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Die wissenschaftlichen Begleitungen Azadeh Sharifis - Ausgangspunkt und Hintergrund für das Projekt Diversitätsorientierte Begleitung Berlin Mondiale

Die wissenschaftlichen Begleitungen Azadeh Sharifis - Ausgangspunkt und Hintergrund für das Projekt Diversitätsorientierte Begleitung Berlin Mondiale
Eine Feldanalyse der kulturellen Bildung mit Asylsuchenden

Von Caroline Froelich

Im Rahmen ihrer Feldanalyse besuchen die Critical Friends einige Projekte der Berlin Mondiale . Diese wurde über zwei Jahre von der Kultur- und Theaterwissenschaftlerin Dr. Azadeh Sharifi wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse ihrer Begleitung und ihre darauf aufbauenden Empfehlungen  für eine erfolgreiche, machtkritische Arbeit mit geflüchteten Menschen sind wichtige Impulse für die Arbeit der Critical Friends. Auch wenn ihre Handlungsempfehlungen konkret für die Akteur*innen der Berlin Mondiale geschrieben sind, lassen sich die dort formulierten Anregungen und Forderungen auf viele Kulturprojekte im Feld übertragen. Im Folgenden haben wir die wichtigsten Ergebnisse und Empfehlungen von Sharifis Evaluationen/Begleitungen zusammengefasst - die kompletten Studien sind unter den jeweiligen Titeln verlinkt und können frei heruntergeladen werden.

Die Evaluation “Berlin Mondiale - Flüchtlinge & Kulturinstitutionen: Zusammenarbeit in den Künsten” durch Sharifi fand 2015 statt. Zum Schluss ihres Berichts spricht Sharifi den Projekten zehn Empfehlungen aus, die im Folgenden zusammengefasst sind:

Zehn Empfehlungen
1. Es wird empfohlen, dass die Einbindung von Geflüchteten und Asylsuchenden in die Steuerungsgruppe sowie die Projektleitung stärker forciert wird.
2. Es wird empfohlen, dass mehr Künstler*innen mit eigenen Flucht- und Asylerfahrungen in das Projekt eingebunden werden. Das Fehlen ihrer Perspektive in der Organisation und damit Sensibilisierung in der Umsetzung wurde bei der wissenschaftlichen Begleitung sichtbar und spürbar.
3. Es wird empfohlen, dass die erwachsenen Geflüchteten und Asylsuchenden aus den Unterkünften stärker in die Projekte eingebunden werden. Diese können als Vermittler*innen zu anderen Bewohner*innen hilfreich sein.
4. Es wird empfohlen, dass die beteiligten Geflüchteten und Asylsuchenden von Anfang an in die künstlerischen Überlegungen der Projekte involviert sind, um die Gewährleistung von Augenhöhe. Generell muss die Trennung zwischen Geflüchteten und Künstler*innen viel stärker thematisiert werden, weil ein ungewolltes Machtgefälle entsteht, in dem die Menschen, um die es eigentlich gehen soll, nicht in die Organisation und Gestaltung der Projekte involviert sind.
5. Es wird empfohlen, dass auch die Geflüchteten und Asylsuchenden für ihre Mitarbeit und Zusammenarbeit honoriert/entlohnt werden.
6. Es wird empfohlen, dass die Kulturinstitutionen stärker eingebunden werden. Es besteht immer noch die Frage, inwieweit die Projekte es schaffen, das Thema Flucht und Asyl jenseits einer puren Viktimisierung und Bagatellisierung in die Institutionen hineinzutragen.
7. Es wird empfohlen, dass auch (feste) Räumlichkeiten in den Kulturinstitutionen für die Zusammenarbeit geschaffen werden.

"Blicke / Glances" - Ein Projekt im Rahmen der BERLIN MONDIALE mit, KW Institute for Contemporary Art KUNST-WERKE BERLIN e.V. und Übergangsunterkunft Alt-Moabit.  Foto: Mona Jas
"Blicke / Glances" - Ein Projekt im Rahmen der BERLIN MONDIALE mit, KW Institute for Contemporary Art KUNST-WERKE BERLIN e.V. und Übergangsunterkunft Alt-Moabit. Foto: Mona Jas

8. Es wird empfohlen, dass das Asylsystem in den Strukturen der Projekte stärker reflektiert und mitgedacht wird.
9. Es wird empfohlen, dass mehr therapeutische Begleitung – unabhängig von den Sozialarbeiter*innen – vorhanden ist. Generell ist auch die Frage, inwieweit die Künstler*innen mit den traumatischen Erlebnissen, die Menschen während der Flucht und im Prozess des Asylverfahrens widerfahren sind, angemessen umgehen können.
10. Es wird empfohlen, dass die künstlerischen Prozesse, das Austarieren und Aushandeln von Verwebungen und Verflechtungen kultureller Kontexte, als Ergebnisse der Projekte aufgefasst und stärker in den Mittelpunkt gestellt werden. In den Beobachtungen der Startphase der Berlin Mondiale war der Prozess nicht immer nur der Weg, sondern auch das Ziel.

In der Wissenschaftliche[n] Begleitung Bericht Berlin Mondiale - Flüchtlinge & Kulturinstitutionen: Zusammenarbeit in den Künsten  vom 4. Juli 2016 setzt sich Dr. Azadeh Sharifi mit den Veränderungen und Kontinuitäten des Projekts im Bezug zu den Zehn Empfehlungen der ersten Evaluation auseinander. Hier geht sie sowohl auf die einzelnen Projekte, als auch auf die Struktur des Koordinationsteams der Berlin Mondiale ein.
Es wird deutlich, dass  einige der ausgesprochenen Empfehlungen umgesetzt wurden. So sind verstärkt erwachsene geflüchtete Menschen in die Projektarbeit miteinbezogen worden und somit Perspektiven, künstlerische Vorstellungen und Einstellungen in die Projekte eingeflossen. Dem entgegen stand die Tatsache, dass die Vertreter*innen der Kulturinstitutionen, als auch die Steuerungsgruppe der Berlin Mondiale immer noch mehrheitlich weiß waren.
Positiv bewertet Sharifi die Einführung der Meta-Diskurse „Meilensteine“, um ein größeres Bewusstsein und Aufmerksamkeit für den projektinternen Diskurs zu kritischer Kulturarbeit mit Geflüchteten zu schaffen.Der machtkritische Blick auf die eigene Arbeit soll im dritten Jahr durch ein langfristiges und nachhaltiges Programmangebot geschärft werden.
Es wurde der eindeutige Wunsch nach stärkerer politischer Positionierung des Gesamtprojektes seitens der Projektleitung und der Steuerungsgruppe geäußert. Das Angebot des gemeinsamen politischen Wirkens wurde mehrheitlich von den einzelnen Projekten, d.h. den Kulturinstitutionen, abgelehnt. Die Projekte, von denen die meisten erst neu zu Berlin Mondiale hinzugekommen waren, wünschten sich, erst zusammen zu arbeiten, bevor sie eine politische Positionen einnehmen würden.
Weiterhin beobachtete Dr. Sharifi, dass viele der Projekte, sowohl neue als auch alte, den Charakter von Ferienworkshops beibehalten hatten. Einige sehr wenige haben wöchentliche oder regelmäßige Treffen angeboten.
Sharifi betont zum Schluss, dass die zehn Empfehlungen, die im ersten Bericht formuliert wurden, weiterhin gültig bleiben, weil sie noch nicht (oder gar nicht) umgesetzt wurden (oder werden konnten). In diesem Zusammenhang bleibt einer der wichtigsten Punkte die Einbindung der geflüchteten und asylsuchenden Menschen in die Strukturen der Berlin Mondiale und damit auch in die Steuerungsgruppe sowie der Projektleitung. Eine Mitgestaltung der Konzeption, Planung und Umsetzung kann die bisher noch sehr asymmetrische Struktur aufbrechen und die kritische Kulturarbeit in der Steuerungs- und Organisationsgestaltung vorantreiben.
Generell, meint Dr. Sharifi, wäre eine stärkere Reflexion der politischen Situation asylsuchender Menschen in der eigenen Kulturarbeit und die damit einhergehende politische Positionierung zwingend notwendig. Hierbei kann die Zusammenarbeit mit Migrant*innen-Selbstorganisationen und Geflüchteten-Selbstorganisationen sehr hilfreich sein.

Beide Berichte zeigen die Schwierigkeit, im Bereich kultureller Bildung im Kontext Asyl machtkritische Arbeit zu leisten. Vor allem das Überdenken und Reflektieren der eigenen politischen und gesellschaftlichen Position scheint ein Schlüssel zur erfolgreichen Arbeit zu sein. Setzt mensch den asylsuchenden Menschen in den Mittelpunkt, wird deutlich, dass eine selbstbestimmte Einbindung ins Projekt auch bedeutet, dass dieser auch in leitenden Positionen vertreten sein sollte.

Einleitung: Themenfeld und Begründungszusammenhang

Themenfeld und Begründungszusammenhang: Der Kulturbetrieb ist jedoch nur bedingt offen für alle, und unter anderem Kunstschaffende mit Flucht- oder Migrationsbiographien sehen sich mit alltäglichen und strukturellen Zugangsbarrieren konfrontiert.

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Begrifflichkeiten im Kontext von Flucht und Asyl

Sprache ist ein Machtinstrument. Sich mit geflüchteten Menschen zu beschäftigen bedeutet auch, sich mit den Begrifflichkeiten, die mit der Thematik verbunden sind, aktiv auseinanderzusetzen. Im folgenden Abschnitt werden einige Begriffe und Fragen behandelt, die im Kontext von Flucht aufkommen.

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KUNST IST MÖGLICH (WENN WIR WOLLEN)

Was passiert?
Kunst kann Konzept, Gedanke, Behauptung, Freude am Experiment, Moment, Politik, Wissensproduktion, Aktivismus, Meditation oder Provokation von Begegnungen und Geistesregungen sein.

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Ansätze für eine postkoloniale Geschichtsschreibung der kulturellen Bildung in Deutschland

Für eine Feldanalyse der kulturellen Bildung im spezifischen Kontext von Flucht und Asyl ist es unerlässlich, einen Blick auf das Selbstverständnis und die geschichtlichen Hintergründe beziehungsweise den Entstehungskontext von kultureller Bildung zu werfen.

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Sind kulturelle und politische Arbeit voneinander zu trennen?

Ist Kunst zu machen eigentlich Luxus? Was bedeutet es, in Kunstprojekten zu arbeiten, wenn die eigene Existenz in Frage steht? Und welche Absicht verfolgt man, wenn man mit Asylsuchenden arbeitet? Das sind Fragen, die gleich zu Beginn unserer Veranstaltung „Kulturelle Bildung im Kontext Asyl: Sind kulturelle und politische Arbeit voneinander zu trennen?”

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Soziale Arbeit und unentgeltliches Engagement im Kontext von Flucht

Was ist der Unterscheid zwischen Sozialer Arbeit und unentgeltliches Engagement im Kontext von Asyl? Was bedeutet das für den Anspruch der Arbeit und welche Chancen ergeben sich daraus? Prof.Dr. Nivedita Prasad analysiert dies in ihrem Beitrag.

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Trauma und Migration als Prozesse verstehen

Während vor einigen Jahrzehnten um die Legitimation des Traumabegriffs gekämpft wurde, wird dieser Begriff heute inflationär verwendet. Umso drängender ist es, sich um eine differenzierte Sprache zu bemühen und kritisch zu schauen...

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„Da kann man [...] in Fallen tappen, von denen man als Normalsterbliche*r überhaupt keine Ahnung hat.“

Ein Gespräch über Förderpolitiken im Bereich der kulturellen Bildung
Die interviewte Person möchte anonym bleiben.

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„Berlin Better Have My Money“ – Bezahlmöglichkeiten im Kontext von Kultur und Asyl

Dossierbeitrag von Nina Hager, Rechtsanwältin mit dem Schwerpunkt auf Asyl- und Aufenthaltsrecht und Rechtsreferentin in dem Dachverband der Psychosozialen Zentren für Geflüchtete und Opfern von Folter in Berlin (BAfF e.V.).

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„Ich brauche einen geschützten Raum, nicht mehr“

Ein Gespräch mit Marwa Abidou

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Ein Empowerment-Märchen – chorisch

Die Erzählerin: Es war einmal ein Reich, das war so groß, wie es sich fühlte. Es lebten dort zahlreiche Hofgelehrte und, neben den Übrigen, drei Empowerment-Expertinnen. Sie waren drei von vielen, die Empowerment für und mit jenen machten, die als „die Anderen“ markiert und damit geschwächt wurden

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Vom Trugschluss des emanzipatorischen Potentials der Künste.

Eine kritische Betrachtung der Ausbildung von Künstler*innen

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Etwas in Bewegung setzen – Über das „Wir“ der Kunst und CommUNITY-Theater im Theater X

Es ist interessant, wie die Leitung des Theatertreffens hier mit großer Selbstverständlichkeit aus der Perspektive eines vorgestellten „Wir“ des deutschsprachigen Kulturbetriebs schreibt: „Wir“ leben in Europa – und zwar mit Pass. Wenn mensch einen Blick auf Leitung und Jury des Theatertreffens 2015 wirft, wird deutlich, dass „wir“ auch weiß sind und alle irgendwas in Richtung Germanistik, Literatur oder Journalismus studiert haben.

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„Die Leute sollten Teil des Projektes sein, keine Mittel“

Auf Menschen persönlich zuzugehen und ihnen zu erklären, worum es bei dem Projekt geht, funktioniert am besten. Diese Beziehung zu den Menschen ist der wichtigste Teil. Ein offener Aufruf funktioniert nicht. Zumindest nicht für uns.

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Augenhöhe & Empowerment: (Wie) Geht das?

Vielen Kulturschaffenden scheint grundsätzlich bewusst zu sein, dass es ein Machtgefälle gibt zwischen Menschen, die sich im Asylverfahren befinden, und denen, die es nicht sind, denn ein beliebtes Projektziel ist es, auf „Augenhöhe“ zu arbeiten. Dieses Ziel müsste nicht formuliert werden, wenn es keine gesellschaftlichen Hierarchien zwischen Menschen gäbe.

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„Jetzt tretet ihr zurück, wir organisieren uns”.

Ein Interview mit Jugendliche ohne Grenzen und dem GRIPS Theater

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„Wir konnten etwas Unmögliches möglich machen“

Eine polyphone Unterhaltung über den CommUnity Carnival mit Alix, Jan, Veronica und Samee. Der CommUnity Carnival ist eine großangelegte, inklusive, künstlerische und politische Demonstration, die von einem breiten Netzwerk von Künstler*innen und Aktivist*innen aus ganz Deutschland selbst organisiert wurde.

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Resümee und Schlussfolgerungen vom Redaktionsteam

„Es gibt nichts Gutes, außer: man tut es“?
Im Rahmen unserer Feldanalyse haben wir öfter mit Projektleitungen Debatten über die Frage der Notwendigkeit einer politischen Positionierung zum Asylsystem geführt.

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Die wissenschaftlichen Begleitungen Azadeh Sharifis - Ausgangspunkt und Hintergrund für das Projekt Diversitätsorientierte Begleitung Berlin Mondiale

Im Rahmen ihrer Feldanalyse besuchen die Critical Friends einige Projekte der Berlin Mondiale . Diese wurde über zwei Jahre von der Kultur- und Theaterwissenschaftlerin Dr. Azadeh Sharifi wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse ihrer Begleitung und ihre darauf aufbauenden Empfehlungen für eine erfolgreiche, machtkritische Arbeit mit geflüchteten Menschen sind wichtige Impulse für die Arbeit der Critical Friends.

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Praxisorientierte Empfehlungen

Die folgenden Empfehlungen für Projektdurchführende, Sozialarbeiter*innen, Zuwendungsgeber*innen und Förderprogrammkonzipierende im Kontext Asyl gründen auf unserer Feldanalyse und bilden zudem eine Essenz der Beiträge in diesem Dossier ab.

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Praxisorientierte Links zum Thema Flucht / Asyl und Kultur

Empfehlungen von Online-Broschüren und -Beiträgen zum Thema Flucht / Asyl und Kultur.

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Diversitätsorientierte Begleitung Berlin Mondiale Team

Das Team der Diversitätsorientierte Begleitung Berlin Mondiale besteht aus vier Critical Friends, die im Feld die Analyse durchführen und eine Koordination. Hier findet ihr kurze Beschreibungen der Teammitglieder.

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Critical friends? Eine kurze Definition

Im Projekt Diversitätsorientierte Begleitung Berlin Mondiale nimmt unser Team die Rolle von “Critical Friends” (deutsch: Kritische Freund*innen) ein. Eine oft zitierte Definition beschreibt einen Critical Friend als „eine [...] Person, die provokante Fragen stellt, Daten erhebt...

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Bezeichnungen und Schreibweisen

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Die Perspektiven geflüchteter Künstler*innen in den Mittelpunkt stellen – ohne Lohn?

Eine Kulturschaffende berichtet, warum sie Teil eines Projekts war, das vor allem durch die Perspektive geflüchteter Künstler*innen geprägt wurde, und warum das Projekt trotz genehmigter  Projektgelder nicht nach Plan verlaufen konnte. Das Haupthindernis: die Entlohnung der Arbeit von Künstler*innen im Asylverfahren.

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English Version: Dossier 'Diversity Sensitive Supervision of Berlin Mondiale'

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