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Hörende Privilegien hinterfragen. Hörende Ignoranz kontern.

Ein Interview zur Veranstaltung „Tauber Stressfaktor“

Es war ein sehr bewegter und bewegender Abend: Silvia Gegenfurtner, Simone Lönne, Xenia Dürr und Melanie Loy haben im Oktober 2018 im aquarium (Berlin-Kreuzberg) eine Veranstaltung zum Thema Audismus gemacht. Audismus bezeichnet die jahrhundertelange Diskriminierung Tauber Menschen. Hören und Sprechen gelten als selbstverständlich. Die Veranstaltung hatte den Titel „Tauber Stressfaktor: Hörende Ignoranz“. Auch in queeren Kontexten leben Taube Menschen. Aber auch diese sind nicht frei von Audismus und hörender Ignoranz. Antke Engel (ae) vom Institut für Queer Theory, das zu dieser Veranstaltung eingeladen hat, im Austausch mit Silvia (SG), Simone (SL) und Xenia (XD):

Foto: Xenia Dürr

ae: Warum habt ihr diesen Titel für Eure Veranstaltung gewählt?

SL: Silvia und ich machten ein Brainstorming, was als Titel passend wäre. Uns fielen viele mögliche Titel ein. Von derb bis sachlich. Wir besprachen mögliche Titel mit Hörenden aus unserem Team, mit dem Wunsch, mit dem Titel Hörende zur Veranstaltung einzuladen, ohne sie gleich zu schocken bzw. zu provozieren. Abschließend einigten wir uns auf den Titel, der unsere Philosophie für diese Veranstaltung „Tauber Stressfaktor: Hörende Ignoranz“ genau widerspiegelt.

Wir leben alle in zwei Welten, die der Gebärdensprache und deren Kultur und die der Hörenden. Für mich war ein interessanter Prozess bei der Wortfindung, für mich zu fühlen, wie diese Worte auf mich wirken, wie sie auf Hörende wirken, was sich echt anfühlt, was ich berücksichtigen muss.  Der Titel wirkt wie eine Formel auf mich, die man ganz genau lesen muss.

ae: Warum war es Euch wichtig, diese Veranstaltung in Gebärdensprache (DGS) stattfinden zu lassen?

SL: Für mich ist es selbstverständlich, unseren Vortrag in DGS abzuhalten, ebenso auch das ganze Programm selbst zu gestalten, was uns als taube Menschen ausmacht.  Ich fühle mich authentisch, wenn ich meine Sprache in DGS gebärde.  Es ist für mich immer wieder schön, einer Veranstaltung ein wenig Taubenkultur einzuhauchen, wenn das Publikum hörend ist. So kann jeder uns bei der Arbeit auf der Bühne direkt zusehen, eine visualisierte Veranstaltung für Hörende.

SG: Was wäre das für ein akustisches Gezeter gewesen, wenn wir diese Veranstaltung in Lautsprache abgehalten hätten? (lacht) Spaß beiseite, es ist meine Muttersprache, ich würde eine eigene Veranstaltung nur in Gebärdensprache, ob deutsche GS oder neuseeländische GS, durchführen.

XD: Ich schließe mich Silvia’s und Simone’s Antworten an. Da ich aus Wien, Österreich komme, ist meine Erstsprache zwar ÖGS (Österreichische Gebärdensprache), ich beherrsche dennoch ein bisschen DGS. Ich fühle mich auch am wohlsten, wenn ich mich in meiner Erstsprache ausdrücke, da ich ich selbst sein kann. Also war für mich klar, diese Veranstaltung in Gebärdensprache zu halten. Vor allem ist es wichtig, dass solche Veranstaltungen immer wieder angeboten werden, damit Gebärdensprache mehr in die Öffentlichkeit kommt und Hörende aufgeklärt werden. Ebenso brauchen wir mehr kulturelle Angebote für taube Menschen.

ae: Am Schluss, in der letzten Viertelstunde der Veranstaltung, habt ihr einen Hearing Space eingebaut. Ihr habt die Bühne für Beiträge aus dem Publikum geöffnet. In DGS oder in Lautsprache. Nur hier war es möglich, dass auch aus Lautsprache in DGS übersetzt wurde. Für mich war dies eine wichtige, ganz neue Erfahrung: Mein Hören und Sprechen hat seine Selbstverständlichkeit verloren. Meine Praxis wurde marginal. Taube Kultur hat den Raum definiert. Hat für Euch diese Umkehrung auch funktioniert?

SL: Ja, ich bin sehr froh, dass der Hearing Space eingeführt wurde. Wir wollten damit einen Raum für Hörende anbieten, ihnen „zuhören“, und herausfinden, was sie gerade beschäftigt. Ein Austausch ist immer schön, warum auch nicht einen Hearing Space anbieten, wovon wir alle profitieren, ganz egal, ob der/die Hörende noch nie zuvor einen tauben Menschen aus nächster Nähe gesehen hat oder ob die hörende Person bereits die Gemeinschaft der Gebärdensprache kennt.

Wir erleben oft genug, dass hörende Menschen uns beweinen, uns bemitleiden, aber genauso ignorant sind. Wir nennen das „Hörende Tränen“. Das haben wir erst vor drei Wochen erfunden in unserem Prozess. „White Tears“ ist bei People of Color ein Begriff für sich.

Ich bin schlecht im Text kopieren, daher meine Empfehlung, die Definition „White Tears“ bei Google nachzuschauen. Wir sehen darin Parallelen zu unserem gerade neu erfundenen „Hörende Tränen“ , auch „hearing Tears“ genannt.

Wir wünschen uns einfach einen direkten Austausch mit Hörenden, wie wir uns besser vernetzen können, sensibler miteinander umgehen.

SG: Bei dem Hearing Space war mir wichtig, über hörende Privilegien zu diskutieren. Wir wollten aber auch Hörende dazu einladen, mit uns zu diskutieren. Dass wir ihnen Raum geben, obwohl genau diese Hörenden uns zigtausende Male diesen Raum verwehrt haben, verwehren und verwehren werden.

ae: Xenia ist Fotografin. Sie hat zu dem Abend sehr tolle Fotos beigetragen. Die Fotos verdeutlichen Audismus. Sie hat sie extra für diese Veranstaltung fotografiert.

Welche Fotos sind euch besonders in Erinnerung geblieben? Warum?

SL: Ich hatte bei jedem Foto einen Flashlight.  Für mich persönlich ist das Bild mit dem Schuljungen und der Lehrerin sehr prägnant.  Der Schuljunge steht vor seiner Lehrerin, seine Hände nach hinten mit rotem Seil gebunden. Ein ganz normaler Unterricht, wo das Sprechen die höchste gewaltsame Priorität hat.  Ich bin 1970 in die Welt des Oralismus geboren, wo die Gebärdensprache richtig verteufelt wurde. In der Schule durfte man nicht gebärden. Ich sah wütende, aggressive Kinder auf dem Pausenhof, als ich eingeschult wurde. Der Junge auf dem Foto zeigte wunderbar eine Körperhaltung, die mir sofort vertraut ist: Eine schier angespannte Haltung. Die Angst im Nacken in der Schule und das erzwungene Bemühen um ein bisschen Anerkennung in seiner Aussprache in der Lautsprache. Ich habe nur wenig Erinnerungen an meinen logopädischen Einzelunterricht. Meine Stimme befanden sie als gut und ich brauchte nicht mehr viel logopädischen Unterricht. Die unterschwellig gewaltbereiten Gehörlosenlehrer*innen machten mir weiterhin Angst. Obwohl in unserer tauben Gemeinschaft gerne und oft über Oralismus gewitzelt wird, ein absoluter Klassiker, was den Galgenhumor betrifft, traf mich ein kleiner Blitz, als ich das Bild sah. Es wird Zeit für  eine sensible Aufklärungsarbeit und auch für eine Entschädigung vom Staat. Das Bild spricht für kollektive Traumata in der tauben Welt.

SG: Bei dem Bild mit dem Schuljungen und der Lehrerin hatte ich das Gefühl, dass ein altes kollektives Trauma in mir erwacht. Mein Herz vibrierte. Das Foto des gehörlosen Familienmitglieds am Esstisch hat auch Prozesse in mir angestoßen. Überhaupt haben ziemlich alle Fotos eine Wirkung auf mich ausgeübt.

XD: Zwei Fotos haben mich bei der Entstehung am meisten berührt. Das eine Foto, wo eine gehörlose Person auf der Liege liegt und die zwei Ärzte an ihren Ohren herumwerkeln. Das zweite Foto am Familientisch mit einem einzigen gehörlosen Familienmitglied, während alle anderen hörend sind. Das sind die Bilder, mit denen ich mich am meisten identifizieren kann, zum einen, weil ich selbst mit 9 Jahren das Cochlea-Implantat (kurz genannt: CI) erhielt und ich das einzige taube Familienmitglied bin, da es persönliche Gründe und Erfahrungen hat. Die Idee mit dem Familientisch hatte ich schon sehr lange, weil es vielen tauben Menschen genauso geht, da 90 Prozent der Gehörlosen in hörenden Familien aufwachsen, und meistens ohne Gebärdensprache. Das Bild soll ein Denkanstoß sein. Jetzt endlich hatte ich die Chance dazu, das Foto zu machen, was mir gut gelungen ist. 

ae: Xenia, was ist Dir wichtig an den Fotos? Magst Du uns etwas vom Produktionsprozess berichten?

XD: Mit den Fotos ist mir vor allem wichtig, dass diese zum Nachdenken anregen, und auch wachrütteln, so nach dem Motto: „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“. Die Leute, die sich das Bild ansehen, sollen auch versuchen, sich in uns hineinzuversetzen, wie wir uns als Taube Menschen fühlen.

Anschließend möchte ich sagen, dass es toll war, mit Silvia und Simone zusammenzuarbeiten und auch die Möglichkeit bestand, mit ihnen den Produktionsprozess gemeinsam zu besprechen, da ich es nicht alleine bestimmen wollte. Dadurch konnte ich gutes Feedback bekommen. Es war auch sehr spannend zu sehen, wie sie die Fotos interpretierten und wie sie sich als Außenstehende dabei fühlten. Es war ein sehr intensiver Monat. Und eine wertvolle Erfahrung für mich. Ich würde es wieder machen. Ich machte mir viele Gedanken darüber, wie die Fotos umgesetzt werden sollten, damit der Denkanstoß richtig ankommt bei der Veranstaltung. Ich war deswegen sehr nervös, weil es ein heikles Thema ist.

Aber nach der Veranstaltung kann ich sagen, dass die Wirkung gut angekommen ist und ich mich sehr darüber freue. Vor allem möchte ich mich auch bei den Leuten, die bei den Fotos mitgemacht haben, bedanken! Ohne sie wäre all das nicht möglich gewesen.

ae: Immer wieder tauchte an dem Abend das Thema Schule anhand von historischen und aktuellen Beispielen auf. Taube Menschen aus dem Publikum haben ebenfalls berichtet: Schule bedeutet allzu oft, dass Kinder zum Sprechen gezwungen werden. Sie werden gedrillt, Töne korrekt zu wiederholen. Sie sollen lernen, Wörter auszusprechen, die sie nie gehört haben. Silvia hat uns dafür den Begriff „Oralismus“ beigebracht. 

Silvia, warum möchtest du, dass wir diesen Begriff kennen? Später haben Melanie und Du auch nach Rassismus und Sexismus gefragt. Sind manche Fremdwörter nützlich, um besser zu verstehen, was in der Welt geschieht?

SG: Oralismus ist ein Standardbegriff in der tauben Welt. Diesen Begriff möchten wir euch nicht vorenthalten. Es ist wichtig, dass diese Form der Gewalt, die seit Jahrhunderten gang und gäbe ist, publik gemacht wird und dass die hörende Mehrheit davon erfährt. Nicht, dass dieser hörenden Mehrheit jedes Mal die Kinnlade runterfällt, wenn sie erfährt, dass wir in der Schule nicht in Gebärdensprache unterrichtet wurden. In der Tat sind manche Begriffe nützlich, damit wir nicht ständig was umschreiben müssen. Ich setze mich als weiße auch mit Rassismus und als CIS-Frau mit Sexismus auseinander, weil ich in diesen Diskriminierungsformen viele Parallelen zu Audismus sehe.

ae: Statt Wort- oder Gebärdensprache zu verwenden, können wir aber auch Szenen nachspielen oder erfinden. Xenia hat das auf einigen ihrer Fotos gezeigt. Simone, Du bist Performance Künstlerin. Was macht die Performance für Dich so attraktiv?

SL: Es war Silvia, die gleich zu Beginn unserer Zusammenarbeit sagte, dass wir eine Performance ins Programm einbauen sollten.  Es brauchte Zeit, ein Gefühl für das gesamte Konzept zu bekommen, abzutauchen und mich auf eine Reise zu begeben, unserer Reise während der Zusammenarbeit. So entschieden wir uns für zwei kleine Stücke, die den Kern des Audismus darstellen. Das erste beinhaltete die physische Angst vor Hörende, eine Haltung, die uns Stress in der Welt der Hörenden hervorruft, die noch viel zu selten ein Gehör in der Welt der Hörende findet.

Das zweite Stück war für mich spannender, da ich mich in der Rolle einer oralistisch ausgerichteten Lehrperson befand. Silvia spielte eine taube Schülerin. Ich habe bewusst meine Performance etwas ausladend gespielt, als würde ich einer Klavierschülerin zuhören. Es war mir schon etwas klamm und ich achtete darauf, Silvia als Schülerin miteinzubeziehen, ohne sie vor dem Publikum bloßzustellen. Ich versuchte mehr, das Bild eines „Obertaubstummenlehrers“ (ein Schimpfwort von uns) nachzuempfinden, um zu zeigen, wie absurd die erlebte Wahrheit ist.  Ich machte mir um Silvia Sorgen… (lacht).  Wir hatten es nur einmal vorher geprobt, daher haben wir auf der Bühne mehr improvisiert.  Sehr viele Hörende denken oft, dass wir in der Schule in Gebärdensprache unterrichtet werden. Wenn wir das verneinen müssen, sind sie oft erschrocken.  Da fragt man sich natürlich, in welcher wahren Welt wir taube Menschen leben?  Die performten Szenen empfand ich ein bisschen befreiend und beklemmend zugleich.

SG: Für mich war es das erste Mal überhaupt, etwas zu „performen“. Ich war schon ziemlich aufgeregt. Und dann gleich ein audistisches Stück, wo ich meine Stimme vor dem gemischten Publikum entblößte. Das ging nicht gerade wie Öl an mir runter. Aber es hat geklappt, weil ich Simones Führung vertrauen konnte.

ae: Was wünscht Ihr euch für die Zukunft?

XD: Es besteht an hoher Bedarf für Aufklärungsarbeit und es ist enorm wichtig, dass der Begriff „Audismus“ sich durchsetzt. Es müssen immer mehr davon erfahren. Mir ist aufgefallen, dass nur ganz wenige den Begriff kennen und da sieht man, dass die Zeit reif ist, sich weiterhin mit dem Thema zu beschäftigen. Vor allem habe ich großes Interesse daran, mich damit fotografisch weiter auseinanderzusetzen. Damit möchte ich etwas bewirken.

SG: Die Veranstaltung war erst der Anfang. Es wird weitergehen. Ich wünsche mir künftig einen stetigen Austausch zwischen Betroffenen aller Diskriminierungsformen und ein gemeinsames Auffangen von Privilegien verschiedenster Art. Nur so kann mehr Akzeptanz und Verständnis füreinander entwickelt werden. Die Welt ist hart genug, warum sollen wir uns auch noch gegenseitig verletzen und ausschließen?

Die Veranstaltung wurde gefördert von Aktion Mensch und fand im Rahmen der iQt-Reihe „Wann wird es Gewalt?“ als Teil von Caring for Conflict statt.

Der Beitrag ist bereits auf dem Blog von Caring For Conflict erschienen. Ein weiterer Beitrag zur Veranstaltung aus Perspektive einer hörenden Person (Lisa Scheibner) ist dort ebenfalls erschienen.

 

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