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Augenhöhe & Empowerment: (Wie) Geht das?

Von Katharine Kolmans und dem Redaktionsteam

Vielen Kulturschaffenden scheint grundsätzlich bewusst zu sein, dass es ein Machtgefälle gibt zwischen Menschen, die sich im Asylverfahren befinden, und denen, die es nicht sind, denn ein beliebtes Projektziel ist es, auf „Augenhöhe“ zu arbeiten. Dieses Ziel müsste nicht formuliert werden, wenn es keine gesellschaftlichen Hierarchien zwischen Menschen gäbe. Wenn man sich die Tradition der kulturellen Bildung anschaut, wird klar, dass sie sich in den 1970er Jahren, also in den Anfängen, als eine „Praxis [verstand] deren Ziel es war, bestehende Machtverhältnisse zu hinterfragen und zu verändern“ (Mörsch 2017). Wenn dieser Anspruch konsequent weitergedacht wird, ist „Augenhöhe“ ein Zustand, in dem soziale Ungleichheitsverhältnisse ausgeglichen werden. Aber wie kann man Augenhöhe in der Kunstproduktion von Menschen mit und ohne Fluchterfahrung herstellen, wenn der Zugang zu Ressourcen so ungleich verteilt ist? Wie soll es Augenhöhe geben zwischen Menschen, deren Aufenthalt, Lohn, Wohnung, und Zugang zu etablierten Institutionen relativ gesichert ist, und Menschen, die von Abschiebung bedroht sind und keinen Zugang zu Arbeit und Ausbildung haben? Zu behaupten, dass in solchen Fällen Augenhöhe bestehe, würde bedeuten, die gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnisse unsichtbar zu machen. Viele der Umstände, die die Zusammenarbeit auf Augenhöhe schwierig machen, sind Zustände, die wahrscheinlich nicht von heute auf morgen einfach überwunden werden können.

Auch wenn „Augenhöhe“ erstrebenswert ist, so möchten wir Critical Friends vor allem mit dem Konzept von „Empowerment“ arbeiten, da dieses im Gegensatz zu Augenhöhe nicht einen Zustand, sondern einen Prozess beschreibt.

Wer nach einer Definition von Empowerment sucht, wird nicht die eine Definition finden. Es gibt aber einen gemeinsamen Nenner, den alle Definitionen teilen, die sich auf den Ursprung des Begriffs beziehen: Empowerment ist ein politischer Begriff, den wir nur dann  verstehen können, wenn gesellschaftliche Machtverhältnisse in den Blick genommen werden. Nicht umsonst steckt darin das Wort „power“, auf Deutsch: „Macht“. Der Empowerment-Ansatz ist nicht einfach eine Theorie, sondern ist durch die Praxis von sozialen Bewegungen, wie der Schwarzen Bürgerrechts- und der Frauenrechtsbewegung der 1960er Jahren in den USA sowie den Unabhängigkeitsbewegungen in den kolonisierten Ländern Afrikas und der Amerikas, entstanden (Amadeu Antonio Stiftung 2016: 7, Meza Torres & Can 2013: 28). Die Protagonist*innen dieser Bewegungen waren die, die über lange Zeit entrechtet wurden und für die Verbesserung ihrer Lebensumstände gekämpft haben (vgl. Mamutovič 2015). Der Ursprung macht klar, dass Empowerment nicht als Selbstentfaltung von ein paar wenigen verstanden werden kann. Stattdessen  geht es darum, politisch handlungsfähig zu werden, um die Gesellschaft aktiv mitzugestalten (Amadeu Antonio Stiftung 2016:  7). Es geht um die Handlungsfähigkeit von einem selber – um individuelles Empowerment –, es geht aber auch um die gemeinsame, die kollektive Ebene. Empowerment heißt auch, dass Menschen, die über einen langen Zeitraum Unterdrückung und Benachteiligung erfahren haben, gemeinsam politische Forderungen entwickeln (Chernivsky in Amadeu Antonio Stiftung 2016: 7). Auf lange Sicht geht es darum, die Machtstrukturen zu überwinden, die ein Empowerment überhaupt erst notwendig machen.

Nach dieser Beschreibung ist der Empowerment-Ansatz ein wichtiges Mittel, um asymmetrische Machtverhältnisse und Repräsentationsstrukturen aufzubrechen und Diversität damit überhaupt möglich zu machen. Deswegen haben wir als Critical Friends in unserer Projekte auf ihre empowernden Elemente hin untersucht. Unser Ausgangspunkt war dabei die Frage, was eine Kulturinstitution und ihr Projekt leisten kann/muss, um Empowerment-Prozesse im Kontext Asyl zu unterstützen und wie Empowerment in der Kulturellen Bildung im Kontext Asyl praktisch angegangen werden  kann, damit der Begriff nicht zu einer leeren Worthülse wird, die den Projektflyer schmückt.

Die Grundlage für Empowerment: Haltung

Im Gegensatz dazu, wie Empowerment-Prozesse manchmal verstanden werden, geht es nicht darum, dass Empowerment von einer Person auf die andere übertragen wird, indem (zum Beispiel künstlerische) Fähigkeiten übermittelt werden. Empowerment beschreibt einen komplexen Prozess der individuellen und kollektiven politischen Selbstermächtigung. Was die Critical Friends in den Fokus genommen haben, ist daher, wie der Rahmen der Kunstproduktion bestimmt sein sollte, damit Empowerment-Prozesse stattfinden können.

Die im Eingang dieses Kapitels beschriebene Definition von Empowerment macht klar, dass die wichtigste Grundvoraussetzung ist, dass gesellschaftliche Machtverhältnisse gesehen, mitgedacht und aktiv hinterfragt werden. Um dies zu tun, muss dementsprechend zunächst einmal das Bewusstsein über die oben beschriebenen gesellschaftlichen Schieflagen vorherrschen und dementsprechend eine Haltung nach sich ziehen, diese überwinden zu wollen – und zwar vor allem bei denjenigen, die den Rahmen für die Projekte schaffen: Die Projektleiter*innen und Künstler*innen, die die Arbeit konzipieren und umsetzen. Diese werden wiederum – im Falle von Projekten an Kulturinstitutionen – von Menschen in den Leitungsebenen der Kulturinstitutionen ausgesucht und eingestellt. Wird dabei reflektiert, dass die strukturelle Benachteiligung durch soziale Konstrukte wie zum Beispiel „Rasse“, Religion, Geschlecht, Klasse und Disability auch in Kunst und Kulturprojekten immer eine Rolle spielen? Besteht ein paternalistischer Anspruch, Hilfestellung zu leisten oder geht es darum, das Ziel von „Augenhöhe“ ernst zu nehmen und damit auch, dass jede Person selbstbestimmt ihre Rechte in Anspruch nehmen und somit auch gleichberechtigt Kunst schaffen kann? Die eigene kritische Selbstreflektion spielt eine wichtige Rolle, da Rassismus sowie andere Formen der Unterdrückung unsere Handlungen, Gedanken und Gefühle  prägen – bewusst oder unbewusst. Rassismus zeigt sich jedoch nicht nur auf der individuellen Ebene, sondern ist ein institutionelles und strukturelles Problem.

Bei der Mehrheit der von den Critical Friends begleiteten Projekte, die in Kulturinstitutionen stattfanden, scheinen Reflexionen zu Machtverhältnissen, wenn auch widersprüchlich und in unterschiedlichem Grad, in der Konzeption und Durchführung präsent gewesen  zu sein.  Jedoch muss auch die bereits von vielen anderen formulierte Kritik erneuert werden, dass die Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen in Kulturinstitutionen dennoch stark hinter einer gesellschaftlichen Realität zurücksteht, in der vor allem politische Migrant*innen- und Geflüchtetenselbstorganisationen schon lange, und nicht erst seit 2015, auf die Problemstellungen von Rassismus und dem Asylsystem aufmerksam machen (Sharifi & Micossé Aikins 2016). Nicht nur in Kulturinstitutionen wurde (und wird zum Teil weiterhin) die Gewalt, die der institutionelle und strukturelle Rassismus hervorruft, verharmlost, ausgeblendet oder negiert. Eine Zusammenarbeit mit Migrant*innen- und Geflüchtetenselbstorganisationen ist jedoch weiterhin kaum zu beobachten. Folglich bleibt eine komplexe Reflexion über die politische Situation Geflüchteter und die politische Positionierung bei vielen Projekten von Kulturinstitutionen weiterhin eher zaghaft.

Sharifi und Micossé-Aikins (2016) betonen, dass der Erfolg von Projekten „neben der Beteiligung von Betroffenen als Initiator_innen und Träger_innen der Projekte aus einem grundlegenden und kritischen Verständnis der gesellschaftlichen Machtverhältnisse, die die Marginalisierung bedingen, sowie einer Berücksichtigung des Wissensarchives, das aus den jeweiligen Marginalisierungserfahrungen hervorgeht“, (79) beruht. Das Interview mit Jugendliche ohne Grenzen und dem GRIPS Theater zeigt, wie eine etablierte Kulturinstitution durch die intensive und langjährige Kooperation mit einer Selbstorganisation und anderen politischen Akteur*innen im Bereich Flucht und Asyl (BBZ und BumF), ein kultureller Akteur geworden ist, der Selbstorganisierung und Empowerment-Prozesse von Menschen im Asylsystem aktiv unterstützt.

Ein in Gesprächen mit den von uns interviewten Projektleitenden mehrfach genanntes Projektziel war das der „Begegnung“ zwischen Menschen mit und ohne Fluchterfahrungen. Es ist wichtig, zu betonen, dass diese Zielsetzung der Öffnung von empowernden Prozessen im Wege stehen kann, wenn sich nicht gefragt wird, auf welchen Annahmen die Idee, eine Begegnung ins Zentrum des Projekts zu stellen, aufbaut und wem diese Begegnung am Ende dient. Kulturelle Begegnung ist in der Pädagogik ein beliebtes Ziel, welches, wie Astrid Messerschmidt (2008) beschreibt, mit einem Kulturbegriff zusammenhängt, der „in dem Bemühen, Unterschiede anzuerkennen, diese Unterschiede immer schon voraus[...]setzt und bestätigt“. Verhaltensweisen von Individuen und gesellschaftliche Verhältnisse werden damit oft kulturell gedeutet. „Das Risiko ist hoch, dass strukturelle und ökonomisch bedingte Ungleichheiten nicht wahrgenommen werden, was dazu führt, dass diese stabilisiert und normalisiert werden“ (Ebd.: 13). Folglich müssten sich Projektleitungen die Frage stellen, ob sie den Prozess so gestalten können, dass einer kulturalisierenden Perspektive entgegengewirkt wird.

Repräsentation

Literatur über Empowerment-Ansätze betont die Bedeutung, sich mit Menschen austauschen zu können, die gleichgesinnt sind und die ähnliche Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht haben (Mamutovič 2015, Amadeu Antonio Stiftung 2016). Mohammed Jounis Erzählungen (siehe Interview in diesem Dossier) aus der Praxis von Jugendliche ohne Grenzen (JOG) spiegeln dies wieder. Er erklärt, dass ihre Empowerment-Arbeit daraus hervorgeht, wer bei JOG organisiert ist und zu welchen Themen sie arbeiten. Er beschreibt, dass durch ihre Selbstorganisation Räume geschaffen wurden, in denen junge Menschen mit Fluchterfahrung „erzählen können, ohne sich rechtfertigen und viel erklären zu müssen. Allen ist klar, wie es ist, wenn du im Heim lebst“. Gemeinsam überwinden JOG Ohnmachtsgefühle und erarbeiten individuelle und kollektive Strategien, um angesichts des Asylsystems handlungsfähig zu bleiben (ebd.: S.). In Anbetracht der Tatsache, dass gesamtgesellschaftlich Rassismus und Diskriminierung durch das Asylsystem weiterhin verharmlost oder ausgeblendet werden, ist die Erfahrung des Nicht-Rechtfertigen- und Nicht-Viel-rklären-Müssens eine, die in sehr vielen Kontexten nicht selbstverständlich gegeben ist.

Wenn Projekte der kulturellen Bildung Empowerment-Prozesse von Menschen im Asylprozess unterstützen möchten, so ist es unabdingbar, dass Perspektiven geflüchteter Menschen die Kulturproduktion maßgeblich bestimmen. An einigen Institutionen scheint es jedoch so, als wären geflüchtete Künstler*innen nicht fest in den Strukturen der Häuser verankert, sondern würden lediglich punktuell für die Projekte mit Bezug zu Asyl und Flucht beschäftigt, was zum einen am legalen Status und der Art der Fördermittel liegt, die eine langfristige Einstellung erschweren. Zum anderen ist es aber auch ein wichtiges Problem, dass Menschen mit Fluchterfahrung auf ebendiese Erfahrung reduziert werden. Die von uns befragte Künstlerin beschreibt im diesem Beitrag vorangehenden Interview (siehe Interview) wie dies dazu führt, dass Geflüchtete nicht als Kunstschaffende wahr- und ernst genommen werden: „Sie [die Kulturinstitutionen] suchen nach Syrer*innen, weil sie die syrische Gemeinde nicht erreichen können, oder um mit ihnen zu arbeiten. […] und dann stellst du fest, dass du gerade da bist, um Syrer*innen anzulocken und nicht wirklich an dem Projekt beteiligt bist. Du bist am Ende eine Dolmetscherin” (ebd.). Selbst dann, wenn Menschen mit Fluchterfahrung als Künstler*innen anerkannt werden, wird die Kunst jedoch nicht einfach als „Kunst“ gewertet, sondern wird weiterhin als „Kunst von Geflüchteten“ markiert: „Ich kenne Künstler*innen, die seit mehr als zwölf Jahren hier sind und noch immer nur Kunst als ‚Flüchtling‘ kreieren dürfen.“ (ebd.). Die Frage stellt sich, welche Perspektiven in den Kulturinstitutionen langfristig verankert bleiben werden, wenn die 2015 ausgeschütteten Projektgelder für „Projekte mit Geflüchteten“ weniger werden sollten und weiterhin vor allem kurzfristige Projekte gefördert werden.

 

Inhalte

Die Haltung und Perspektiven derer, die Projekte konzipieren und durchführen, haben eine Auswirkung darauf, welche Inhalte in künstlerischen Prozessen verhandelt  und wie sie verhandelt werden. Für Empowerment-Prozesse ist es grundlegend, die Möglichkeit zu haben, sich von Fremdbestimmung zu befreien (Nassir-Shanian 2013: 14). Empowerment-Trainerin Verena Meyer (siehe Amadeu Antonio Stiftung 2016) sieht einen Empowerment-Prozess dann möglich „wenn ich selbst entscheide, wann und wie ich mich beschreibe, wie ich mich selbst [benenne] und wie ich genannt werden möchte. Wenn ich entscheide, wie ich meine Geschichte erzähle und wer daran teilhaben darf“ (ebd.: 14). Unsere Analyse der unterschiedlichen Akteur*innen bestätigt, dass Kulturinstitutionen erstens eine tiefgehende Reflexion über Machtverhältnisse und die politische Situation Geflüchteter sowie die eigene Positionierung dazu nur wenig bis gar nicht zulassen. Zweitens finden Projekte in Kulturinstitutionen – im Gegensatz zu denjenigen von Selbstorganisationen – vor allem für und mit und nur in wenigen Fällen von Geflüchteten organisiert statt. Es stellt sich folglich in einigen Fällen die Frage, ob die Rahmenbedingungen, die in einer Kulturinstitutionen gewährleistet werden, erlauben, dass künstlerische Inhalte und die eigene Darstellung der Teilnehmenden darin selbstbestimmt verhandelt werden können.

In unseren Interviews mit Projektleitungen aus Kulturinstitutionen haben sich verschiedene Ansätze dazu gezeigt, ob und wie inhaltlich zum Themenkomplex Flucht und Asyl  gearbeitet wird. Ein paar wenige Projekte gingen auf die genannten Themen ein, während die Mehrheit der Projekte sich dafür aussprach, das Thema Flucht und die Fluchtgeschichten der Teilnehmenden nicht zum Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung zu machen. Klar ist, dass das Sprechen über Flucht und Asyl nicht konzeptlos angegangen werden kann und sich gefragt werden muss, wessen Bedürfnis beim Sprechen über Flucht und Asyl bedient wird. Geht es um die Menschen, die Flucht erlebt haben, oder um Künstler*innen, die das Thema als interessanten und derzeit finanzierten „Kunststoff“ sehen? Neben der Gefahr, Menschen zu re-traumatisieren, besteht auch das Risiko, eindimensionale Bilder und Geschichten über Flucht und Geflüchtete zu reproduzieren, vor allem dann, wenn der Rahmen, wie in einigen Kulturinstitutionen, nicht selbstbestimmt ist.

Wenn wir uns auf den Empowerment-Ansatz beziehen, scheint jedoch ein wichtiger Aspekt auch zu sein, dass der Kontext dafür geschaffen wird, dass Diskriminierungserfahrungen benennbar und besprechbar werden. Nassir-Shahnian schreibt zum Beispiel: „{D]a unsere Lebenserfahrungen [von People of Colour] in dominanten Diskursen häufig nicht anerkannt und benannt werden, sondern im Gegensatz abgewehrt und verneint, […] ist das Ausdrücken und Teilen von Diskriminierungserfahrungen eine wichtige Strategie für den Empowerment-Prozess.“ (Nassir-Shahnian 2013: 21) Wenn Sprache für das, was jemandem widerfährt, gefunden werden kann, so können auch „weitere Handlungen zur Befreiung folgen“ (ebd.: 21). Wichtig zu sehen ist dabei, dass der Fokus auf dem Besprechen und Ausdrücken von Diskriminierung liegt. Übertragen auf den Kontext Asyl würde dies auch bedeuten, dass der empowernde Effekt nicht im Thematisieren eines beliebigen Aspekts, der mit Flucht zu tun hat, liegt, sondern dort zu suchen ist, wo gesellschaftliche Machtverhältnisse, die den Alltag vieler Menschen bestimmen, problematisiert werden können, um auf die Zustände – individuell und kollektiv – reagieren zu können.

Einer der von uns interviewten Projektleiter beschreibt, dass er in der künstlerischen Arbeit zwar nichts thematisch verhandle, er jedoch Gespräche über Asyl und Rassismus außerhalb der Workshops mit den Teilnehmer*innen führe. Er vermutet, dass die Teilnehmenden ihn ansprechen und ihm Vertrauen entgegenbringen, da er als Person of Colour ebenfalls Rassismuserfahrungen in Deutschland mache und aus derselben Region wie die Teilnehmenden komme. Auch wenn offen bleibt, ob und wie der künstlerische Prozess sich mit dem Benennen von Diskriminierungsverhältnissen befassen sollte, so kann gesagt werden, dass in der einen oder anderen Form ein Rahmen existieren sollte, in dem Erfahrungen besprechbar werden. Denn es ist klar, dass Menschen ihre Identität und Erfahrungen nicht wie eine Jacke ablegen können, sobald sie die Räume eines Kunstprojekts betreten, und auch die Machtverhältnisse nicht vor der Tür bleiben. Zur Selbstbestimmung zählt einerseits, nicht gezwungen zu sein, über Erfahrungen sprechen zu müssen, gleichzeitig scheint es jedoch auch wenig empowernd, wenn es keinen Rahmen gibt, in dem Erfahrungen thematisiert werden können. Hier ist es wiederum wichtig, zu bedenken, ob dieser Rahmen gewährleistet werden kann, indem die entsprechende Reflexion und Haltung sowie die Repräsentation von Menschen mit Rassismus- und Fluchterfahrungen gegeben ist.

Produktionskontext

In unseren Befragungen ist deutlich geworden, dass soziale, politische und künstlerische Arbeit im Kontext Asyl schlichtweg nicht voneinander getrennt zu denken sind: Wie soll Kunst geschaffen werden, wenn die Prozesse davon mitbestimmt werden, dass Menschen mit Bedingungen des Asylsystems umgehen müssen: Abschiebung, Wohnungssuche, Amtsgänge, psychische Belastungen, Sprachbarrieren  In den allermeisten Projekten leisten Kunstschaffende unbezahlte Arbeit, um in konkreten Fällen Unterstützung zu leisten. Kulturschaffende schreiben Petitionen gegen die Abschiebung von Projektteilnehmenden, übersetzen in der Bürokratie und unterstützen bei der Wohnungssuche. Die Organisation glokal schreibt, dass Unterstützung im Einzelfall sehr wichtig sei, die Solidarität allerdings einen Schritt weiter gehen müsse: „Um Paternalismus und einseitige Abhängigkeit zu überwinden, müssen wir grundlegender ansetzen. Wir müssen die schwierige Aufgabe angehen, einerseits im konkreten Fall Unterstützung zu leisten, andererseits die politischen Strukturen der Ausgrenzung, Diskriminierung und des Rassismus entschiedener zu verändern.“ (glokal 2017: 18). Denn das Ziel des Empowerments ist es nicht, einen Zustand der Abhängigkeit von Unterstützung aufrechtzuerhalten, sondern auf lange Sicht ein selbstbestimmtes Leben für alle zu ermöglichen. Wie kann dazu beigetragen werden, diese Zustände langfristig zu überwinden? Der Empowerment-Begriff ist aus der Praxis sozialer Bewegungen heraus entstanden, da Menschen für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen gekämpft haben. Al-Radwany & Shah (2015) schreiben, dass Empowerment-Prozesse, wenn sie konsequent gedacht werden, auch wieder mit sozialen Bewegungen zur Veränderung der ausbeutenden und ungleichen Verhältnisse verknüpft werden müssen.

 

Literatur:

Al-Radwany, Marwa / Shah, Ahmed (2015). Mehr als nur ästhetische Korrekturen. In: Rosa-Luxemburg-Stiftung, Dossier Empowerment.

Julia Wissert (2017). „Die Leute sollten Teil des Projekts sein, kein Mittel“. In diesem Dossier, S. – .

Amadeu Antonio Stiftung (2016). „Einen Gleichwertigkeitszauber wirken lassen…“ Empowerment in der Offenen Kinder-und Jugendarbeit verstehen.

Chernivsky, Marina  in: Amadeu Antonio Stiftung (2016). „Einen Gleichwertigkeitszauber wirken lassen…“ Empowerment in der Offenen Kinder-und Jugendarbeit verstehen.

glokal e.V. (2017). Willkommen ohne Paternalismus – Hilfe und Solidarität in der Unterstützungsarbeit.

Mamutovič, Žaklina (2015). Empowerment ist ein politischer Begriff. In: Rosa-Luxemburg-Stiftung, Dossier Empowerment.

Meza Torres, Andrea / Can, Halil (2013). Empowerment und Powersharing als Rassismuskritik und Dekolonialitätsstrategie aus der People of Color-Perspektive. In: Heinrich-Böll-Stiftung, Empowerment MID Dossier, S. 26–41.

Messerschmidt, Astrid (2008). Pädagogische Beanspruchung von Kultur in der Migrationsgesellschaft. Bildungsprozesse zwischen Kulturalisierung und Kulturkritik. Zeitschrift für Pädagogik 54, S. 5–17.

Meyer, Verena in Amadeu Antonio Stiftung (2016). „Einen Gleichwertigkeitszauber wirken lassen…“ Empowerment in der Offenen Kinder-und Jugendarbeit verstehen.

Micossé-Aikins, Sandrine / Sharifi, Bahareh (2016). Die Kolonialität der Willkommenskultur – Flucht, Migration und die weißen Flecken der Kulturellen Bildung. In: Ziese, Maren & Gritschke, Caroline (Hg.), Geflüchtete und Kulturelle Bildung – Formate und Konzepte für ein neues Praxisfeld, S. 75–86.

Mörsch, Carmen (2017). Ansätze für eine postkoloniale Geschichtsschreibung der kulturellen Bildung in Deutschland. In diesem Dossier, S. –

Nassir-Shahnian, Natascha (2013). Dekolonisierung und Empowerment. In: Heinrich-Böll-Stiftung, Empowerment MID Dossier, S. 16–25.

Sharifi, Azadeh (2016). Wissenschaftliche Begleitung, Berlin Mondiale – Flüchtlinge & Kulturinstitutionen: Zusammenarbeit in den Künsten.

Jouni, Mohammed / Uhrhan, Ellen (2017). „Jetzt tretet ihr zurück, wir organisieren uns“. In diesem Dossier.

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English Version: Dossier 'Diversity Sensitive Supervision of Berlin Mondiale'

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