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Begrifflichkeiten im Kontext von Flucht und Asyl

Von Sinthujan Varatharajah

 Sprache ist ein Machtinstrument. Sich mit geflüchteten Menschen zu beschäftigen bedeutet auch, sich mit den Begrifflichkeiten, die mit der Thematik verbunden sind, aktiv auseinanderzusetzen. Im folgenden Abschnitt werden einige Begriffe und Fragen behandelt, die im Kontext von Flucht aufkommen.

Migrant*in oder Geflüchtete*r?

In Debatten über Flucht und Migration wurden geflüchteten Menschen lange deren spezifische Erfahrungen abgesprochen. Sie wurden stattdessen oft fälschlicherweise als Migrant*innen bezeichnet. Das hat Konsequenzen. Durch eine solche Wortwahl werden  Asylbewerber*innen ihre Fluchthintergründe und die einschneidenden Erfahrungen, die sie im Asylsystem machen, abgesprochen. Doch macht es auch heute noch einen Unterschied aus, ob man* in Deutschland als Migrant*in oder als geflüchtete Person ankommt.

Bessere Wortwahl = antirassistische Praxis?

Seit der Abkehr vom paternalistischen Begriffs des „Flüchtlings“ und dessen Ersetzung durch den Begriff der*s „Geflüchtete*r“, hat sich der Titel heute zunehmend verbreitet. Er hat sich vor allem in weiten Teilen der Willkommensindustrie (siehe unten) durchgesetzt und gilt unter anderem auch als Zeugnis einer linken politischen Haltung. Für viele, vor allem weiße Menschen, ist er auch zu einem Ausdruck für antirassistisches Handeln geworden. Eine Person, die das Wort „Geflüchtete*r“ verwendet, kann in den Augen vieler nicht wirklich rassistisch handeln. Natürlich stimmt es, dass antirassistische Praxis viel mit Sprachgebrauch und Sprachsensibilität zu tun hat, doch schützt ein weniger rassistisches Vokabular niemals vor dem Potential, selbst rassistisch handeln zu können.

Geflüchtete*r als singuläre Kategorie?

Die allgemeine Anwendung des Begriffs Geflüchtete*r birgt auch ihre Probleme. Sie homogenisiert, das heißt vereinheitlicht geflüchtete Menschen in einer Gruppe, die gleichwertig ist, unabhängig davon, wann und wie sie in Deutschland angekommen sind. Doch leben heute Hunderttausende von Menschen, die hier vor Jahren, manchmal sogar vor Jahrzehnten, als geflüchtete Menschen ankamen und seitdem aktiver Bestandteil dieser Gesellschaft sind. Auch wenn geflüchtete Menschen von heute ähnliche Erfahrungen machen wie Geflüchtete von damals, so gibt es auch wichtige Unterschiede innerhalb dieser zeitlich verschobenen Erfahrungen, die nicht geleugnet werden dürfen. Hier wäre es wohl sinnvoller, von „neuen“ sowie „alten“ geflüchteten Personen zu sprechen, um die Vielfältigkeit, Langwierigkeit und Kontinuitäten der Erfahrungen und Probleme zu betonen.

Sammelunterkünfte oder doch Asyllager?

Begriffe spielen eine wichtige Rolle, um die Gewalt, der geflüchtete Menschen tagtäglich ausgesetzt sind, entweder hervorzuheben oder alternativ zu verharmlosen. Die Sprache, die sich auf die Unterkünfte von Asylbewerber*innen bezieht, dient hier als treffendes Beispiel: Asyllager werden heute häufiger als Gemeinschaftsunterkünfte, Sammelunterkünfte oder Asylbewerberheime bezeichnet denn als Asyllager. Durch diese spezifische Namenswahl wird die Gewalt, die in der Architektur und der Politik steckt, sprachlich raffiniert versteckt. Das sozialdemokratische Vokabular, das Asyllager heute im Alltag umschreibt, täuscht ein soziales, fast schon gemütliches Wohnverhältnis vor, das fern der gewaltvollen Erfahrungen von geflüchteten Menschen ist. Das Lager, obgleich geschichtlich oder in der Gegenwart, unterliegt jedoch dem Gedanken der Kontrolle, Konzentration und Einschränkung. Es ist ein Ausdruck des Freiheitsentzugs, der Menschen Entscheidungsmöglichkeiten nimmt und sie in Abhängigkeiten zwingt. Diese Abhängigkeiten werden gleichzeitig benutzt, um den geflüchteten Menschen dann soziale Unproduktivität im populistischen Diskurs – also in der öffentlichen Diskussion über dieses Thema, die in einer Art geführt wird, die darauf abzielt, die Gunst der Massen zu erlangen – vorzuwerfen. Es ist letztendlich eine Falle, die betroffene Menschen über Jahre verfolgt. Indem man das Lager als Unterkunft verklärt, wird ein politisches und architektonisches Konstrukt schnell normalisiert, das alles andere als normal ist – und erst recht keine Normalität für dessen Bewohner*innen produziert.

Der ewige Integrationsgedanke

Die Themen Flucht und Asyl unterliegen stark dem deutschen Integrationsgedanken und dem damit verbundenen Vokabular. Hierbei überschneiden sich die Realitäten der meisten als nicht-weiß und nicht-deutsch gelesenen Menschen mit denen von neu geflüchteten Menschen. Sie müssen sich oft dem paternalistischen, das heißt bevormundenden, und rassistischen Integrationsdiktat beugen und vor der weißen Mehrheitsgesellschaft – ob Ottonormalbürger oder staatliche Beamte*in – Rechenschaft ablegen, wie „gesellschaftsfähig“ sie seien– egal, wie lange sie bereits hier sind und wie deutsch sie sein mögen.

Willkommensklassen

Willkommensklassen vermitteln oft auf sehr fragwürdige Art und Weise Sprache und gleichzeitig auch die Idee einer deutschen Leitkultur, die von neu geflüchteten Menschen erlernt werden müsse. Das koloniale Sendungsbewusstsein findet sich auch in diesen Klassen wieder. Willkommensklassen mögen zwar begrenzt in ihrem Zeitrahmen sein, doch enden sie selten mit dem eigentlichen Unterrichtsende. Für viele nicht-weiße Menschen ist der Alltag in der deutschen Gesellschaft ein Ebenbild der Willkommensklassen, in der sich jede weiße Person berechtigt fühlt, belehrend auf einen nicht-weißen Menschen zu reagieren.

Willkommensindustrie
Die Willkommensindustrie ist Teil dieser Ideologie und agiert oft als Verlängerung und nettere Variante der Assimilations- (das heißt: Anpassungs-)forderung der weißen Mehrheitsbevölkerung. Sie besteht primär aus nicht-staatlichen Organisationen, die sich für geflüchtete Menschen stark machen und von Menschen geleitet werden, die selbst keinen Fluchthintergrund oder keine Asylerfahrungen haben. Sie erscheinen oft als sehr weiß. Die Willkommensindustrie zeichnet sich dadurch aus, dass sie parallel zu von Geflüchteten selbstorganisierten Strukturen existiert, ohne diese wahrzunehmen beziehungsweise unterschlägt oder verdrängt sie diese damit gleichzeitig.

Selbstorganisation

Dieser Begriff bezieht sich auf Organisationen, in der betroffene Menschen Führungspositionen einnehmen, selbstbestimmt handeln und sich organisieren. Selbstorganisierte Gruppen konkurrieren oft mit fremdorganisierten Gruppen, also solche Gruppen, die von Nicht-Betroffenen – in diesem Fall: nicht von Flucht oder Asyl betroffen – organisiert werden, um Fördergelder. Die fremdorganisierten Gruppensind durch ihre Privilegien – also die Vorrechte und Vorteile, die sie aufgrund ihrer gesellschaftlichen Position als Deutsche genießen – oftmals institutionell besser eingebunden.

 

Sinthujan Varatharajah ist Essayist*in und promoviert in Politischer Geographie am University College London. Sinthujan hat einen Master in Race, Ethnicity and Postcolonial Studies (LSE) und arbeitet untere anderem zu den Themen Wohn-/Raumpolitik, machtkritische Geographien und staatenlose Realitäten.


 

Einleitung: Themenfeld und Begründungszusammenhang

Themenfeld und Begründungszusammenhang: Der Kulturbetrieb ist jedoch nur bedingt offen für alle, und unter anderem Kunstschaffende mit Flucht- oder Migrationsbiographien sehen sich mit alltäglichen und strukturellen Zugangsbarrieren konfrontiert.

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KUNST IST MÖGLICH (WENN WIR WOLLEN)

Was passiert?
Kunst kann Konzept, Gedanke, Behauptung, Freude am Experiment, Moment, Politik, Wissensproduktion, Aktivismus, Meditation oder Provokation von Begegnungen und Geistesregungen sein.

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Ansätze für eine postkoloniale Geschichtsschreibung der kulturellen Bildung in Deutschland

Für eine Feldanalyse der kulturellen Bildung im spezifischen Kontext von Flucht und Asyl ist es unerlässlich, einen Blick auf das Selbstverständnis und die geschichtlichen Hintergründe beziehungsweise den Entstehungskontext von kultureller Bildung zu werfen.

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Soziale Arbeit und unentgeltliches Engagement im Kontext von Flucht

Was ist der Unterscheid zwischen Sozialer Arbeit und unentgeltliches Engagement im Kontext von Asyl? Was bedeutet das für den Anspruch der Arbeit und welche Chancen ergeben sich daraus? Prof.Dr. Nivedita Prasad analysiert dies in ihrem Beitrag.

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Trauma und Migration als Prozesse verstehen

Während vor einigen Jahrzehnten um die Legitimation des Traumabegriffs gekämpft wurde, wird dieser Begriff heute inflationär verwendet. Umso drängender ist es, sich um eine differenzierte Sprache zu bemühen und kritisch zu schauen...

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„Da kann man [...] in Fallen tappen, von denen man als Normalsterbliche*r überhaupt keine Ahnung hat.“

Ein Gespräch über Förderpolitiken im Bereich der kulturellen Bildung
Die interviewte Person möchte anonym bleiben.

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„Berlin Better Have My Money“ – Bezahlmöglichkeiten im Kontext von Kultur und Asyl

Dossierbeitrag von Nina Hager, Rechtsanwältin mit dem Schwerpunkt auf Asyl- und Aufenthaltsrecht und Rechtsreferentin in dem Dachverband der Psychosozialen Zentren für Geflüchtete und Opfern von Folter in Berlin (BAfF e.V.).

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„Ich brauche einen geschützten Raum, nicht mehr“

Ein Gespräch mit Marwa Abidou

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Ein Empowerment-Märchen – chorisch

Die Erzählerin: Es war einmal ein Reich, das war so groß, wie es sich fühlte. Es lebten dort zahlreiche Hofgelehrte und, neben den Übrigen, drei Empowerment-Expertinnen. Sie waren drei von vielen, die Empowerment für und mit jenen machten, die als „die Anderen“ markiert und damit geschwächt wurden

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Vom Trugschluss des emanzipatorischen Potentials der Künste.

Eine kritische Betrachtung der Ausbildung von Künstler*innen

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Etwas in Bewegung setzen – Über das „Wir“ der Kunst und CommUNITY-Theater im Theater X

Es ist interessant, wie die Leitung des Theatertreffens hier mit großer Selbstverständlichkeit aus der Perspektive eines vorgestellten „Wir“ des deutschsprachigen Kulturbetriebs schreibt: „Wir“ leben in Europa – und zwar mit Pass. Wenn mensch einen Blick auf Leitung und Jury des Theatertreffens 2015 wirft, wird deutlich, dass „wir“ auch weiß sind und alle irgendwas in Richtung Germanistik, Literatur oder Journalismus studiert haben.

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„Die Leute sollten Teil des Projektes sein, keine Mittel“

Auf Menschen persönlich zuzugehen und ihnen zu erklären, worum es bei dem Projekt geht, funktioniert am besten. Diese Beziehung zu den Menschen ist der wichtigste Teil. Ein offener Aufruf funktioniert nicht. Zumindest nicht für uns.

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Augenhöhe & Empowerment: (Wie) Geht das?

Vielen Kulturschaffenden scheint grundsätzlich bewusst zu sein, dass es ein Machtgefälle gibt zwischen Menschen, die sich im Asylverfahren befinden, und denen, die es nicht sind, denn ein beliebtes Projektziel ist es, auf „Augenhöhe“ zu arbeiten. Dieses Ziel müsste nicht formuliert werden, wenn es keine gesellschaftlichen Hierarchien zwischen Menschen gäbe.

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„Jetzt tretet ihr zurück, wir organisieren uns”.

Ein Interview mit Jugendliche ohne Grenzen und dem GRIPS Theater

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„Wir konnten etwas Unmögliches möglich machen“

Eine polyphone Unterhaltung über den CommUnity Carnival mit Alix, Jan, Veronica und Samee. Der CommUnity Carnival ist eine großangelegte, inklusive, künstlerische und politische Demonstration, die von einem breiten Netzwerk von Künstler*innen und Aktivist*innen aus ganz Deutschland selbst organisiert wurde.

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Resümee und Schlussfolgerungen vom Redaktionsteam

„Es gibt nichts Gutes, außer: man tut es“?
Im Rahmen unserer Feldanalyse haben wir öfter mit Projektleitungen Debatten über die Frage der Notwendigkeit einer politischen Positionierung zum Asylsystem geführt.

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Die wissenschaftlichen Begleitungen Azadeh Sharifis - Ausgangspunkt und Hintergrund für das Projekt Diversitätsorientierte Begleitung Berlin Mondiale

Im Rahmen ihrer Feldanalyse besuchen die Critical Friends einige Projekte der Berlin Mondiale . Diese wurde über zwei Jahre von der Kultur- und Theaterwissenschaftlerin Dr. Azadeh Sharifi wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse ihrer Begleitung und ihre darauf aufbauenden Empfehlungen für eine erfolgreiche, machtkritische Arbeit mit geflüchteten Menschen sind wichtige Impulse für die Arbeit der Critical Friends.

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Praxisorientierte Empfehlungen

Die folgenden Empfehlungen für Projektdurchführende, Sozialarbeiter*innen, Zuwendungsgeber*innen und Förderprogrammkonzipierende im Kontext Asyl gründen auf unserer Feldanalyse und bilden zudem eine Essenz der Beiträge in diesem Dossier ab.

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Praxisorientierte Links zum Thema Flucht / Asyl und Kultur

Empfehlungen von Online-Broschüren und -Beiträgen zum Thema Flucht / Asyl und Kultur.

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Diversitätsorientierte Begleitung Berlin Mondiale Team

Das Team der Diversitätsorientierte Begleitung Berlin Mondiale besteht aus vier Critical Friends, die im Feld die Analyse durchführen und eine Koordination. Hier findet ihr kurze Beschreibungen der Teammitglieder.

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Critical friends? Eine kurze Definition

Im Projekt Diversitätsorientierte Begleitung Berlin Mondiale nimmt unser Team die Rolle von “Critical Friends” (deutsch: Kritische Freund*innen) ein. Eine oft zitierte Definition beschreibt einen Critical Friend als „eine [...] Person, die provokante Fragen stellt, Daten erhebt...

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Bezeichnungen und Schreibweisen

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Die Perspektiven geflüchteter Künstler*innen in den Mittelpunkt stellen – ohne Lohn?

Eine Kulturschaffende berichtet, warum sie Teil eines Projekts war, das vor allem durch die Perspektive geflüchteter Künstler*innen geprägt wurde, und warum das Projekt trotz genehmigter  Projektgelder nicht nach Plan verlaufen konnte. Das Haupthindernis: die Entlohnung der Arbeit von Künstler*innen im Asylverfahren.

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English Version: Dossier 'Diversity Sensitive Supervision of Berlin Mondiale'

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