Jung, talentiert, übersehen? Vielfalt und Nachwuchs in der Kultur

Neue Talente stehen bereit, um die Kultur von morgen zu gestalten. Gleichzeitig möchten viele Institutionen der vielfältigen Gesellschaft auch in ihrem Team gerecht werden, finden aber weniger Bewerber*innen als gewünscht. Dabei arbeiten sie oft bereits in verschiedenen Formaten mit jungen Menschen zusammen, die als potenzieller Nachwuchs unter dem Radar fliegen. Zeit, sie ins Rampenlicht zu rücken!

Am 29. April 2019 organisierte die Zukunftsakademie NRW (ZAK NRW) unter dem Titel „jung, talentiert, übersehen? Vielfalt und Nachwuchs in der Kultur“ eine Podiumsdiskussion zu den neuen Talenten – über sie und mit ihnen. Was brauchen junge Menschen für eine Karriere in der Kultur? Sind Diversität und Migrationsgeschichten für sie eine Selbstverständlichkeit? Wie können Kulturinstitutionen ihre Zugänge gestalten?

Darüber sprachen Kulturschaffende und Nachwuchstalente zwischen 17 und 24 Jahren unter der Moderation von Ella Steinmann (ZAK NRW) gemeinsam.

Zum Thema Personal betonten vor allem Çığır Özyurt-Güneş (BKJ) und Cathrin Rose (Junges Schauspiel Bochum) die Relevanz einer sichtbaren Vielfalt und einer diskriminierungskritischen Perspektive:

- Repräsentation ist wichtig! In NRW haben über 50% der Kinder und Jugendlichen einen diversen Hintergrund, logischerweise müssten in ein paar Jahren anteilig viele davon in den Ensembles vertreten sein

- Im Theater muss sich JETZT etwas ändern: Es geht um gute Schauspieler*innen, nicht um ihre Hautfarbe! Darauf muss man auch als Publikum achten und klischeehafte Besetzungen ruhig mal boykottieren

- Sensibilisierung über Diskriminierung muss auch und gerade in Entscheidungspositionen stattfinden, zu viele Bewerber*innen werden auf ihren vermeintlichen Background reduziert

- Ausschreibungen ernst nehmen: Kanäle der Verbreitung und Ansprache reflektieren, aber auch die Frage stellen, ob die Kulturinstitution wirklich bereit ist sich zu ändern und sich auch für die Bewerber*innen sichtbar ändert

- Kulturinstitutionen müssen langfristig Ausbildungsmöglichkeiten bieten, aber auch Benachteiligungen außerhalb der Kultur wahrnehmen und betroffene (potenzielle) Mitarbeiter*innen solidarisch unterstützen

Von vielen der jungen Podiumsteilnehmer*innen und von Sophie Boitel (Stiftung Genshagen) kamen Anregungen und Forderungen zur Neugestaltung von Kultur und Zugängen:

- Diversität geht nicht ohne Antirassismus, Antisexismus etc.! Ausschlüsse klar benennen

- Zugänge schaffen, nicht junge Menschen ins Theater schleppen und belehren

- Nicht nur Programm, auch das Publikum ändern: die immergleichen „alten, weißen Leute mit Sektglas in der Hand“ schrecken ein junges, vielfältiges Publikum auch ab

- Ansprache von Jugendlichen aktiv aufnehmen, z.B. verstärkt über Social Media

- Programme wie die KIWit School (Qualifizierungsprogramm für mehr Chancengerechtigkeit bei der Berufsplanung im Kulturbereich, zu dem im März 2019 erstmalig junge Menschen aus ganz Deutschland zusammenkamen: für Bewerbungstrainings, Begegnungen mit Rollenvorbildern, künstlerische Workshops, Workshops für Empowerment, Infos zur Studienfinanzierung …) muss es mehr geben, mit mehr Zeit und mehr Ressourcen, am besten ein regelmäßiges Programm über ein ganzes Jahr

- Jugendlichen z.B. durch Besuche hinter den Kulissen viel stärker vermitteln, was in einer Kulturinstitution eigentlich geschieht, wie viel Arbeit zum Beispiel hinter einem Stück steckt und wie viele Menschen daran beteiligt sind

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ZAK
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Die Podiumsteilnehmer*innen stellen wir hier mit ihren inspirierendsten Aussagen vor:

Mouhamed Rami Altelaoui (Bochumer EUROPEFICTION Gruppe, Ensemble „Familie Rangarang“)

„Mein Vater ist Schauspieler – oder wie ich früher fand, ein Irrer, der mit dem Kühlschrank geredet hat, wenn er seine Texte probte. In Syrien habe ich dann selbst ein Studium in Regie und Schauspiel begonnen, das ich nicht abschließen konnte. Hier in Deutschland habe ich in vielen Projekten gearbeitet, unter anderem mit Pottfiction. Ich habe auch als Rapper einen eigenen Youtube-Kanal – aber ich habe noch nie im Leben Geld für meine Kunst bekommen, darum geht es nicht. Was mich interessiert ist, die neue Generation zur Kunst zu bringen, zusammen mit ihren Interessen von der Straße.“


Asya Korkmaz (Teilnehmerin KIWit School)

„Ich arbeite ehrenamtlich neben der Schule in Integrationsprojekten mit Sinti- und Roma-Kindern und gebe Nachhilfe für geflüchtete Kinder. Ich möchte Kulturpädagogik studieren und mithelfen, Kindern Chancen zu geben. In der Kiwit-School war vor allem der Workshop zu Chancengerechtigkeit sehr inspirierend für mich.“


Cathrin Rose (Junges Schauspielhaus Bochum)

„Zur Kultur bin ich gekommen, als ich mit Freunden meiner Eltern ins Theater gegangen bin – in ‚Die Fledermaus‘ von Johann Strauss, ich war eigentlich noch viel zu jung für das Stück und fand es großartig. Danach war ich immer wieder im Theater. Heute arbeite ich dort selbst mit Jugendlichen. Die Sichtweisen, Ideen und Interessen junger Menschen bringen dem Schauspiel sehr viel. Wenn man Einflüsse und Vorbilder aus der Jugendkultur aus dem Theater aussperrt, geht das Theater kaputt, aber nicht die Jugendkultur.“

 
Hayan Amer (Ensemble „Familie Rangarang“, Teilnehmer KIWit School)

„Mein prägendes Erlebnis, das mich zur Kultur gebracht hat, war ein eigenes Theaterstück, das ich mit elf Jahren initiiert habe. In der Schule in Syrien war ich eher ausgegrenzt und niemand hat mir richtig zugehört. Als ich vorgeschlagen habe, zusammen mit anderen Kindern ein Theaterstück aufzuführen, fanden mich erst alle verrückt, aber dann kamen über 400 Zuschauer*innen. Das Stück dauerte zehn Minuten und wir hatten eigentlich keine Ahnung von Theater. Seitdem war es mein Traum, in Europa und der ganzen Welt zu schauspielern – ich bin auf dem richtigen Weg und will weiterträumen! Das möchte ich anderen jungen Menschen mitgeben.“

 
Sonia Vallot („Mit Ohne Alles“)

„Ich hatte selbst das Glück, das Kultur immer ein Teil meines Lebens war. Ich möchte daran arbeiten, diese Möglichkeit auch anderen Jugendlichen zu geben.“

 
Mamadou Bah (Teilnehmer KIWit School)

„Auch ich habe viele Diskriminierungserfahrungen gemacht und wegen diesem Schmerz möchte ich mich engagieren. Mein Ziel ist es, an einer besseren Atmosphäre mitzuarbeiten, in der alle gleich behandelt werden und niemand ausgegrenzt wird. Ich weiß, ich schaffe das – nicht allein, aber mit vielen zusammen! Denk daran: Man lebt nur einmal. Niemand kann über dich bestimmen, du gibst dir deine Ziele und Hoffnungen selbst – don’t rush, sammele Erfahrungen, und kämpfe weiter!“

 
Çığır Özyurt-Güneş (BKJ)

„Für mich war es prägend, im Jugendtheaterbüro (heute Theater X) in einem gemeinschaftlichen und selbstverwalteten Theaterbetrieb mit Jugendlichen – hauptsächlich of color – zusammenzuarbeiten. Das war konkrete Arbeit an Selbstrepräsentation und Empowerment, und diese politischen Themen haben die Jugendlichen überhaupt erst zum Medium Theater gebracht. Öffentliche Kulturinstitutionen müssen den Auftrag annehmen, gesellschaftliche Diversität abzubilden. Zuerst muss sich die Bühne und alles dahinter verändern, dann ändert sich auch das Publikum vor der Bühne – nicht andersherum!“


Nadege Penda (Teil der Stückentwicklung „2069 – Das Leben der Anderen“ am Schauspielhaus Bochum) 

„Ich möchte Anwältin werden, vielleicht eine Familie gründen. Die Kultur ist mir als Berufsperspektive zu unsicher. Trotzdem hat mir die Mitwirkung an ‚2069‘ eine neue Perspektive eröffnet, davor kannte ich Theater nur aus langweiligen Besuchen mit der Schule. Am Theater fehlen interessante Stücke, die das junge Publikum wirklich ernstnehmen.“

 
Sophie Boitel (Stiftung Genshagen)

„Als Jugendliche habe ich viel Theater gespielt. Als ich im Literaturstudium in einem Buch von Stendhal die Widmung ‚to the happy few‘ gelesen habe, war das ein Augenöffner: Kultur sollte kein Distinktionsmittel für Wenige sein, so wie bei Stendhal die wenigen Glücklichen, die intellektuelle Elite, sondern Menschen zusammenbringen! Ich arbeite in der Kulturellen Bildung, um ein bisschen dazu beizutragen.“

 
 Vittoria Mensah (Teilnehmerin KIWit School)

„Meine Vorbilder in der Kultur waren zum Beispiel meine Trommellehrerin, die mir beigebracht hat, nach Fehlern weiterzumachen – the show must go on! – und mein Schauspiellehrer, der mir aus persönlichen Tiefpunkten mit den Mitteln des Theaters herausgeholfen hat. Ich habe gelernt, das alles auf der Bühne rauszulassen. Nach der Begegnung mit einer Schauspielschülerin bei der Kiwit School war ich nochmal bestärkt, selbst diesen Weg zu gehen. People of color werden allerdings auch in der Ausbildung oft diskriminiert, man muss sich ständig beweisen.“


Emma Rose ("Mit ohne Alles")

„Das coolste Projekt, an dem ich mitgearbeitet habe, war Teentalitarismus mit Darren O’Donnell bei der Ruhrtriennale. Dabei hatten wir die Macht über den kompletten Vorplatz der Jahrhunderthalle und haben eigene Projekte umgesetzt. Zum Beispiel haben wir bei ‚Jugendsongs‘ eigene Tracks vorgestellt oder uns bei ‚Sex, Drugs and Criminality‘ mit Künstler*innen ausgetauscht.“

Alle Fotos: Nart Zanilla.

Textredaktion: ZAK NRW/Philine Lissner

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf der Webseite der ZAK erschienen. Nachdem die ZAK eingestellt wurde, wurde er Kubinaut zur Verfügung gestellt, um den weiteren Wissenstransfer sicherzustellen. Wir bedanken uns für das Vertrauen!

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Ende des Jahres 2019 stellte die ZAK NRW den Betrieb ein. Die Erfahrungen aus den Projekten der ZAK NRW wurden so aufbereitet, dass sie weiter öffentlich genutzt werden können. Weiterführende Materialien finden Sie auf der Wissensplattform.Die Kubinaut Redaktion hat die Beiträge des Wissensarchivs, die einen direkten Bezug zu Kultureller Bildung besitzen, auch auf dieser Seite eingestellt.

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