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Zum Nachhören & -lesen: "Ander(e)s Erzählen – Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur"

Der Geschäftsbereich Kulturelle Bildung von Kulturprojekte Berlin lud am 16. Mai 2019 zu einer Lesung und einem gemeinsamen Diskussionsabend zum Thema „Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur“ ein.

Ein Beitrag von Justine Donner

Foto: Kulturprojekte Berlin/ Justine Donner

Lesen und Schreiben sind universelle Grundrechte. Doch nicht alle Bücher sind auch für alle zugänglich: Zum  einen ist nicht jedes Buch in Bibliotheken kostenfrei verfügbar, in Braille gedruckt oder in leichter Sprache verfasst. Blinde oder sehbehinderte Kinder kommen oftmals erst mit Schuleintritt mit Büchern in Kontakt, da taktile Bilderbücher teuer und selten sind. Zum anderen bleiben Menschen mit Rassismuserfahrungen, mit Behinderung und auch Kinder und Jugendliche gerade in Fragen der (Selbst-)Repräsentation viel zu oft außen vor: Geschichten mit Schwarzen Jugendlichen oder Kindern im Rollstuhl als Hauptfiguren sind in deutschen Buchhandlungen schwer zu finden. Diese Tatsachen haben auch die immer noch bestehende mangelnde Diversität innerhalb der Autor*innenschaft zur Folge.

Bei der Veranstaltung wurden die beiden Ebenen – Zugänglichkeit von und Repräsentation in Büchern – zusammengeführt werden, um sich einem umfassenderen inklusiven Verständnis von Literatur anzunähern: Wie lässt sich die Vielfalt unserer Gesellschaft auch in Kinder- und Jugendliteratur abbilden? Welche Vorbilder gibt es in Büchern für junge Menschen bereits und welche fehlen?  Wie können Pädagog*innen und Kulturschaffende Kinder- und Jugendliche dabei unterstützen, sich mit marginalisierten Perspektiven auseinanderzusetzen und selbstbestimmt ihre Geschichten mit eigenen Ausdrucksmitteln zu erzählen? Wie lassen sich Zugänge zu einem solchen Erzählen, z.B. durch leichte Sprache oder Audiodeskription, schaffen?

Zum Nachhören:

 

Nach ihrem Gedichtvortrag diskutierte die Lyrikerin und Kunstvermittlerin Katrin Dinges gemeinsam mit Muna Aikins (Beauftrage für Inklusion und Intersektionalität, EOTO e.V. & Freie Trainer*in, I-Päd), Suse Bauer (Illustratorin und Projektleitung, KIMBUK – Das erste vielfältige Kinderbuchfestival in Deutschland) und Gregor Strutz (Geschäftsführer, inkl. Design). Moderiert wurde der Abend von Marwa Al-Radwani (Teamerin für Politische und Kulturelle Bildung).

Marwa Al-Radwany betonte bei ihrer Einführung das Menschenrecht auf Kulturelle Teilhabe. Dabei müssten insbesondere Menschen, die strukturell von dieser Teilhabe ausgeschlossen werden und keine große Lobby haben  – Kinder, Jugendliche, Menschen mit Beeinträchtigungen – berücksichtigt werden. Aus diesem Grund sei es ein Anfang, nicht zu schnell zu sprechen, damit die Gebärdensprachdolmetscher*innen Ihre Arbeit ohne Hektik machen können und gehörlosen Menschen eine qualitative Übersetzung gewährleisten können. Gerade im 30. Jahr der UN- Kinderrechtskonvention sei es auch wichtig, auch einen Blick auf die Kinder- und Jugendliteratur zu richten, was die Inhalte und auch die Form, also die Zugänglichkeit von Büchern betrifft. Literatur ermögliche eine spielerische Auseinandersetzung mit Themen außerhalb der eigenen Wahrnehmungswelt, Identifikation, Reflexion, Perspektivenwechsel und die Bildung von Empathie. Umso wichtiger, dass Literatur wirklich allen als Lesende, als Schreibende und als Illustrierende zugänglich ist.

Lyrikvortrag von Katrin Dinges
Lyrikvortrag von Katrin Dinges

Muna Aikins sprach von der Notwendigkeit der EOTO-Bibliothek als einen Ort für Empowerment für Schwarze Kinder und Jugendliche, die strukturelle Diskriminierung erfahren. Die Bibliothek beherbergt mittlerweile über 7000 Bücher mit afro-diasporischer Literatur aus der ganzen Welt. Dort findet auch die Kinder- und Jugendarbeit statt. Gerade für diese Zielgruppe sei es wichtig, von einer Kinder- und Jugendliteratur, aus der sie ausgeschlossen oder in der sie stigmatisiert werden, wegzugehen und ihnen einen Raum geben zu können, wo sie davon frei sein können.  Bei EOTO bedeutet  Literatur erschließen: 1. Empowerment durch Literatur, die es bereits gibt, die Schwarze Autor*innen geschrieben haben und die sie selbst abbildet. 2. Zugang zu Literatur durch Empowerment: Nachhilfe und  sich dabei mit Schulbüchern auseinandersetzen und wie sie darin vorkommen. EOTO arbeitet auch mit Eltern, wie sie mit fehlender Repräsentation in Schulbüchern ihrer Kinder umgehen können. Sie wies ebenfalls auf die Kinderbuchliste von I-Päd hin, wo besonders diversitätssensible Bücher empfohlen werden.

Suse Bauer sprach im Anschluss über die Kriterien und die Arbeit der Jurys beim Kinderbuchsiegel KIMI.  Es wird mit Expert*innen zum Themen Diskriminierungssensibilität, Familienkonstellationen etc. zusammengearbeitet und Kriterien entwickelt. Es gibt eine Erwachsenenjury aus Betroffenen (Expert*innen in eigener Sache) und mehrere junge Jurys (eine Kitajury, eine Kinderjury und eine Jugendjury). Je nach Alter werden die Kriterien anders diskutiert. So hat die Kinderjury die Kriterien auf kleinen Karten. Nachdem die Bücher zuhause gelesen werden, wird gemeinsam besprochen, ob Vielfalt nach Kriterien wie Race, Armut, Behinderung uvm. vorkommt. Suse Bauer betonte aber: Es handle sich um ein junges Projekt und einen Lernprozess: Es werden Fehler gemacht und daraus wiederum gelernt. Es wurde beispielsweise auch mit einer Supervisorin zusammengearbeitet. Man müsse bereit sein, zu akzeptieren, wie wenig man selbst weiß. Als Ergebnis wurden 40 Bücher mit dem KIMI-Siegel ausgezeichnet. 

Foto: Kulturprojekte Berlin/ Justine Donner

Katrin Dinges konnte aus ihrer eigenen Kindheit bestätigen, dass sie nicht allzu viele Bücher mit Menschen mit Behinderung kannte. Sie war sich aber ihrer eigenen  Behinderung noch nicht allzu bewusst. Als Erwachsene hat sie gezielt danach gesucht und dabei festgestellt, dass es nur wenige geeignete Bücher gäbe. Denn in einigen Kinderbuchklassikern gehe es darum, dass als Happy End am Ende der Geschichte die Behinderung einer Figur verschwunden ist. Doch für viele Kinder mit Behinderung gehe diese ja nicht einfach weg. Daher plädierte Katrin Dinges besonders für Bücher, in denen die Behinderung bleibt, aber andere Qualitäten eine Rolle spielen und so die Behinderung nicht in den Vordergrund gestellt wird. Das solle auch für andere Diskriminierungsformen gelten. Dieser Faktor spiele auch in ihrem eigenen Schreiben eine entscheidende Rolle, da Sie sich nicht als ein Mensch mit Behinderung, der schreibt, verstehe, sondern als eine Autorin, die zufällig auch eine Behinderung hat.

Auch Muna Aikins bestätigte den Umgang mit solchen Differenzkategorien: Diese würden überspitzt dargestellt. Entscheidend sei aber nicht, dass z.B. ein Schwarzes Kind in einem Buch vorkommt, sondern WIE es vorkommt: Ist es eine handelnde Person, die Heldin selbst und werden die Lebensrealitäten von Schwarzen Kindern repräsentiert oder ist es für ein weißes Publikum geschrieben, das auf ein Schwarzes Kind blickt? Es reiche nicht, zu sagen wir brauchen Vielfalt als Gütesiegel, sondern es brauche konkrete diskriminierungskritische Kinderbücher. Um das zu schaffen, brauche es Veränderung in den Strukturen des Literaturbetriebs, also auch Vielfalt innerhalb der Autor*innenschaft. Es genüge nicht, dass sich weiße Autor*innen mit Vielfalt auseinandersetzen.

Foto: Kulturprojekte Berlin/ Justine Donner

Gregor Strutz präsentierte im Anschluss sein Kinderbuchprojekt "Die Bunte Bande - Das gestohlene Fahrrad", das als erstes seiner Art inhaltlich und formal versucht möglichst inklusiv und barrierearm zu sein. Gleichzeitig betonte er vorab, dass auch dieses Projekt ein suchender Prozess ist und sicherlich nicht DIE Lösung. Entstanden ist ein Buch, das Kinder ohne körperliche Einschränkungen, Kinder mit Sehbehinderung und blinde Kinder, Kinder mit Lernschwierigkeiten und geistigen Einschränkungen oder Kinder mit Deutsch als Zweitsprache lesen können. Das Besondere an diesem Buch ist, das es nicht versucht, die verschiedenen Kanäle zu werten, sondern die Kanäle parallel und gleichberechtigt darstellt: Das Buch funktioniert mit Doppelseiten. Es gibt beispielsweise auch Medien, in denen leichte Sprache gelesen werden kann, indem man das Buch wendet.  Dies sei aber kein gleichwertiger Zugang, So Strutz. So können auch Kinder ohne Einschränkungen lernen, wie Inklusion funktioniert, etwa was Braille ist. So ein Projekt funktioniere nur als Gemeinschaftsprojekt unterschiedlicher Expert*innen (Gestalter*innen, Illustrator*innen, Autor*innen, Übersetzer*innen, Betroffene), um Inhalte und Form entsprechend anzupassen. Im Anschluss wurden Kinder befragt und das Buch getestet.

Katrin Dinges forderte mit Menschen zusammenzuarbeiten, die die Zielgruppe sind und die Bezug zu ihr haben.  Denn es gäbe für blinde und sehbehinderte Menschen auch im Internet große Hürden. Zudem sei es wichtig, inklusive Plattformen, Webseiten und Kanäle zu nutzen.

Foto: Kulturprojekte Berlin/ Justine Donner

Muna Aikins bestätigte diese Forderung: „Ganz entscheidend dabei ist, die Diskriminierungserfahrung von Menschen als Expertise anzuerkennen und entsprechend zu vergüten. Es geht um Lebensrealitäten, die mit einer bestimmten Analyse und Kompetenzen verbunden sind.“ Außerdem betonte sie die Notwendigkeit von Intersektionalität in Bezug auf Inklusion in Literatur: „Wenn in Büchern Rassismus thematisiert wird, dann soll es nicht nur darum gehen, dass ein Kind Rassismus erfährt, denn dieses Kind hat Mehrfachzugehörigkeiten. Wer wird dargestellt und auf welche Weise? Was wird beiläufig erwähnt und was in den Vordergrund gestellt? Wer wird ausgeschlossen? Wenn ein Buch für einen Teil zwar empowernd ist, aber auf Kosten der Diskriminierung von anderen, dann kann es nicht wirklich empowernd sein.“

Auf eine Frage aus dem Publikum, wie denn überhaupt mit Begriffen wie „Behinderung“ oder „Schwarz“ in der Literatur umgegangen werden soll, antwortete Frau Aikins abschließend, das Bezeichnungen notwendig seien, um bestimmte Lebensrealitäten überhaupt zu beschreiben. Entscheidend sei es, mit Begriffen mitzugehen, solange Sie Selbstbezeichnungen sind. Im Gegenzug könne man dabei helfen Fremdbezeichnungen zu dekonstruieren, da diese normieren und diskriminieren. So sei "Schwarz" ein politisches Wort und eine Selbstbezeichnung.

Foto: Kulturprojekte Berlin/ Justine Donner

Im Anschluss tauschten sich die Referierenden untereinander und mit dem Publikum informell aus. Außerdem wurden zahlreiche diskriminierungskritische oder barrierearme Bücher an einem Büchertisch präsentiert wie alle fünf Ausgaben von „Die Bunte Bande“, das Buch „Warum weint der Papa?“ und zahlreiche Bücher von Tebalou (Onlineshop für mehr Vielfalt im Spielzimmer).

Der Abend wurde von Justine Donner und Andrea Wenger konzipiert und organisiert.

Foto: Kulturprojekte Berlin / Oana Popa-Costea
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