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„Da kann man [...] in Fallen tappen, von denen man als Normalsterbliche*r überhaupt keine Ahnung hat.“

Ein Gespräch über Förderpolitiken im Bereich der kulturellen Bildung
Die interviewte Person möchte anonym bleiben.
Das Interview führte Caroline Froelich.

Kannst Du Deine Erfahrungen mit Förderpolitik kurz beschreiben?

Ich habe in den letzten acht Jahren die unterschiedlichsten Fördermöglichkeiten kennengelernt und ausprobiert und kann deshalb ganz gut sagen, wo Hemmschwellen sind, wo Steine in den Weg gelegt werden für jede*n, der beziehungsweise die ein Projekt realisieren will. Sehr viel hängt immer von der Frage ab, woher das Geld für ein Projekt kommt, denn unbezahlt kann man tatsächlich nicht viel machen. Das fängt bei ganz großen Töpfen wie dem Hauptstadtkulturfonds oder der Stiftung Deutsche Klassenlotterie an, wo ein Projekt durchaus auch mal mit 100.000 Euro gefördert wird. Hier sagen meine Erfahrungen eher, dass, wenn man nicht mindestens drei oder vier Personen aus der Jury auf seiner*ihrer Seite hat, dann kann ein Antrag noch so gut sein: Man hat keine Chance.

Wie schwierig ist es für prozessorientierte Projekte, Anträge bewilligt zu bekommen?

Sehr schwer. Bei den meisten Projekten und Anträgen, die ich bislang begleitet habe, ging es immer darum, dass du ein Ziel oder auch mehrere formulieren musst und dann im Zweifelsfall auch sagen musst, was du tust, um dieses Ziel zu erreichen und mit welchen Indikatoren du nachher die Zielerreichung belegst. Also zum Beispiel müssen dann Teilnehmer*innenlisten geführt werden, wo tagtäglich die tatsächliche Teilnahme abgezeichnet werden muss. Oder du musst ein fertiges Theaterstück zur Aufführung bringen und sagen: „Da waren jetzt dreihundert Zuschauer!“ Du stehst immer unter dem Druck, am Ende was abzuliefern. Das kann die Arbeit ziemlich beeinträchtigen.

Wenn es zum Beispiel darum geht, Projekte auf Augenhöhe zu machen, also zum Beispiel mit der Zielgruppe Kinder, egal wo sie herkommen, ob Syrien, Wedding oder Wannsee, auf Augenhöhe irgendeinen künstlerischen Workshop zu machen, kannst du in diesem Fall kein Ziel formulieren und auf keine bestimmten Ergebnisse spekulieren. Da musst du dich tatsächlich darauf einlassen, was die Kinder eigentlich wollen. Und dann kann es eben auch passieren, dass überhaupt kein Theater dabei rauskommt, weil ihr vier Wochen hintereinander, weil so tolles Wetter ist, lieber Fußballspielen wart. Wenn du tatsächlich partizipativ arbeiten willst und deine Zielgruppe nicht im Vorfeld der Antragstellung schon ausführlich ihre Wünsche und Bedürfnisse formulieren kann, kannst du nie wissen, was dabei herauskommt.

Kannst du andere Problematiken von Förderanträgen im Bereich der kulturellen Bildung erläutern?

Es gibt zum Beispiel diese Gratwanderung zwischen Kultur und Soziokultur. Und wenn ein Projekt Kulturgelder beantragen würde, dann kommen dreiviertel aus der Jury und sagen: „Die machen doch Soziokultur!“ Oder sie stellen den Antrag beim Fonds Soziokultur und dann heißt es: „Ach nee, ihr seid ja kulturelle Bildung.“ Da kann man immer wieder gegen Mauern rennen oder in Fallen tappen, von denen man als Normalsterbliche*r überhaupt keine Ahnung hat.

Was ist mit anderen strukturbildenden Maßnahmen, die Hemmschwellen werden können?

Diese ganzen Projektförderungen, zum Beispiel im Bereich kultureller Bildung, sind alle zeitlich begrenzt, und es muss auch immer etwas Neues, Innovatives sein. Der Druck, sich immer neue Projekte auszudenken, ist enorm, und dann geht die ganze Kreativität in das Erfinden neuer Projekttitel und nicht in die konkrete Projektarbeit. Wenn es ein funktionierendes Konzept ist, warum sollte das dann nach einem Jahr beendet werden?

Gibt es weitere Dinge, die in der kulturellen Bildung nicht finanziert werden?

Es gibt freie Träger, die haben überhaupt keine festen Stellen oder noch nicht mal feste Räume und alle hangeln sich immer von Auftrag zu Projekt. Eine*r hat eine Projektidee und sucht sich Partner und sucht sich eine Schule. Die ganze Vorarbeit, diese ganze Antragstellung machst du schon mal unbezahlt und das, was hinterher an Verwaltung, Abrechnung dranhängt, macht die Schatzmeisterin auch unbezahlt. Das muss als Ehrenamt mit einfließen, das ist jedenfalls häufig die Logik der Zuwendungsgeber.

Auch nicht finanziert werden häufig Verpflegungskosten für Workshops oder Fahrtkosten. Und das gleiche gilt für Honorare, die du manchmal für Übersetzungen oder sozialpädagogische Begleitung der Workshops gut brauchen könntest; das ist in vielen Förderprogrammen häufig nicht abrechenbar.

 

Was wären Lösungsansätze für die Vereinfachung der Arbeit in Bezug auf Förderung?

Es fängt schon bei der Antragstellung an und das ist eine Erfahrung, die ich in den letzten 20 Jahren wirklich gesammelt habe. Die Antragstellung an sich wird schon wie eine Geheimwissenschaft behandelt. Ich weiß, die Kulturprojekte Berlin oder der Projektfonds Kulturelle Bildung geben sich mit Antragsberatung alle Mühe, aber ich habe bisher über andere Kreise nur sehr selten mitbekommen, dass es so ein Antragscoaching zum Beispiel auch in den Communities gibt oder auch in anderen Sprachen. Wenn du nicht Deutsch sprichst, dann kannst du deinen Antrag nicht stellen. Und wenn du Excel nicht kannst, dann kannst du deinen Antrag auch nicht stellen, weil du dann gar nicht ordentlich kalkulieren kannst.

Was die Projektdurchführung oder Abrechnung angeht, ist dann vor allem die Falle, in die man als Zuwendungsempfänger*in tappt, nicht genau nach Plan abrechnen zu können. Hinzugehen und zu sagen: „Ok, wir machen nur einen groben Plan, ihr habt Honorarkosten und ihr habt Sachkosten. Da kann man ungefähr schon sagen, was zusammenkommen wird und innerhalb dieser beiden Positionen könnt ihr hin und her schieben, wie ihr es braucht. Hauptsache, ich kriege hinterher ordentliche Belege.“ So etwas würde die Arbeit total erleichtern. Bei manchen Fördertöpfen hast du mehr zu tun mit der Einholung von Vergleichsangeboten, mit der Erfüllung der Auflagen zur Öffentlichkeitsarbeit, mit dem Berechnen der Abgaben für die Künstlersozialkasse oder die GEMA oder mit der Recherche von Versicherungen, dass für die echte Projektarbeit eigentlich keine Zeit mehr bleibt.

Außerdem braucht es viel mehr Möglichkeiten, sich bei der Antragstellung Rat zu holen und ein vereinfachtes Verfahren, wie ich finde. Um bei diesen Online-Formularen einen Antrag reinbasteln zu können, muss man schon fortgeschrittene Vorkenntnisse haben. So werden bestimmte Gruppierungen ausgrenzt. Vom Hörensagen weiß ich, dass es bei bestimmten EU-Förderprogrammen mittlerweile Menschen gibt, die sich darauf spezialisiert haben, solche Anträge im Auftrag von anderen zu stellen und sich damit ihren Lebensunterhalt verdienen.  Passt das noch in das Konzept, dass, wer immer eine gute Projektidee hat, auch gefördert werden soll?

Könnten Kiezräte oder ähnliches die Verteilung der Gelder gerechter machen?

Das kommt darauf an, welche Gelder und für welche Zwecke. Es gibt da die unterschiedlichsten Töpfe in unterschiedlichsten Größen und auch die unterschiedlichsten Entscheidungsgremien. Eine Schwierigkeit bei solchen Modellen ist die Frage danach, wie groß der Tellerrand der Menschen ist, die dann mitentscheiden dürfen und wie groß der finanzielle Spielraum ist, den sie haben. Da wüsste ich jetzt auch keine Patentlösung, aber ich glaube, dass es trotzdem mehr Überlegungen geben muss, wie bei Projektförderungen und auch bei institutionellen Förderungen eine größere Bandbreite von Interessent*innen berücksichtigt werden kann.

Fällt dir eine systematische Lösung zum Problem ein?

Ich glaube tatsächlich, es muss an ganz vielen verschiedenen Stellen gearbeitet werden. Jede Stelle, die Förderprogramme auflegt, will sich damit profilieren und zeigen: „Hey, wir sind toll, wir machen ja das und das.“ Für mich ist aber nicht das ‚Sich-profilieren‘ im Zentrum, sondern, dass ich mit diesen Projekten ja etwas bewegen will. Ich will vielleicht mit einem kleinen Projekt im Bereich kultureller Bildung, dass ein paar Kids in den Sommerferien mal ein paar coole Erfahrungen machen. Und ich möchte damit nicht angeben müssen. Und das ist, glaube ich, das Hauptübel. Dass sich immer alle darstellen wollen. Und müssen. Egal womit.

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