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Tillma Meyer, Musiktheaterregie / Musiktheaterpädagogik

Für mehr künstlerische Qualität und weniger Etikette

Nach intensiven Jahren im professionellen Musiktheater hat Tillma Meyer ihren beruflichen Schwerpunkt im Jahr 2007 in die kulturellen Bildung verlegt und leitet seitdem die interkulturelle Mädchentheatergruppe des Cafe Pink in Berlin Schöneberg und darüber hinaus Theaterprojekte an Berliner Schulen.

Ein Kommentar von Tillma Meyer zur Denkwerkstatt Kulturelle Bildung.

Foto: Ras Adauto, Motiv: Die Theatermädelz des Café Pink in Schöneberg
Foto: Ras Adauto, Motiv: Die Theatermädelz des Café Pink in Schöneberg

Aus dem professionellen Musiktheater kommend, arbeite ich seit 2007 inzwischen hauptsächlich in der Berliner kulturellen Landschaft als Regisseurin und Theaterpädagogin. Inzwischen habe ich Institutionen gefunden (vor allem das Café Pink in Schöneberg), die es mir ermöglichen eine auf die Jugendlichen bezogene, langfristige und damit nachhaltige Arbeit leisten zu können und konnte mich von der Projektförderung unabhängig machen, die ein eher akademisches als künstlerisches konzeptionelles Denken fordert und fördert – und mir bisher keine Entwicklungsmöglichkeiten geboten hat.
Ich horche deshalb hoffnungsvoll auf, wenn die Denkwerkstatt Kulturelle Bildung als prozessorientiert definiert, den persönlichkeitsbildenden Aspekt erkennt und „mit“ den Jugendlichen arbeiten möchte.

Ein Aspekt, der in diesem Zusammenhang nicht genannt wird, den ich aber wesentlich finde, ist der Beziehungsaspekt. Um mit einer Gruppe in einen kreativen Austausch zu kommen muss ich die Zeit haben, eine Beziehung aufzubauen. Und je länger diese Beziehung anhält, desto tiefer und fruchtbarer wird sie. Es zahlt sich aus, wenn Studentinnen als Praktikantinnen in ihre alte Theatergruppe zurückkehren können, ihre jüngeren Geschwister schicken, die Eltern sich irgendwann kennen (ich glaube gerne auch selbst spielen würden, wenn das Angebot bestünde) und es inzwischen erwachsene Filmemacherinnen mit Migrationshintergrund gibt, die immer noch Kontakt zu ihren Theaterpädagogen aus der Teenagerzeit haben – sogar obwohl die damit verbundenen Angebote inzwischen abgebaut wurden. Es ist der Stein, der die Wellen verursacht, wenn er ins Wasser geworfen wird...

Dazu ist außerdem wichtig zu ergänzen, dass es vor allem die Qualität der künstlerischen Arbeit ist, die Interesse und Nachhaltigkeit schafft. Es ist nicht leicht in Berliner Bildungseinrichtungen und sozialpädagogischen Einrichtungen Wertschätzung für eine professionelle künstlerische Arbeitsweise und der damit verbundenen Forderung nach entsprechenden Arbeitsbedingungen zu finden, denn es gibt dafür keine Lobby im Berliner Bildungssystem. Es gibt in den Gremien kaum Künstler mit einschlägiger Berufspraxis, es gibt (bisher) kein Interesse an einem qualitativen Beurteilungsverfahren von Projekten. An den Schulen halten sich viele Lehrer für kompetent, weil sie ambitioniert und fortgebildet sind. Im Gegensatz dazu ist es als Künstler nicht möglich, sich für eine kontinuierliche Förderung zu profilieren oder sich so etwas wie ein Gütesiegel, geschweige denn eine feste Stelle, zu erarbeiten.
Der Wert einer professionellen Arbeit an sich – so sie jugendgerecht ist – wird im Positionspapier nicht erkannt. Künstler arbeiten mit komplett anderen Paradigmen als Lehrer, Akademiker und Sozialpädagogen und tragen zu einer wesentlichen Erfahrung von Kunst bei den Schülern bei. Da ich selbst als Lehrerin für Darstellendes Spiel arbeite, weiß ich wie unterschiedlich die kreative Arbeit in schulischen und außerschulischen Kontexten ist. Die Schüler können in der Erlebniswelt Schule und im Klassenverband nicht die gleiche kreative Freiheit entfalten, die sie in einem selbstgewählten Umfeld und aus einem inneren Antrieb heraus gewählt haben.

Ich wittere eine Funktionalisierung der Kunst, wenn davon gesprochen wird, dass kulturelle Bildung eine fächerübergreifende Funktion (3.1.) erfüllen soll, „Kooperationskultur“ geschaffen werden soll oder internationale Künstler mit Migrationshintergrund her müssen, um das Interesse an kultureller Bildung (oder was eigentlich?) zu schaffen. Ich denke, die Sache ist im Grunde simpel: Es gibt Künstler, ganz unabhängig von ihrer privaten Herkunft, die einen guten Job mit Jugendlichen und Laien machen. Wenn sie in einer Auswahl erfasst würden und sich an den Institutionen ein Bewusstsein des besonderen Wertes ihrer Arbeit breit machte, bräuchte es weniger komplizierte Vernetzungsversuche und Kooperationsideen, denn eine gute Arbeit spricht für sich und wird in geraumer Zeit durch sich selbst Wellen schlagen! Gut funktionierende Projekte rücken bisher nicht ins Licht der Öffentlichkeit, weil es dafür kein Forum und keine mediale Präsenz gibt. Deswegen halte ich die Idee von einem bezirklichen „Rat für Kulturelle Bildung“ (3.4.) für sehr gut – vorausgesetzt, dass er sich nicht ausschließlich aus akademisch geprägten Bürokraten zusammensetzt. Gleiches gilt für den Gedanken eine Öffentlichkeitsarbeit aufzubauen und Präsenz in den Medien zu fordern. Aber auch hier wird sich die öffentliche Wertschätzung durch Qualität erkämpfen lassen, nicht durch die pure Beschäftigung mit der Sache als solche.

Das Positionspapier der Denkwerkstatt

Was halten Sie von den Handlungsempfehlungen? Wir sind auf Ihre Kommentare gespannt!

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Posi­tio­nen zur Wei­ter­ent­wick­lung des Ber­li­ner Rah­men­kon­zep­tes Kul­tu­relle Bildung 2

Im Juni kamen Vertreter*innen der kulturellen Kinder- und Jugendarbeit und der Jugendhilfe in der Werkstatt "Jugend – Bildung – Kultur" zusammen, um die Weiterentwicklung des Berliner Rahmenkonzepts Kulturelle Bildung zu diskutieren.

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Ein Kommentar von Tillma Meyer, Musiktheaterregisseurin und -pädagogin

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Ein Kommentar von Tanja Ries, Koordinatorin und Projektleiterin des STREET COLLEGE, zur Denkwerkstatt

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