Navigation Kulturelle Bildung

Moveo ergo sum. Künstlerisches Bewegungslernen im inklusiven Zentrum für bewegte Kunst

Das 2011 gegründete Berliner Zentrum für bewegte Kunst (ZBK) ist ein künstlerisches Projekt mit sozialer Verantwortung für eine inklusive Gesellschaft. Es bietet für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Trisomie 21 und anderen mentalen Besonderheiten Entwicklungsräume, in denen diese auf der Grundlage ihrer alternativen kognitiven Strukturen und Weltzugänge ihre sozialen, kommunikativen und künstlerischen Potentiale entfalten können. Die Artist*innen des Circus Sonnenstich werden im ZBK zu Experten für Bewegungskünste im Bereich Zirkus und Tanz ausgebildet. In den Kerngruppen des Circus Sonnenstich trainieren aktuell 50 Artist*innen im Alter von 11 bis 34 Jahren. Das ZBK arbeitet dabei mit der Idee und der Verantwortung einer „lifetime companionship“. Wer einmal zum Circus Sonnenstich kommt, ist eingeladen, sich dort ein ganzes Leben weiter entfalten zu können. Das schließt neben der künstlerischen Arbeit auch eine ganzheitliche Lebensbegleitung mit ein.

Ein Beitrag von Michael Pigl-Andrees

Foto: Sandra Schuck
Foto: Sandra Schuck

Die inklusive Didaktik des ZBK

Das ZBK hat auf der Basis seines bereits 1997 gegründeten Circus Sonnenstich in einem forschenden Dialog gemeinsam mit den Artist*innen Methoden und Handlungskonzepte für eine ganzheitliche Bewegungs- und Bildungskünste ausgearbeitet. Mit dem ab 2019 in IN.ZIRQUE umbenannten Programm wird seit 2015 im Zusammenklang mit der Schauspielmethodik nach Michael Chekhov eine ganzheitliche inklusive Didaktik für Bewegungskünste gestaltet, welche von einem inklusiven Leitungsteam in berufsbegleitenden Weiterbildungen an Teilnehmer*innen aus ganz Deutschland vermittelt wird. 2016 hat das ZBK mit „IN.CIRQUE – Werkzeuge, Methoden und Visionen für eine inklusionsorientierte Zirkuskunst ein 56-seitiges Magazin auf seinem ersten bundesweiten Fachtag vorgestellt. Am 14. und 15. September 2019 veranstaltet das das ZBK in Berlin erstmals einen 2-tägigen Kongress und wird dabei auch das vertiefende zweite IN.ZIRQUE-Magazin präsentieren. (weiterführende Texte, Videos und Fotos auf www.zbk-berlin.de)

Foto: Sandra Schuck
Foto: Sandra Schuck

Zum Konzept „Moveo, ergo sum“

Die IN.ZIRQUE-Didaktik arbeitet mit einer erweiterten Idee von Kinästhetik als Basis für ganzheitliches Bewegungslernen. Die Fähigkeiten zum bewussten Bewegen und Gestalten von Bewegungen sind notwendig für ein Sich-Selbst-Bewusst-Werden. Das daraus resultierende körperliche Selbst-Bewusstsein ist eine zentrale Grundlage zur Wahrnehmung und Ordnung der eigenen Person und der Welt und der Kommunikation mit der Welt. Der folgende geschichtliche Rückblick belegt die Notwendigkeit eines differenzierten künstlerischen Bewegungskonzeptes im Rahmen der IN.ZIRQUE-Didaktik des ZBK (Bei Interesse das folgende Feld einfach aufklappen):

Die Wortschöpfung „kinaesthesis“ ist hierbei eine Kombination der altgriechischen Wörter κινέω (kineō „bewegen, sich bewegen“) und αἴσθησις (aisthēsis „Wahrnehmung, Erfahrung“). Die Wurzeln zu diesem Konzept liegen bereits im 19 Jahrhundert. Im Aphorismus des spanischen Arztes Antonio Alonso Cortés (1866) „moveo, ergo sum“ (ich bewege mich, also bin ich) kommt bereits die Verbindung von eigener Bewegung mit Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung zum Ausdruck. Er bezieht sich dabei auf John Locke und dessen grundlegender Unterscheidung zwischen „sensations“ (äußere Eindrücken) und „reflections“ (innere Eindrücke). Komplexe Ideen und komplexes Handeln auf Basis einer Schulung der Sinne entstehen durch Vergleichen, Zusammensetzen, Abstrahieren, Kombinieren und Gestalten.

Eine weitere Quelle für die Entwicklung der Kinästhetik liefert 1824 der Anatom und Physiologe Sir Charles Bell, der erstmals einen Muskelsinn („muscular sense“) beschreibt und für den er 1833 auch die Bezeichnung sechster Sinn („sixth sense“) einführt.

Wahrnehmungen über das Bewegungsempfinden entlang des Muskelsinnes bezeichnet der Neurophysiologe Charles Scott 1906 erstals als „proprioceptive“. Die wörtliche Übersetzung von Propriorezeption ist: Die Inbesitznahme des Eigenen.

Das ist auch 110 Jahre nach dieser Definition ein wunderbares Programm: Eine Sinnes- und Wahrnehmungsschulung über eine Kultivierung von Bewegungserkundung und Bewegungsforschung zur als Grundlage für Selbst-Bewusstsein und damit Inbesitznahme des Eigenen!

Aus einem anderen Zugang heraus formuliert der amerikanische Psychologe Edmund Burke Delabarre 1891 in seiner Dissertation „Über Bewegungsempfindungen“, dass Sinnesempfindungen nur möglich sind in Verbindung mit der Wahrnehmung von bewusst gemachten äußeren Bewegungen. Er beschreibt die Eigenbewegungen des Menschen als Grund legendes Organisationsprinzip alles Lebendigen mit dem Ziel, die Wahrnehmung der Außenwelt steuern zu können. Die Selbststeuerungskompetenzen des Menschen sind also zentral verbunden mit bewussten und aktiv gestalteten Bewegungsformen.

Foto: Sandra Schuck
Foto: Sandra Schuck

Die IN.ZIRQUE-Didaktik beruht im Kern auf 4 Aspekten des Bewegungslernens:

Fokus 1: Technik vermittelt Kindern und Jugendlichen Werkzeuge, mit denen sie angemessen auf körperliche Herausforderungen reagieren können.

Das Erarbeiten von Bewegungsherausforderungen verlangt von Trainer*innen daher die konsequente Beachtung folgender Aspekte:

  • Die gestellten Aufgaben mussen den aktuellen  körperlichen und psychischen Fähigkeiten des Kindes entsprechen. Dazu gehört das Bewusstsein für und die Berücksichtigung von entwicklungsbezogener, individueller physischer und psychologischer und gesundheitsbezogener Aspekte.
  • Die gestellten Aufgaben beruhen auf der Berücksichtigung bewegungstechnischer Regeln, die den Kindern und Jugendlichen vertraut und bewusst sind. Die Trainer*innen beziehen sich dabei auf physische & biomechanische Gesetzmäßigkeiten der jeweiligen Bewegungsaufgaben. Sie arbeiten mit einem klaren Fokus auf eine zweckmäßige, sichere und gesunde Bewegungsgestaltung.
  • Die Trainer*innen geben den Kindern und Jugendlichen eine Gewährleistung uneingeschränkter Sicherheit (besonders im Fall des Scheiterns). Natürlich gibt es in jedem Training Möglichkeiten für einen Misserfolg. Die Trainer*innen tragen aber die Verantwortung dafür, dass Kinder und Jugendliche in allen Situationen durch eine ganzheitliche Bewegungsbegleitung vor Unfällen geschützt sind.  Die Kinder und Jugendlichen werden dadurch bereit, sich komplett und ganz bewusst auf jede Aufgabe einzulassen und erwerben die Kompetenzen, Bewegungsherausforderungen selbständig zu gestalten und zu kontrollieren.
  • Die Trainer*innen sind mit ihren technischen, pädagogischen und künstlerischen Kompetenzen dafür verantwortlich, dass Risikofreude und sichtbares Talent keine Voraussetzung bei Kindern oder Jugendlichen zum Erlernen von Zirkustechniken sind. Zirkuspädagog*innen geben Kindern und Jugendlichen einen sicheren Rahmen, in dem diese im Erarbeitungsprozess Selbstbewusstsein erlangen und durch das Meistern von Aufgaben Stück für Stück Mut gewinnen können. Mut ist also keine Voraussetzung für Zirkus – Mut kann und darf in Kindern und Jugendlichen wachsen durch eine kompetente Begleitung der Trainer*innen.

Fokus 2: Für die Zirkuspraxis braucht es zum Verstehen und Meistern von Techniken nach Samuel Jornot einen mehrdimensionalen Ansatz:

  • Der bewusste Umgang mit Technik ist eine Verhaltensweise, um das Meistern von Aufgaben zu optimieren.
  • Das Bewusstsein für Technik-Sicherheit ist eine zentral zu vermittelnde Methode, um Erfolg kontrollierbar UND wiederholbar zu machen.
  • Ein sinvolles Technik-Training findet statt, wenn der Fokus auf dem Lernprozess und nicht auf dem Resultat, also dem fertigen Trick liegt. Die Technik-Idee nach Jornot beschreibt individuelle und alternative Wege zum eigenständigen Erarbeiten von Tricks und keine festgelegte Ausführung eines Tricks.
  • Technische Kompetenzen sind ein Mittel zur Erlangung von Selbständigkeit und Selbstsicherheit. Sie erlauben die Auslotung eigener Grenzen und das bewusste Einsetzen persönlicher Stärken bei gleichzeitigem behutsamem Umgang mit (noch) vorhandenen Schwächen.

(Nach Samuel Jornot „Zirkuspädagogik – Techniktraining oder Kunsterziehung?“/ in: Zeitschrift für Erlebnispädagogik 2007, Heft 11/12 Themenheft: Zirkuspädagogik – Versuch einer Standortbestimmung,S. 22-29).

Heinrich Jacoby lenkt im Bereich der Bewegungsausführung den Fokus auf einen Qualitätsbegriff, den er aus einer Rückbesinnung auf die grundlegende Bedeutung von „Bewegung“ heraus ableitet.

Zum Wesen von Bewegung

  • Bewegen kommt von Weg und Wagen. Jacoby definiert demgemäß Bewegung folgendermaßen: Ein Objekt oder eine Last muss von einem Ort an einen anderen Ort bewegt werden. Ein angemessenes Bewegen ist erreicht, wenn der eingesetzte Energieaufwand des Körpers für den Transport einer Last zu einem gewünschten Ziel der körperlichen Herausforderung entsprechend ausbalanciert ist.
  • Ökonomisch und zweckmäßig ist eine Bewegung, wenn der Körper sich im Bewegungsablauf so optimal wie möglich regenerieren kann. Das bedeute: Es wird nur so viel Kraft eingesetzt, wie es notwendig ist und mit so viel Entspannung gearbeitet, wie es möglich ist. Wenn ein Mensch seine Bewegungen in diesem Sinne bewusst steuern kann, hat er die Möglichkeit sich zu entfalten.

Zum Entstehen von Bewegungsqualität durch eine Beziehung zur Bewegung

Jacoby stellt in Bezug auf eine Bewegungsherausforderungen eine überraschende Frage: Sache, was willst Du von mir? Diese Frage öffnet einen Raum zur Erforschung folgender Aspekte:

  • Die „Einstellwirkung“
    - Das Objekt (der Raum, der Boden, der/die Partner*in), mit dem ich mich beschäftige, wirkt spezifisch auf mich ein.
    - Bei Erlernen von Techniken im Bereich Jonglage und Diabolo: Bedingt durch die Gesetze der Schwerkraft WILL das Requisit zum Boden herunter fallen. Diesen Impuls kann ein Jongleur aufnehmen und – entsprechend dem Aikido-Grundprinzip – in Schwung verwandeln und wieder als Energie freisetzen.
    - Beim Erlernen von Techniken im Bereich von Akrobatik: Duo- oder Gruppenübungen beruhen immer auf einem Dialog mit Partnern. Miteinander klärt man körperlich und verbal: „Was brauchst du von mir? Was kannst Du mir geben? Darüberhinaus kann es auch eine Art Dialog zwischen dem Körper der Übenden und dem Boden geben – und selbstverständlich auch einen Dialog zwischen den Ausführenden von trick-technischen Bewegungen und unterstütztenden Bewegungsbegleiter*innen.
  • Das spielerische Zusammenwirken unseres komplexen Hebelsystems
    - Um eine Distanz und Richtungen zu bewältigen, braucht es ein analytisches Körperwissen und ein Bewusstsein für Körperorganisation: Wie setze ich meinen Körper ein? Welche Möglichkeiten habe ich, um die verschiedenen Hebelsysteme meines Körpers in eine Harmonie zu bringen? Wie kann ich mir aufgrund meiner individuellen Konstitution die Ausführung von Bewegungen leicht machen?
  • Die Frage nach dem Kontakt mit der zu bewegenden Sache
    - Auf der Grundlage von wirklichem Anwesendsein und der Qualität von Stille (offene Präsenz) kann ich Kontakt aufbauen: Zum Boden, der mich trägt, und zu Partnern, die sich gemeinsam mit mir bewegen. Kontakt ist ein Hinspüren, das einen sanften Austausch von Informationen ermöglicht. Eine solche Qualität von Kontakt gibt die notwendige Bewegungssicherheit, um individuelle Bewegungsherausforderungen annehmen und ausführen zu können.

Zu den Zielen eines zweckmäßigen und angemessenen Bewegen

  • Entwicklung der Fähigkeiten für ein„entfaltendes Bewegen“ (vergleiche hierzu das Buch von Elfriede Hengstenberg „Entfaltungen“)
    - Wie können sich Menschen anhand eines Bewusstseins für ein inneres Erleben von Bewegungen und anhand der bewussten Anwendung von Bewegungsprinzipien körperlich  vorbereiten und so entfalten, dass sie sich von innen heraus frei, gelöst und gesund bewegen können?
  • Entwicklung der Gestaltbarkeit von Bewegungen
    - Wie können Menschen in ihren Bewegungaktivitäten eine Qualität entwickeln, mithilfe derer sie sich trotz Einsatz von Kraft und Energie gleichzeitig auch so optimal wie möglich regenerieren können? Wie findet man einen angemessenen Kraft- und Spannungsaufwand, um sich entspannt zu bewegen – und bei optimaler Bewegungsgestaltung: Wie kann ein Körper sich auch in herausfordernden Bewegungen weiter entfalten?

(nach Heinrich Jacoby, in: Jenseits von begabt und unbegabt. Zweckmäßige Fragestellungen als Schlüssel zur Entfaltung des Menschen, Christians Verlag 1987, gebundene Ausgabe, S. 463)

Im Fokus steht die individuelle Handlung an sich, die geprägt ist von der Ernsthaftigkeit, persönlichen Wahrheit und Authentizität der Artist*innen

  • Konventionelle Perspektive: Es wird nur scheibar objektiv das Niveau der Leistung bewertet. Dabei liegt der Grundirrtum in der Verwechslung von Leistung und Ergebnis (in Anlehnung an die Forschung des Hamburger Professors Andre Frank Zimpel). Denn in der Beurteilung von Leistung muss man individuelle körperliche Grundvoraussetzungen berücksichtigen. Zum Beispiel erbringen Menschen mit Trisomie 21 aufgrund des im Vergleich zu neurotypischen Menschen verringerten Acetylcholin-Haushaltes bei gleichem Ergebnis eine viel größere Leistung bei Bewegungsaufgaben. Das bedeutet:
    - Eine Verkürzung auf einen ergebnisorientierten Blick verhindert eine balancierende Sichtweise von persönlicher Leistung und Authentizität der individuellen Bewegungsgestaltung.
    - Elementar ist also eine Orientierung an einem erweiterten und subjektorientierten Leistungsbegriff im Sinne von individueller Exzellenz. Diese Orientierung ist die Grundlage für Entwicklungsräume, in denen Menschen Grenzen überschreiten und und über sich hinaus wachsen können.
    - Perspektivwechsel: Wenn die situative und persönliche wahrhaftige Auseinandersetzung der individuellen Artist*innen berücksichtigt wird, kann jeder noch so einfache Trick eine einmalige Wirkung entfalten, indem jede Bewegungsgestaltung im Moment des Tuns immer wieder neu erarbeitet wird.

Es geht um eine persönliche, individuell ausgerichtete Technik

  • Das Bewegungslernen hat einen ausgesprochen individuellen und situativen Ansatz: Jede Technik wird im Moment des Tuns neu entdeckt und mit individuellen Nuancierungen neu erfunden.
  • Für Trainer*innen bedeutet das: Jede Technik kann individuell gestaltet und begleitet werden entlang persönlicher Stärken und Schwächen, individueller Rhythmen und entsprechend eigener Wertigkeiten und Vorlieben der jeweiligen Artist*innen.

Eine so verstandene Technik wird zur „Materie von Phantasie“ (Jornot)

  • Nach Jornot ist jedes Techniktraining experimentell. Es baut auf kreativen Methoden der Trainer*innen und den individuellen Phantasien der Artist*innen auf. Der Mensch als Künstler*in erarbeitet sich seinen individuellen Fähigkeiten entsprechende Techniken mit persönlichen Varianten.
  • In der ernsten und aufrichtigen Auseinandersetzung mit Techniken kann jede Artist*in allein durch die Wahrhaftigkeit ihrer Bemühungen einen künstlerischen Charakter entwickeln.
  • Technik wird also zur „Materie von Phantasie“: Die Basis ist ein Durchdringen und gewissermaßen„Durchkneten“ von Techniken. In einem zweiten Schritt folgt ein Verstehen aus einem inneren Erleben heraus. In einem dritten Schritt wird eine individuelle Bearbeitung und künstlerische Gestaltung der Technik möglich. Damit kann bereits die Ausführung einer Technik eine künstlerische Wirkung entfalten.
  • (nach Samuel Jornot, Quelle: siehe oben)

Die IN.ZIRQUE-Didaktik bezieht sich in seinen Wurzeln auf das Konzept der Kinästhetik als Lehre von wahrgenommener Bewegungs-Empfindung. Kinästhetik bedeutet eine über Sinneskanäle vermittelte gegenseitige Bewegungsanpassung in einem mehrdimensionalen Zusammenwirken mit Partner*innen. Gemeinsame Bewegungsaktionen mit Partner*innen werden durch ein Ineinanderwirken von sensorischen und motorischen Leistungen im Zusammenspiel mit Sinnesrückmeldungen von Partner*innen möglich. Zentrale Aspekte dafür sind:

  • Bewegungen sind gekoppelt an Beziehungen zu Bewegungen der jeweiligen Partner: Interaktionen bedeuten immer ein WECHSELSEITIGES LEITEN UND BEGLEITEN.
  • Auf der Grundlage von KONTAKT - als wechselseitiges körperliches Wahrnehmen und Erspüren – werden Bewegungsinformationen ausgetauscht und Bewegungen synchronisiert.
  • In der Interaktion entsteht ein Zusammenklang von folgenden Bewegungscharakteristika:
    - zeitliche Aspekte, räumliche Aspekte formenspezifische, kraftdynamische und rhythmische Aspekte von Bewegungen (vgl. dazu die IN.ZIRQUE-Kultur für Akrobatik in Verbindung mit Eric Franklin’s Konzept „Bewegung beginnt im Kopf“)

Kinästhetik im Zusammenklang mit Aspekten von Körperbildern auf der Basis der IN.ZIRQUE-Didaktik des ZBK und Grundideen der Michael Chekhov Arbeit

Jedes Bewegungslernen baut auf dem Zusammenklang vieler Kommunikations- und Sinneskanäle auf.
Es wird von einer ganzheitlichen „Körpergrammatik“ (mit spezifischen Regeln und Prinzipien) gestützt. Damit ist die Grundlage einer für alle Menschen leicht verstehbaren Bewegungs-Sprache gelegt.
Die Grundformen aller Bewegungsformen und Techniken werden auf der Basis des variantenreichen Systems der „7 Tiere“ der IN.ZIRQUE-Akrobatik erarbeitet. Dieses System bietet vielfältige Möglichkeiten zur individuellen Anpassung von akrobatischen Bewegungen. Die Artist*innen können damit für konkrete Bewegungsherausforderungen angemessene Haltungen in minimaler und maximaler körperlicher Entfaltung, sowie einer mittleren körperlichen Ausdehnung (Kompaktheit) entwickeln. Sie erarbeiten sich damit unterschiedliche Bewegungsqualitäten und Bewegungsdynamiken. Die Bewegungssprache der „7 Tiere“ ist dabei auf ein großes Repertoir von Partnerübungen und Gruppenchoreographien ausgerichtet. In den dabei entstehenden Bewegungs-Dialogen werden weitere IN.ZIRQUE-Strukturprinzipien etabliert, deren Basis das Prinzip „Kontakt“ liefert.

Um qualitätvoll mit dieser Bewegungssprache arbeiten zu können, braucht es Werkzeuge, die IN.ZIRQUE aus den Grundlagen der Michael Chekhov Technique bezieht. Kontakt bedeutet zunächst in Kontakt mit dem eigenen Körper zu sein: Wo fängt mein Körper an? Wo hört er auf? Wo fängt die Beziehung zu einem anderen Körper, dem Boden und dem umgebenden Raum an? Die erforschende Beschäftigung mit den physischen Qualitäten von Ausdehnung und Zusammenziehen, Schwere und Leichte, sowie mit dem Dreiklang von Wille (Bewegung / Beine), Wahrnehmung (Kopf / Sinne) und Fühlen (Imaginäres Zentrum Brust) vermittelt elementare handwerkliche Mittel für die eigene Entfaltung.

(in Bezug auf das Kinästhetik-Konzept von Ina Citron, Kommunikatives Bewegungslernen, Georg Thieme Verlag, 2. Auflage 2004, S.10/11 – aber auch in Bezug auf das von Anna-Katharina Andrees entwickelte Bewegungskonzept auf der Grundlage der Michael Chekhov Technique und der IN.ZIRQUE Kultur der Akrobatik von Michael Pigl-Andrees)

Foto: Sandra Schuck
Foto: Sandra Schuck

Kurze Zusammenfassung des Konzeptes „moveo ergo sum“

Bewegungslernen mit den Mitteln des Zirkus ist in der IN.ZIRQUE-Didaktik mehr als ein körperliche Ergänzung zu allgemeinen Bildungsprozessen. Es geht um nicht weniger als um die Erfahrung der Selbstwirksamkeit und persönlichen Gestaltungsmöglichkeiten. Im Zusammenklang der Ansätze von Samuel Jornot, Heinrich Jacoby, Ina Citron, Michael Chekhov und Michael Pigl-Andrees versteht IN.ZIRQUE Bewegungslernen ganzheitlich im Zusammenwirken der 4 Ebenen von Technik-Lernen als Vermittlung von Werkzeugen, Bewegungsqualitäten, künstlerischen Gestaltungsprozessen und kommunikativen, sowie choreographischen Bewegungsdialogen.

Die Schulung der Sinne und der Wahrnehmung ermöglichen eine bildhafte und analytische individuelle Bewegungsforschung: Auf der Grundlage einer körperlichen (corporal) Basisarbeit und zirkustechnischen Formgebung fördert die IN.CIRQUE-Didaktik den Aufbau einer „corpo-real identity“. Elementare Körpererfahrungen (corporal experiences) werden in Zirkustechniken „übersetzt“. Die artistische Körperarbeit ist eine konkrete Realität. Die Artist*innen im ZBK können sich auf dieser Grundlage mithilfe eines sich ausdifferenzierendes Körperbewusstsein Schritt für Schritt Selbstbewusstsein und eine Stabilisierung der eigenen Person als „corpo-real identity“ erarbeiten. Eine solche Inbesitznahme des Eigenen (Propriorezeption) ist insbesondere für Menschen, die vielfältige Ohnmachtserfahrungen im Leben haben, die „außer sich“(also noch nicht in einer körperlich-seelischen Balance) sind, eine notwendige Grundlage, um die persönliche Selbstermächtigung (Empowerment) selbst in die Hand nehmen zu können.

Ausblick

Für die praktische Umsetzung dieses ganzheitlichen Bewegungskonzeptes und zur Erforschung von Zugängen zu Bewegungskünsten für alle Menschen entlang eines „universal designs“ (Begriff aus der UN-Behindertenrechtskonvention) hat die IN.ZIRQUE-Didaktik ein vielfältiges Methodenrepertoir entwickelt. In Ergänzung zu den hier beschriebenen 4 Zugänge zum Bewegungslernen kommen im Rahmen der IN.ZIRQUE -Didaktik weitere Methoden wie das metaphorische Arbeiten (als „mentale Werkzeuge“ nach Michael Pigl-Andrees) und die Schulung der Imagination und Intuition (nach Michael Chekhov) hinzu. Zentral ist dabei, jeder Bewegung durch ein inneres Erleben eine Seele geben zu können. Für die IN.ZIRQUE-Didaktik ist das eine grundlegende Voraussetzung zur Erforschung einer inklusiven Bewegungs-Kultur.

„I am a creative artist. I have the ability to radiate. Lifting my arms above me, I soar above the earth. Lowering my arms, I continue to soar. In the air moving around my head and shoulders, I experience the power of thoughts. In the air moving around my chest, I experience the power of feelings. In the air moving around my legs and feet, I experience the power of will. I am that.“ (Michael Chekhov)

Texte zur IN.ZIRQUE-Didaktik:

  • „IN.CIRQUE – Werkzeuge, Methoden und Visionen für eine inklusionsorientiere Zirkuskunst (Magazin, 56 Seiten, erschienen 2016, erhältlich über ZBK e.V. à info@zbk-berlin.de)
  • Im September 2019 erscheint das neue Magazin des ZBK im Rahmen der Fachtagung IN.ZIRQUE – inklusionsorientierte Bewegungskünste am 14. und 15.09.2019 im Jugendkulturzentrum Pumpe.
Foto: Kulturprojekte Berlin / Oana Popa-Costea
ZUSAMMENFASSUNG KUBINAUT – PARTNERBÖRSE #7 ZUM THEMA "BODY-CHECK"

Am 18. Oktober 2018 fand die Kubinaut – Partnerbörse Kulturelle Bildung #7 zum Thema Body-Check – Körper und Identität in der Kulturellen Bildung in der Stadtvilla global statt. - Ein Nachbericht in Wort und Bild.

Mehr…
Foto: Sandra Schuck
Foto: Sandra Schuck
Moveo ergo sum. Künstlerisches Bewegungslernen im inklusiven Zentrum für bewegte Kunst

Das ZBK hat auf der Basis seines bereits 1997 gegründeten Circus Sonnenstich in einem forschenden Dialog gemeinsam mit den Artist*innen Methoden und Handlungskonzepte für eine ganzheitliche Bewegungs- und Bildungskünste ausgearbeitet.

Mehr…