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„Wir konnten etwas Unmögliches möglich machen“

Eine polyphone Unterhaltung über den CommUnity Carnival mit Alix, Jan, Veronica und Samee

Herausgegeben von Veronica Schiavo

Über den CommUnity Carnival

Veronica: Der CommUnity Carnival ist eine großangelegte, inklusive, künstlerische und politische Demonstration, die von einem breiten Netzwerk von Künstler*innen und Aktivist*innen aus ganz Deutschland selbst organisiert wurde. Diese Form der Demonstration fand zum zweiten Mal am 16. September dieses Jahres in Berlin statt. Mehr als 10.000 Menschen, 15 Schauwagen und eine sehr lange Liste von Unterstützer*innen waren dabei. Der CommUnity Carnival ist Raum und Zeit, um unity gegen rassistische Haltungen und gegen Vergegenständlichung und Entmenschlichung von Menschen auszudrücken. Er ist ein sicherer Ort, um starke Geschichten, Bilder und Erfahrungen von Solidarität und Hoffnung gegen die Angst zu teilen. Er ist ein Weg, um für unsere politischen Forderungen gegen einen feindlichen Staat und einen rechten Feind zu demonstrieren und unsere Einheit gegen ihre Versuche, uns zu spalten und zu regieren, zu feiern. Wir sind von einer langen Tradition des Karnevals, als einer Form des Widerstands, inspiriert. Beispiele sind der Karneval von Notting Hill in West London oder der karibische Karneval, um nur zwei sehr bekannte Modelle zu nennen. Wir haben die Idee des CommUnity Carnivals ausgehend von der Definition des Grotesken durch den russischen Philosophen Michail Bachtin entwickelt, die von Ahmed Shah eingebracht wurde.

Samee: Im Karneval treffen sich Kunst und Leben. Er macht das Gelächter von unten, das an die Mächtigen gerichtet ist, hörbar. In diesem Jahr lag der Fokus nicht nur auf der Situation der Geflüchteten hier in Deutschland, sondern auf dem Aufzeigen und der Diskussion darüber, dass und warum es heute so viele Vertriebene weltweit gibt. Wir fordern eine echte Veränderung dieses ungleichen Systems, das auf Ausbeutung und Ausgrenzung gegründet ist. Durch den Karneval wollten wir eine Plattform schaffen, auf der jede*r das Recht hat, sich auszudrücken, zu kämpfen und zu feiern. Er war ein Ruf nach Einigkeit, ein Ruf nach Veränderung.

Jan: Der diesjährige Karneval ist einer der jüngsten Ausdrücke des langjährigen Kampfes von Geflüchteten und der antirassistischen Bewegungen in Deutschland.

Vom Carnival Al-Lajiìn/ Al-Lajiàat zum CommUnity Carnival.

Alix: Veronica, du sagst, dies war der zweite Karneval, den ihr organisiert habt. Aber der erste, am 20. März 2016, hatte einen anderen Namen: Carnival Al-Lajiìn_Al-Lajiàat [Karneval der Geflüchteten]. Warum?

Veronica: Nun, wie Samee sagte, war dieses Jahr der Fokus viel weiter als im letzten Jahr und auch die Notwendigkeiten, die uns bewegt haben. Er war auch eine Reaktion auf den Aufstieg der Rechten in vielen Ländern und den politischen Einsatz von Angst, um eine restriktive, ungerechte und grausame Migrationspolitik sowie verschiedene Formen von Rassismus und Diskriminierung zu rechtfertigen. Wir hatten das Bedürfnis, die auf Solidarität beruhende Bedeutung der Community zu unterstreichen, um uns dieser politischen Situation zu widersetzen und sie zu bekämpfen. Es gibt so viele Beispiele für Selbstorganisationen an der Basis, die jeden Tag arbeiten, um die bürgerlichen, sozialen und die Menschenrechte zu schützen. Wir denken, dass dies der richtige Moment war, um zur Einheit aufzurufen und gemeinsam zu demonstrieren. Gleichzeitig wollten wir eine Vielzahl von Stimmen und Kämpfen auf die Straße bringen. Deshalb ist auch die Form des Karnevals wichtig, weil sie die Möglichkeit der Polyphonie bietet. Deshalb haben wir uns entschieden, es CommUnity Carnival zu nennen.

Samee: Die Idee des Theater X war es, die Community zusammenzubringen, um die Probleme und die Rassismen, die wir täglich erleben, stärker sichtbar zu machen. Wir wollten eine Community schaffen, in der Menschen zusammenkommen und Kunst nutzen können, um sich für gleiche Rechte einzusetzen.

Von My Right Is Your Right zu We’ll Come United

Alix: Auch das Netzwerk hat seinen Namen geändert von My Right Is Your Right zu We’ll Come United. Kannst du erklären, wie und warum das passiert ist?

Jan: Es ist wichtig, sich an das zu erinnern, was in den letzten Jahren passiert ist. Nach all der Mobilisierung und Sensibilisierungsarbeit der Refugee-Bewegung in der Gerhard-Hauptmann-Schule und am besetzten Oranienplatz haben sich auch große Kultureinrichtungen für die Bewegung interessiert. Das Ergebnis der Zusammenarbeit von Geflüchteten und Künstler*innen, selbstorganisierten Gruppen und Institutionen war die Schaffung des Netzwerks My Right Is Your Right. Die ersten Gruppen waren der Refugee Club Impulse, das GRIPS Theater, das JugendtheaterBüro, das Ballhaus Naunynstraße, später das Maxim Gorki Theater und andere. Der Refugeekampf war in diesem Moment ein großes Thema und insbesondere die Frage: Wie soll mit den Menschen umgegangen werden, die diese öffentlichen Räume besetzt haben? Die größte Krise in der damaligen Wahlperiode hatte die Stadtregierung wegen der Besetzungen durch Geflüchtete. Es war vor 2015, als das Refugeethema zum Mainstream wurde. Die Aufmerksamkeit wurde durch den selbstorganisierten Protest geschaffen und die Theater reagierten darauf. Es war unmöglich, das zu ignorieren.
Das erste Treffen des Netzwerks fand im Herbst 2014 mit mehr als 100 Teilnehmer*innen statt. Jede*r hat unsere horizontale und demokratische Struktur, unsere langen Treffen und die Entscheidungsfindung akzeptiert. Wir haben zusammen eine erste Demonstration gemacht und das hat ziemlich gut funktioniert. Aber es wurde klar, dass diese Art der Straßenmobilisierung nicht die Sache der Theater war. Es war, sagen wir, eine klassische Demonstration, wobei die Organisation und die Durchführung mehr in den Händen der Aktivist*innen lag. Wie dem auch sei, wir koalierten mit dem Deutschen Theater, dem Maxim Gorki Theater, dem GRIPS Theater, dem JugendtheaterBüroBerlin (JTB) und dem Refugee Club Impulse, dem Ballhaus Naunynstraße, dem Theater an der Parkaue, der Schaubühne und auch kleineren Theatern, wie dem Metropolis.
Nach der Demonstration [an der ca. 3.000 Personen teilgenommen hatten] dachten wir, dass das nicht genug war und wir mehr Theater miteinbeziehen wollen. Während des Evaluierungsprozesses kamen das JTB und der RCI auf die Idee, einen Karneval zu veranstalten, auch um mehr Wissen aus dem Theater miteinzubringen, weil es eine andere Form des Protests und ihrer bereits bestehenden Praxis näher ist. Viele Leute waren an dieser Idee interessiert.

Veronica: Dies ist auch der Zeitpunkt, an dem die sogenannte ‚Willkommenskultur‘ Aufwind bekam. Viele kulturelle und künstlerische Projekte mit Geflüchteten wurden initiiert und erhielten öffentliche Unterstützung.

Jan: Vielleicht kam die Idee ein bisschen früher, aber ja, sie entwickelte sich in diesem Moment. Und vielleicht war es einfacher, die Menschen einzubeziehen, weil es den massiven Willen der liberalen Zivilgesellschaft gab, ein Teil davon zu sein. Wir haben große Anträge auf Finanzierung gestellt. Vorher war es mehr eine Basismobilisierung im My Right Is Your Right-Netzwerk, aber dann stellten die Theater große Anträge für den Karneval, der schließlich im März 2016 nach einem Jahr der Vorbereitung stattfand.

Veronica: Erinnerst du dich, welche Anträge erfolgreich waren?

Jan: Neben den in Kinos und Theatern gesammelten Spenden, ebenfalls eine bedeutende Geldsumme, kam der größte Teil der Mittel vom Projektfonds Kulturelle Bildung [Berlin]. Es gab Geld für Trainer*innen, für Workshops und für das Koordinationsteam. Vor diesem Moment war keine der beteiligten Personen bezahlt worden. Aber Theater haben eine andere Form der Organisation. Sie haben eine sehr hierarchische Struktur und sind es nicht gewohnt, diese politische Arbeit zu leisten, ohne dafür bezahlt zu werden. Sie haben um eine Koordinationsperson gebeten, um die Kommunikation zwischen der Versammlung und den Theatern zu verwalten. Sie wollten auch eine Person, die die Arbeit der verschiedenen Theater koordiniert, mit dem Ziel, weniger Arbeit und Probleme zu haben.

Veronica: An diesem Punkt begannen sich die Machtbeziehungen und der Prozess der Entscheidungsfindung innerhalb des Netzwerks zu verändern.

Jan: Es war in gewisser Weise eine professionellere Methode, aber wir hatten nicht so viel grassroots network wie zuvor. Die Theater wollten stärker kontrollieren, wie die Parade abläuft, wie die Idee des Karnevals genau aussieht, auch weil sie dafür öffentliche Gelder erhalten hatten. Wie ich bereits sagte, war die Beteiligung am Vorbereitungsprozess vonseiten der Aktivist*innen geringer als zuvor. Aber am Ende hat es die Demonstration selbst nicht so sehr beeinflusst; viele Aktivist*innen waren beteiligt. Es gab viele Menschen, die verschiedene Sektoren der Gesellschaft abbildeten, Aktivist*innen, Neuankömmlinge, Kulturschaffende, das Publikum der Theater.

Veronica: Der Karneval war ein Versuch, verschiedene soziale und politische Akteur*innen zusammenzubringen: die selbstbestimmte Refugeebewegung, die kulturellen Institutionen und die Zivilgesellschaft der sogenannten ‚Willkommenskultur‘. Es war tatsächlich ein anspruchsvolles Projekt, und eine Zeit lang funktionierte es. Es brach zusammen, als einige Einzelpersonen und Gruppen, die Teil eines sehr großen Netzwerks waren, für ihre Positionen im Nahostkonflikt öffentlich angegriffen wurden. Es folgte ein regelrechter Mediensturm, in dem diese Fragen das Bild des Karnevals vollkommen dominierten. Einige Zeitungen veröffentlichten sogar Bilder von anderen politischen Demonstrationen und behaupteten, dass sie während des Karnevals aufgenommen worden wären. Diese diffamierende und erschreckend undifferenzierte Berichterstattung machte nicht nur die Breite der Mobilisierung und der Themen, um die es ging, unsichtbar, sie ließ auch keinen Raum für Diskussion oder Auseinandersetzung. Für die meisten Medien schien alles sehr einfach zu sein: Es gab einen Verdacht, der ständig wiederholt und so irgendwann wie selbstverständlich zu einem einfachen Urteil wurde.

Jan: Die Diskussion über diese Vorwürfe nahm während des Moments der Evaluierung einen großen Raum ein. Jede*r der Teilnehmenden dachte sehr positiv über den Karneval und erkannte das große Ziel, das wir gemeinsam erreicht hatten. Aber die Diskussion konzentrierte sich auf den Umgang mit dieser medialen Berichterstattung und darauf, wie wir uns politisch als Netzwerk positionieren können. Aufgrund der veränderten Machtstruktur konnten wir auf diese Kampagne kaum reagieren.

Veronica: … auch weil die Leitungen einiger Theater zum Teil Entscheidungen, die vorher basisdemokratisch in unserem Plenum getroffen wurden, im Nachhinein einseitig wieder zurücknahmen.

Jan: Die Theater fühlten sich in Gefahr, ihre Finanzierung vom Berliner Senat zu verlieren. Wir waren festgefahren. Nach und nach verließen Theater, aber auch andere Gruppen n das Netzwerk, auch wenn einige von ihnen als Einzelpersonen blieben und uns privat unterstützten.

Veronica: Nach dem Sommer hatte sich das Netzwerk aufgelöst, aber es gab immer noch einige Aktivist*innen, Künstler*innen und Gruppen, die bereit waren, einen weiteren Karneval zu organisieren. Wir schrieben einen ersten Aufruf mit der selbstorganisierten Theatergruppe Club Al-Hakawati, um wieder alle zur Teilnahme eingeladen, auch die großen Institutionen. Aber der Prozess war zu langsam und wir hatten nicht genug Energie und Unterstützung.

Samee: Dann, im Januar, gingen Jan und ich zu einem Treffen in München, das von der Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und Migrant*innen veranstaltet wurde. Wir trafen antirassistische Gruppen, selbstorganisierte Refugeegruppen und Aktivist*innen aus ganz Deutschland. Am Anfang stand die Idee, eine große Konferenz zu organisieren, aber als wir unsere Idee des Karnevals vorstellten, änderte sich der Plan. Es dauerte eine Weile, das nötige Vertrauen zu schaffen, aber dann trat die Berliner Gruppe, die an dem CommUnity Carnival arbeitete, in das neugeborene Netzwerk We’ll Come United ein, und das We’ll Come United-Netzwerk nahm die Idee und den Geist des CommUnity Carnival auf.

Der Karneval am 16. September

Veronica: Die Vorbereitung des Karnevals war ein sehr langer Prozess, manchmal auch ein bisschen anstrengend. Wie war nach dieser langen Zeit der Karnevalstag selbst?

Alix: Es war wirklich sehr, sehr beeindruckend. Wir hatten sehr lange darüber gesprochen. Wir hatten in den Notunterkünften das Bewusstsein geschärft, Menschen dafür mobilisiert, aber wir waren auch etwas entmutigt. Es war nicht einfach und wir hatten Angst, dass die Leute trotz solch einer großen Anstrengung nicht kommen würden. Weißt du, die Menschen, die in den Unterkünften leben, haben viele Probleme; manchmal sind sie verängstigt, gestresst, sogar depressiv oder hoffnungslos. Aber an diesem Tag – lass es mich so sagen, es war ein gesegneter Tag – sogar das Wetter war perfekt, sonnig und frisch. Viele Leute kamen heraus, andere Leute. Und was mich wirklich beeindruckt hat, war, dass jede*r vom Karneval beeinflusst wurde, jede*r war ein Teil davon und jede*r spürte es.

Es war so schön zu sehen, wie alle Leute tanzten und auftraten. Es gab keine Unruhestifter*innen; wir waren vereint, weil wir für etwas da waren. Schwarz, weiß welche Farbe auch immer, Erwachsene, Kinder, wir waren vereint für etwas, für Gleichheit. Als ich all die Leute vor mir sah, war es einfach unglaublich ...

Veronica: Du warst auf dem ersten LKW, richtig? Du hattest einen Überblick über die gesamte Demonstration.

Alix: Ja, es war beeindruckend. Ich habe auf dem ersten LKW moderiert. Weißt du, dieser Karneval hat mir erlaubt, Dinge zu tun, die ich noch nie zuvor getan hatte. Ich habe vor 10.000 Leuten geredet und moderiert...das ist mit Sicherheit Empowerment! Ich habe es geschafft. Ich habe mein Bestes gegeben und ich war von der Atmosphäre des Tages beeinflusst. Und es hat auch sehr viel Spaß gemacht.
Es war erstaunlich, so eine große und erfolgreiche Veranstaltung, viel besser als ich jemals erwartet hätte.

Jan: Das hat jeder gesagt.

Veronica: Es war dieses Jahr sogar viel polyphoner und kreativer.

Jan: Ich habe es eigentlich nicht erwartet, ich hatte wirklich Angst, dass die Leute diese Idee nicht annehmen würden. Aber offensichtlich war der Bedarf an dieser Form von Kunst und Aktivismus sehr groß.

Veronica: Der Prozess war auch sehr wichtig, denn wenn du die Dekoration für den Truck organisieren musst oder wenn du eine Performance vorbereiten musst, musst du unbedingt zusammenarbeiten. Du musst vermitteln, um die richtige Sprache zu finden, den richtigen Weg, dies zu tun. Du arbeitest zusammen mit einem gemeinsamen Ziel, das so wichtig ist. Es ist eine Möglichkeit, die Themen auf einer anderen Ebene zu diskutieren und verschiedene Wege zu finden, um deine Forderungen zu kommunizieren.

Jan: Es ist auch eine neue kulturelle Form der Bewegung, der Mobilisierung. Es repräsentiert kulturelle Vielfalt. Ich meine nicht Kulturen, die aus verschiedenen Regionen der Welt auf die Straße gebracht werden. Es geht um verschiedene Arten des kulturellen Ausdrucks. Das ist sehr wichtig für die Kommunikation, weil es nicht nur darum geht, eine Sprache in jede Sprache zu übersetzen. Es geht um die Form, wie Forderungen und deren Inhalt präsentiert werden, der wichtig ist. Es ist viel einfacher, verschiedene Formen der Forderung in Performances, in der Musik, im Tanz zu haben...das ist so reich an Ausdruck, dass es für viele Menschen viel zugänglicher ist. Und auch mehr Menschen fühlten sich vertreten. Weil [die Kommunikation] manchmal sogar innerhalb der Bewegung eine große Barriere ist, selbst wenn es ähnliche Forderungen unter den Menschen gibt. Wenn sie sich im Ausdruck einer Demonstration nicht willkommen fühlen, werden sie nicht teilnehmen. Durch die vielfältigen Äußerungen innerhalb dieser Demonstration war es sehr einladend für die Menschen, sich aktiv anzuschließen. Die Leute fühlten sich am richtigen Ort.

Alix: Es ist wahr, alles wurde mit Liebe, Kreativität und Sinn gemacht. Durch das Fehlen des Geldes mussten wir mehr improvisieren, aber wir konnten uns vorstellen, was sich die Leute noch nicht vorstellen können und wir schufen den Raum, um alle in diesen Prozess der Vorstellungskraft einzubeziehen. Wir konnten etwas mit nichts machen, wir konnten etwas Unmögliches möglich machen. Das sollten wir auch mit unseren Gesellschaften tun. Wir leben nicht in der besten Welt, wir müssen uns andere Möglichkeiten vorstellen. Wir können nicht ignorieren, dass wir in einem System leben, das dank der Unterdrückung und der Ausbeutung von Millionen Menschen funktioniert. Wir können nicht denken, dass es vorbei ist, dass es keine anderen Möglichkeiten gibt, dass dies die einzige ist. Wir können nicht ignorieren, was geschieht. Die Menschen ertrinken jeden Tag im Meer und das wird ignoriert... Die Leute sind zu beschäftigt damit, ihre Privilegien, ihre soziale Position und ihren Status zu bewahren, um wirklich zu sehen, was passiert. Wir sind die Menschen, die diese Realität, die Widersprüche und Ungerechtigkeiten dieses Systems zeigen und sich für eine Veränderung öffnen müssen.

Selbstorganisation und Fundraising

Veronica: Wie hat das dieses Jahr mit den Finanzen funktioniert? Wie war es möglich, eine so große kulturelle und politische Demonstration fast ohne Geld zu organisieren?

Jan: Nun, vor allem mit der Arbeitskraft so vieler Individuen. Das ist der größte Teil. Alle haben ohne Geld gearbeitet und wir haben von der Erfahrung all dieser aktivistischen Basisbewegungen profitiert, die Ressourcen, also nicht nur Geld, sondern vor allem Verbindungen und Unterstützung, haben. Und darüber hinaus haben wir sehr dezentralisiert gearbeitet. In jeder Stadt haben die Leute Geld für ihre eigenen Reisen, Lastwagen und Dekorationen gesammelt. Und sie haben auch ihre eigene Mobilmachung organisiert; sie haben ihre eigenen Flyer gedruckt. Es gab auch eine kleine Fundraising-Gruppe in Form von We’ll Come United, die einige kleine Anträge gestellt hat. Sie bekamen etwas Geld, vor allem für die Busse, für die Reise nach Berlin. Auch in Berlin gab es eine Gruppe, die etwas Geld gesammelt hat, besonders für die Lagermobilisierung.

Veronica: Wisst ihr mehr oder weniger, wie viel Geld wir ausgegeben haben?

Jan: Es ist schwer zu sagen, da wir bis jetzt keinen Überblick haben. Ich würde im Berliner Netzwerk um die 6.000 Euro schätzen, vielleicht ein bisschen mehr. Im nationalen Netzwerk wahrscheinlich um die 15.000, vielleicht ein bisschen mehr, plus das Geld, das jede Gruppe ausgegeben hat, aber wir wissen nicht, wie viel das war. Ich würde sagen, wir haben, obwohl es viel größer war, weniger Geld ausgegeben als im Jahr zuvor. Aber das bedeutet viel, sehr viel unbezahlte Arbeit.

Veronica: Ja, vor dem Karneval dachte ich, dass wir alle wirklich, wirklich erschöpft waren. Natürlich hat uns der Karneval selbst viel Energie gegeben. Aber es war wirklich zu viel. Ich denke, dass es nicht immer möglich ist, unter diesen Bedingungen zu arbeiten.

Jan: Ich bin nicht gegen die Idee, Menschen für ihre Arbeit zu bezahlen... Natürlich sollten wir unsere Struktur im Falle einer öffentlichen oder privaten Finanzierung überdenken – aber dies impliziert immer ein gewisses Risiko. Wir haben mit Institutionen gearbeitet und wir werden wieder mit ihnen zusammenarbeiten, aber wir sollten auf jeden Fall vorsichtig sein, denn dies sollte unsere Selbstorganisation und Selbstbestimmung nicht beeinträchtigen.

Das Gespräch wurde auf Englisch geführt und von der Redaktion übersetzt.

Alix
Ich bin eine Geflüchtete aus Kamerun. Ich lebe seit etwa zwei Jahren in Deutschland. Ich bin eine Aktivistin. Ich bin Mitglied von We’ll Come United und von Theater X.

Jan
Ich lebe seit einiger Zeit in Berlin. Ich habe bereits während meiner Schulzeit, seit 2005, Kontakt mit der Refugee- und Antirassismusbewegung aufgenommen. Seitdem bin ich Aktivist.

Samee
Ich lebe seit 2013 in Deutschland. Ich komme aus Pakistan. Ich habe mit dem Refugee Club Impulse und später mit dem Club Al-Hakawati als Schauspieler und Promoter gearbeitet. Ich war der Koordinator des Netzwerks My Right Is Your Right und jetzt bin ich Teil von We’ll Come United.

Veronica
Ich bin Kuratorin und Theatervermittlerin aus Italien. Ich lebe in Berlin und arbeite seit fast zwei Jahren mit Club Al-Hakawati. Ich war aktiv in My Right Is Your Right und bin jetzt Teil von We’ll Come United.

 

 

 

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