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Claudia Engelmann, LKJ Berlin e.V.

"Es ist fahrlässig an den Möglichkeiten des Internets und der digitalen Medien vorüber zu gehen und sie nicht zu nutzen."

Claudia Engelmann studierte an der Alice Salomon Hochschule Soziale Arbeit (B.A.) und Praxisforschung in Sozialer Arbeit und Pädagogik (M.A.). Als Projektleiterin bei der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Berlin e.V. hat sie mit ihren Projekten „Jugendkultur bewegt! – Partizipation mit kultureller Bildung“ und „ePartizipation in der Jugend(kultur)arbeit/Kulturellen Bildung“ die Methode Barcamp in die Kulturelle Bildung eingeführt.

Wir freuen uns, dass wir sie als Expertin für Jugendkulturarbeit und ePartizipation zum Thema medien@kulturelle_bildung interviewen konnten.

Interview: Frauke Schild

Graphic-Recording von 123comics bei der Auftaktveranstaltung zur "KombiSchulung"
Graphic-Recording von 123comics bei der Auftaktveranstaltung zur "KombiSchulung"

Liebe Claudia, du schaffst mit deinen Projekten eine Schnittstelle zwischen Medienarbeit und Jugendkulturarbeit, wie hat sich dieser Arbeitsschwerpunkt für dich entwickelt?

Ich habe während meines Studiums an der Alice-Salomon-Hochschule ein Projekt als wissenschaftliche Mitarbeiterin betreut und hierbei die Jugendkulturszene in Brandenburg mit der in Berlin, Frankreich, Tunesien und Marokko verglichen. Das war 2005-2011 und zu der Zeit gab es eine Art Flaute in den Jugendkulturzentren. Die Clubs wurden gar nicht mehr richtig von den Jugendlichen besucht und ich habe mich gefragt, wo sie sich stattdessen aufhalten und was die Jugendlichen eigentlich interessiert. Ich habe dann beobachtet, dass sie sich viel stärker in der digitalen Welt bewegt haben, als in der analogen. Da war es auch egal, wenn zum Beispiel ein Rap-Angebot oder Ähnliches gemacht wurde. Die Jugendlichen haben sich viel stärker für das Internet und soziale Netzwerke interessiert.

Da wurde mir klar, dass man dort ansetzen muss und die Jugendlichen darüber erreichen kann. Es ist ja ein Vorurteil, dass die Jugendlichen nicht interagieren und sich aus allem wegbeamen und in einer virtuellen Welt vereinsamen und den Kontakt verlieren. Das stimmt natürlich nicht, im Gegenteil sie kommunizieren die ganze Zeit! Sie beteiligen sich in sozialen Netzwerken und auf Plattformen und machen Projekte und von da kann man sie auch abholen. Ich habe also versucht, mir das Web 2.0 für die Kulturelle Bildung zu eigen zu machen und die Szene ein bisschen aufzumischen, denn die Digitalisierung der Kulturellen Bildung steht bundesweit noch aus!

Welche Medien kommen in deinen Projekten zum Einsatz? Bzw. wie nutzt du sie für die Kulturelle Bildung?

Es geht mir darum, Zugänge zu schaffen und Jugendbeteiligung zu ermöglichen. Die Frage ist also immer, wie man eigentlich Kinder und Jugendliche heute erreichen kann und was sie interessiert. So entstand die Idee, dass man die Methode Barcamp nutzt, um Jugendbeteiligung über die Einbeziehung von neuen Medien zu erreichen. Das Barcamp kommt eigentlich aus der Medienarbeit und ich war sofort begeistert und wollte es für die Kulturelle Bildung nutzbar machen. Ein Barcamp ist im Grunde ein Tagungsformat, das maximale Beteiligung ermöglicht und sich gleichzeitig in der analogen und in der digitalen Welt abspielt.Das Projekt „Jugendkultur bewegt – Partizipation mit kultureller Bildung“ hat zum Ziel, Jugendliche zu gewinnen, die Lust und Zeit haben selber mal so ein Barcamp durchzuführen und zwar zu einem eigenen Thema, das sie interessiert und beschäftigt.

Videodokumentation und Livestream bei der Auftaktveranstaltung zur KombiSchulung
Videodokumentation und Livestream bei der Auftaktveranstaltung zur KombiSchulung

Schon bevor die eigentliche Tagung stattfindet, wird ganz viel über soziale Netzwerke agiert, zum Beispiel wird eine Facebook-Seite eingerichtet und das Barcamp auf einer Online-Plattform eingestellt. Hier kann man dann Themenvorschläge und Wünsche äußern, Vorschläge für Sessions machen und so kann schon vor Beginn des eigentlichen Barcamps ein Netzwerk aufgebaut werden. Zu einer normalen Fachtagung geht man in der Regel einfach hin und nimmt teil, aber beim Barcamp treten die Teilnehmer schon vorher in Kontakt und es findet schon vorher ein Austausch statt. Dann kommen die Teilnehmer an einem bestimmten Tag zusammen und bringen ihre Themen und Sessions mit. Es gibt vorher keine Tagesordnung, sondern die Inhalte werden vor Ort im Austausch festgelegt.

Während der ganzen Veranstaltung steht dann auch die digitale Dokumentation im Mittelpunkt, zum Beispiel durch einen Livestream bzw. eine Videokonferenz oder einen Chatroom. So wird das ganze Format im Internet abgebildet und ist für ein sehr breites Publikum zugänglich. Normalerweise sind Tagungen ja auch sehr kostenintensiv und das schließt eine ganze Reihe von Menschen aus. Das macht ein Barcamp eben nicht, sondern es ist immer kostenlos und beruht ganz stark auf Selbstorganisation und bezieht so wirklich alle Teilnehmenden organisatorisch und inhaltlich mit ein.

Sind bei einem Barcamp auch Fachkräfte anwesend, die die Jugendlichen in der medialen Begleitung unterstützen?

Barcamps sind eigentlich so ausgelegt, dass sie von Jugendlichen für Jugendliche sind und dass Fachkräfte eher eine begleitende Rolle haben. Die Methode ist noch recht neu und sie muss erst bekannter werden. Hier spielen die Fachkräfte eine wichtige Rolle, denn sie können Jugendlichen die Methode beibringen und sie dazu befähigen ein Barcamp auszurichten. Im Moment sind die Fachkräfte aber noch gar nicht an dem Punkt, dass sie Jugendliche ausbilden könnten, weil sie selber erstmal in der Methode geschult werden müssen. Wir haben eine große Fortbildungslücke festgestellt, was die Verbindung von Jugendkulturarbeit und Medien angeht. Dafür habe ich das Projekt „ePartizipation in der Jugend(Kultur)arbeit / Kulturellen Bildung“ oder auch kurz „KombiSchulung“ ins Leben gerufen. Der Einsatz von Medien und die damit verbundenen technischen Voraussetzungen, zum Beispiel eine stabile W-LAN-Verbindung, schrecken immer wieder viele ab. Bei der KombiSchulung geht es nun darum, zu sensibilisieren und eine gemeinsame Ausbildung für Fachkräfte und Jugendliche zu schaffen, in der alle als Experten verstanden werden und voneinander lernen können. Auch um sicherer zum Beispiel im Umgang mit den sozialen Medien zu werden und um einen transgenerationalen Wissensaustausch zu fördern.

Stellst du an das Barcamp auch einen künstlerisch-kreativen Anspruch?

Ich glaube an dem Punkt sind wir noch nicht, aber es ist auf jeden Fall ein Ziel, dass die Methode Barcamp in der Kulturelle Bildung mit künstlerischen Projekten verbunden wird. Jetzt geht es erstmal darum einen Raum zu eröffnen, um Jugendlichen die Möglichkeit zu bieten, ihre eigenen Themen zu setzen – das gilt natürlich auch für Kunstprojekte und es sind auch schon Kunstprojekte im Rahmen von Barcamps entstanden, beispielsweise im Rahmen von „Pop Asia“. Bei diesem Barcamp über asiatische Popkultur gab es zum Beispiel eine Session zum Thema Manga-Zeichnen, in der mit einem hohen künstlerischen Anspruch an die Comic-Kunst herangegangen wurde und wo Jugendliche dann andere Jugendliche angeleitet haben, wie man Comics zeichnet. Das wurde natürlich wiederum medial begleitet und nun gibt es neben dem Blog auch einen Film, der das Barcamp dokumentiert.

Graphic-Recording von 123comics zur Projektvorstellung "KombiSchulung eKultur"
Graphic-Recording von 123comics zur Projektvorstellung "KombiSchulung eKultur"

Du hast hier und jetzt die Möglichkeit das Thema medien@kulturelle_bildung mit deinem speziellen Blick auf den Prüfstand zu stellen. Was läuft gut? Was ist ausbaufähig? Was wünschst du dir für die Zukunft?

Wir reden darüber, dass wir sogenannte „Bildungsbenachteiligte“ erreichen müssen, Jugendliche und Kinder, die keine Idee davon haben, wie es überhaupt in einem Museum aussehen könnte. Und wir reden darüber, Zugänge zu ermöglichen, aber für all das muss zunächst mal eine Öffnung passieren. Und diese Öffnung passiert nur, wenn wir die Jugendlichen über die sozialen Netzwerke erreichen und darauf Lust machen, mit eigenständigen Projekten eine reale Ausstellung zu besuchen oder selber einen Raum zu gestalten, der dann eben auch digital sein kann. Es herrscht immer die Angst, dass die Jugendlichen vor dem Computer vereinsamen und alleine in der digitalen Welt umherirren und den Kontakt an die analoge Welt verlieren, aber das ist Quatsch! Es ist meines Erachtens fahrlässig an den Möglichkeiten des Internets und der digitalen Medien vorüber zu gehen und sie nicht zu nutzen.

Das Potenzial der digitalen Medien liegt darin, die Jugendlichen über die digitalen Medien zu „catchen“ und das Interesse an einem analogen Pendant zu generieren. Sodass man über die digitale Welt Zugang zur analogen Welt erhält. Ziel ist es die Methoden und Möglichkeiten, die die digitalen Medien mit sich bringen, zu nutzen. Im Bereich der Jugendkulturarbeit ist das Bewusstsein für diese Möglichkeiten noch nicht verankert.

Liebe Claudia, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für dein Vorhaben!

Mehr Informationen zu den Projekten von Claudia Engelmann auf der Institutionenseite der LKJ Berlin und unter www.lkj-berlin.de

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