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Gió di Sera, StreetUniverCity Berlin

Ich sehe es mit Skepsis, dass es immer mehr Projekte gibt und auch immer mehr Projekte gefördert werden.

Als freischaffender Künstler und Kunstvermittler macht er seit den 90er Jahren Projekte der politischen und kulturellen Bildung mit Kindern und Jugendlichen in Kreuzberg und ist Gründer und Projektkoordinator der StreetUniverCity Berlin.

Eine Stellungnahme zum Positionspapier der Denkwerkstatt Kulturelle Bildung von Gió di Sera.

Ich arbeite seit über 20 Jahren als Künstler und Projektinitiator mit Jugendlichen zusammen und gehöre zu den Berliner Pionieren im Bereich der Kulturellen Bildung. Als ich zu Beginn der 90er Jahre angefangen habe, gab es nichts Vergleichbares, das Jugendlichen durch Kultur eine Perspektive gab. In den letzten Jahren hat sich die Situation sehr verändert. Kulturelle Bildung ist hip geworden. Ich würde fast schon von einer Mode sprechen und der Bereich wird von Projekten und Angeboten überflutet.

Viele Künstler entdecken in der Kulturellen Bildung einen „Markt“, auf dem sie sich positionieren wollen. Im schlimmsten Fall nutzen sie ein Projekt nur um sich selbst darzustellen. Dabei sollte es um die Jugendlichen und um ihre Wahrnehmung und Lebenswelt gehen. Die Künstler müssen sich in der Kulturellen Bildung hinten anstellen und die eigene Egovorstellung vergessen, um sich voll auf die Jugendlichen einzulassen. Die Jugendlichen brauchen einen Anstoß, Impulse, Orientierung, aber keine Lenkung in eine vorbestimmte Richtung. Es ist die Aufgabe des Künstlers das Verborgene hervorzuholen. Die Denkwerkstatt betont daher zu Recht, dass Kulturelle Bildung nicht „für“ sondern „mit“ Jugendlichen entwickelt werden soll (2.1). Leider gibt es in diese Richtung viele schwarze Schafe in der Kulturellen Bildung. Sie sehen darin nur eine Jobperspektive und sind letztlich nicht mit der Seele und dem Herzen dabei. Die Projekte gehen an der Realität der Jugendlichen vorbei und bringen niemandem etwas. Ich sehe es mit Skepsis, dass es immer mehr Projekte gibt und auch immer mehr Projekte gefördert werden.

Es sollte strenger überprüft werden, was die Künstler in den Projekten tatsächlich umsetzen und ob sie dort wirklich Verantwortung übernehmen, oder ob es nur um die Durchführung eines Konzeptes geht, auch wenn das Konzept nicht zur Wahrnehmungswelt der Jugendlichen passt. Die Denkwerkstatt schlägt einen Rat für Kulturelle Bildung im Bezirk vor (3.4). Ein solcher Rat könnte auch die Aufgabe übernehmen, die Qualität der Projekte im Bezirk zu überprüfen. Allerdings halte ich die vorgeschlagene Zusammensetzung für wenig erfolgversprechend. Sie ist zu homogen, wenn der Rat fast ausschließlich aus Mitgliedern der Verwaltung besteht. Hinzukommen sollten noch unabhängige Leute aus dem künstlerischen Bereich, also Menschen, die selbst künstlerisch aktiv sind und Fachexpertise mitbringen, die ein Gespür für Kunst und Vermittlung haben und das Feld der Kulturellen Bildung nicht nur kennen, sondern auch einschätzen können. Und auch Vertreter der Zivilbevölkerung, zum Beispiel Eltern und Jugendliche, sollten eine Stimme haben und Einfluss nehmen können. Der Ansatz im Positionspapier, dass die Zivilgesellschaft mehr in die Kulturelle Bildung mit eingebunden werden soll, gefällt mir sehr gut (1.11).

Auch den Gedanken des Bürokratieabbaus (2.4) kann ich befürworten, denn die Antragshürden bringen viele Projekte um, die eigentlich einen guten Qualitätsstandard haben. Es gibt viele Projekte, die überfinanziert sind und denen sogar Teilnehmer fehlen! Es werden Projekte gefördert, deren Initiatoren die bürokratische Sprache kennen und sprechen, die in den Anträgen gewünscht ist, die aber überhaupt keinen Kontakt zur Basis haben. Ich glaube manchmal, nur wer gutes Bürokratendeutsch spricht, bekommt eine Förderung. Dabei sollte aber nicht nach der Qualität des Antrags, sondern nach der Qualität der Projekte entschieden werden. Was daher noch viel wichtiger ist, als eine kurzfristige und unbürokratische Förderung durch Preise, ist die langfristige und nachhaltige Förderung von Projekten. Im Moment wird nach dem Gießkannenprinzip versucht, möglichst viele Projekte zu fördern – wenn auch nur kurz. Gleichzeitig sterben Langzeitprojekte aus, die den Jugendlichen Stabilität und Konstanz geben. Das kann langfristig niemandem etwas bringen. Letztlich führt das Überangebot an Kulturellen Bildungsprojekten in Verbindung mit den aktuellen Förderstrukturen zum Aussterben guter Projekte, weil viel zu viele Projekte viel zu kurzfristig gefördert werden. Für eine nachhaltige Kulturelle Bildung brauchen wir langfristige Förderung, auch wenn dann weniger Projekte gefördert werden.

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