Juli 2014
Das Bildmaterial stammt aus dem Projekt „Das Museum-eine Schule der Dinge III“
Urheberrechte am Bildmaterial: Andrea Leue

Das Positionspapier der Denkwerkstatt

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